Critical Mass

von Dave Holland Quintet

Derzeit nicht lieferbar

Label: Emarcy Records
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 43/2006

Zwar denkt der britische Bassist und Wahlamerikaner Dave Holland bei Besetzung nicht primär an Instrumentierung, sondern an die Musiker (siehe Falter 41/06), dennoch bezieht das Quintett seinen Reiz nicht zuletzt aus dem Klangbild: Statt Klavier gibt's Vibrafon/Marimba, die Bläser sind mit Saxofon und Posaune besetzt. Das ist nicht rasend unorthodox, aber immerhin apart. Selbiges lässt sich überhaupt sagen: "Easy Did It" nennt sich eine Nummer, und in der Tat schrammt das Album, sieht man von zum Teil recht ausführlichen, leidenschaftlichen Soli und gelegentlichen Ausflügen in ruppigere Spielformen kollektiver Improvisation ab, mitunter ein wenig am Easy Listening entlang. Alles sehr gekonnt gespielt, von eingängigem Swing getrieben und in subtilen Farben ausgepinselt ("arabische" Harmonien, Latin Groove), aber doch auch von einer kulinarischen Wohlproportioniertheit, der es an überraschenden, riskanten, verstörenden und wahrhaft packenden Momenten mangelt.

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2006 vom 27.10.2006 (S. 66)


Rezension aus FALTER 41/2006

"Miles Davis war demütig"

Der Weltklassebassist Dave Holland ist soeben sechzig geworden, demnächst erscheint sein jüngstes Album. Der "Falter" sprach mit ihm unter anderem über transkontinentale Kulturunterschiede und die Unwichtigkeit von Instrumenten.

Am 1. Oktober befand sich Dave Holland mit seinem Quintett gerade auf Südamerikatour in São Paolo und wurde zu Beginn des Konzerts mit "Happy Birthday" überrascht. Ob er an seinem sechzigsten Geburtstag nicht lieber frei gehabt und jemand anderen aufspielen lassen hätte? Holland winkt ab. "Ich hab's mir so ausgesucht", meint der freundliche Bassist, der aussieht wie Punxsutawney Phil kurz nach Feststellung des Frühlingsbeginns.

Holland hat das Parkett der internationalen Jazzwelt sehr jung und auf so ziemlich die bestvorstellbare Art betreten: Miles Davis hörte den Bassisten im legendären Londoner Ronnie Scott's Club und fragte, ob er nicht in seiner Band spielen wollte. Ein paar Wochen später übersiedelte der aus Wolverhampton stammende Bassist nach New York - ein kleiner Kulturschock, wie Holland am Telefon gesteht: "Ich war 21, ziemlich naiv und hatte mich bis dahin fast ausschließlich mit Musik befasst, sodass ich kaum etwas von dem mitbekam, was sonst noch auf der Welt passierte. Natürlich war es ein ziemlicher Bruch für jemanden, der aus einer nordenglischen Arbeiterstadt stammt."

Die gut zwei Jahre, in denen er in Davis' Band spielte, erlebte Holland als politisch und sozial turbulente, aber auch als musikalisch prägende Zeit: "Bei den Konzerten ging es nie bloß um Miles, sondern um jeden in der Band. Er war nie ein Diktator und erlaubte jedem der Mitmusiker, die eigenen Ideen zu verfolgen. In gewisser Weise war er ein sehr bescheidener, demütiger Mensch. Das andere, was mich sehr beeindruckt hat, war sein unglaubliches Verständnis von Einfachheit und davon, wie man sie benutzen konnte."

Mittlerweile lebt Holland seit fast vier Jahrzehnten in den USA - ohne dass dies sein britisches Idiom wesentlich korrumpiert hätte. Sein Urteil über die Unterschiede zwischen der Neuen und der Alten Welt fällt ambivalent aus: "Historisch betrachtet gibt es in Europa etwas mehr Unterstützung für Kultur. In den USA befinden wir uns in einer schrecklichen Situation: Das bisschen, was es einmal gegeben hat, ist fast gänzlich verschwunden. Das Gute daran ist, dass der Überlebensdruck auch die Konzentration fördern kann und verhindert, dass man selbstgenügsam wird."

