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Rezension aus FALTER 41/2006

Saint Keith

Als er im Mai vergangenen Jahres seinen sechzigsten Geburtstag feierte und sich selbst mit der Veröffentlichung des live eingespielten Soloalbums "Radiance" beschenkte, verlieh Keith Jarrett im großen Falter-Interview auch seiner Überzeugung Ausdruck, "dass die Musik durch den ganzen Körper geht und diesen durch die Hände verlässt. Auf eine gewisse, seltsame Weise sind die Hände also am wenigsten wichtig." Der Ganzkörpereinsatz des Pianisten lässt sich nun auf der DVD "Tokyo Solo" (ECM/Lotus) überprüfen. Es hat nichts Athletisches, wie sich Jarrett da auf dem Schemel windet, über die Tastatur beugt, aufsteht, das Gesicht verzerrt, als würde er für Franz Xaver Messerschmitt Modell stehen. So konzentriert und ruhig der unter der Regie von Kaname Kawachi entstandene Mitschnitt auf der enigmatisch schlichten Bühne ist, die die meiste Zeit - so wie das überraschend ruhige Publikum - im Dunkel liegt (sieht man vom Spot auf den Pianisten und seinen Steinway-Flügel ab), so hat man doch immer wieder den Eindruck verletzter Intimität: So nahe möchte man einem, der mit der Übermittlung göttlicher Botschaften befasst ist, gar nicht immer sein.

Das zwei Stunden Musik umfassende Tokio-Konzert, von dem auf "Radiance" nur rund vierzig Minuten dokumentiert sind (den Großteil des Doppelalbums nimmt das kurz zuvor eingespielte Konzert in Osaka ein), ist über weite Strecken ebenso erratisch wie der Zusammenhang von Jarretts Motorik und dem, was man hört. Ohne Richtung und Melodie arbeitet er sich in breitangelegten und abrupt endenden Stücken über die Tastatur, findet dann wieder ein Wurmloch, das in wenigen Augenblicken Bach mit deutscher Romantik und Michel Legrand verbindet, und verwandelt sich dann plötzlich wieder in den guten alten Keith Jarrett.

Das nun auf einer Doppel-CD erschienene "Carnegie Hall Concert" (ECM/Lotus) aus dem September vorigen Jahres ist da um vieles zugänglicher. Es ist, als hätte er ab einem gewissen Zeitpunkt genug abgearbeitet und dürfe ab sofort wieder so schlicht, so schön, so ergreifend spielen, wie (fast) nur er es kann - ohne sich darin zu suhlen, wie in den schwer erträglichen Solokonzerten à la Köln & Co. "Part VII" klingt in seiner Simplizität so inbrünstig, als hätte Jarrett gerade "Let It Be" entdeckt, und die Draufgaben von Standards und eigenen Songs sind - wie im Falle des Tokio-Konzerts - allein schon die Anschaffung wert. Ein Stück heißt "The Good America". Der Mann ist Teil davon. Und hat unter uns gewohnt.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2006 vom 13.10.2006 (S. 70)


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