Nach seiner Zeit mit Davis wollte Holland den schon davor beschrittenen Weg in Richtung freie Improvisation noch ein Stück weiter gehen. Er arbeitete mit Sam Rivers und Anthony Braxton zusammen, die dann beide auch auf Hollands Debüt als Leader zu hören sind, dem wunderbaren "Conference of the Birds" (1972), das "The Penguin Guide to Jazz" zu Recht in seine rund 200 Alben umfassende Basisbibliothek aufgenommen hat.

In den Achtzigerjahren entfernte sich Holland dann aber wieder von dem, was er lieber "offene Form" als freie Improvisation nennt: "Es ging mir um die Spannung, die zwischen Struktur und Improvisation entsteht. Lassen Sie es mich so sagen: Ohne ,Giant Steps' würde dem Jazzrepertoire etwas abgehen. Man könnte Hunderte von Jahren freie Improvisation betreiben, ohne dass dabei je etwas wie ,Giant Steps' entstehen würde."

Ebenfalls zu Beginn der Achtziger formierte sich auch Hollands erstes Quintett. Sein jüngstes, mittlerweile auch schon fast ein Jahrzehnt bestehendes, dessen jüngstes Album "Critical Mass" demnächst auf den Markt kommt, hat die Trompete gegen ein Vibrafon ausgetauscht, die Besetzung ansonsten aber beibehalten. Was erstaunlicherweise nicht mit den Instrumenten zusammenhängt. "Es ist nicht so, dass ich ein Instrument im Kopf hätte und dann nach jemandem suchen würde, der es spielen kann, sondern es ist genau andersrum: Ich habe einen Musiker im Sinn und überlege, mit wem man ihn zusammenspannen könnte. Es geht mir also nicht um die Posaune, sondern um Robin Eubanks, und auch das Vibrafon habe ich nur wegen Steve Nelson gewählt."

Zwischen den Musikern steht Dave Holland als Leader, der sich zwar das eine oder andere Solo gönnt, aber doch uneitle Basisarbeit leistet: "Es geht mir schon darum, dass ich mit den anderen Musikern in ein Zwiegespräch trete, allerdings soll die fundamentale Funktion des Basses als Begleitinstrument nie aus dem Auge verloren werden. Die tiefen Register sind einzigartig: Okay, die Posaune kommt da auch runter, aber sie tut es die meiste Zeit über nicht. Das bleibt also mir."

Über drei Jahrzehnte lang erschienen Dave Hollands Alben bei dem Münchner ECM-Label, das im Vorjahr erschienene "Overtime" seiner 13-köpfigen Bigband brachte Holland dann auf seinem neugegründeten Label Dare2 Records heraus: "Der Grund waren die Eigentumsrechte. Wenn man für ein anderes Label arbeitet, gehören denen die Master Tapes. Außerdem habe ich Ideen hinsichtlich des Internetvertriebs und Liveaufnahmen. So was funktioniert nur mit einem eigenen Label."

Mittlerweile umfasst Hollands Diskografie 18 Alben als Leader, etwa ebenso viele als Co-Leader und über 140 als Sideman. Welche davon er als repräsentativ betrachtet? "Meine Güte. ,The Oracle' mit Hank Jones und Billy Higgins, das neue Album mit dem Quintett und, ähm ... Das ist unmöglich! Tut mir leid, es ist absolut unmöglich. Ein gutes Album steht immer für die Zeit, in der es gemacht wurde. Insofern hoffe ich, dass das meiste von dem, was ich gemacht habe, den Musiker repräsentiert, der ich bin."

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2006 vom 13.10.2006 (S. 69)


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