SHOW YOUR BONES

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Verlag: POLYDOR
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 24.03.2006

Rezension aus FALTER 14/2006

Die Geschichte der O

Vor drei Jahren war Karen O von den New Yorker Yeah Yeah Yeahs die weibliche Ikone eines neuen Rock 'n' Roll. Jetzt sucht die Sängerin nach melodischen Wegen, ihrem Publikum ins Gesicht zu schlagen.

Eine ihrer größten Charakterschwächen besteht laut Karen O darin, "dass mir alles immer gleich langweilig wird. Ich brauche immer neue Stimulation." Könnte sein, dass sie sich diesem Begehren am Vorabend ein wenig zu zügellos hingegeben hat, denn Karen O leidet an diesem wolkenschweren Londoner Nachmittag unter einem höllischen Kater. Ein über den Kopf gezogener dunkelgrauer Schal verbirgt ihr visuelles Markenzeichen, die charakteristischen schwarzen Nachttopf-Stirnfransen, und statt der berühmten grellen Kleider ihrer Schneiderin Christian Joy trägt sie bloß gewöhnliche Jeans. Doch auch abseits solcher Äußerlichkeiten möchte man kaum glauben, dass wir es hier mit jenem Über-Riot-Girl zu tun haben, als das die schrille Sängerin der Yeah Yeah Yeahs zwei Jahre lang mit solcher Selbstvergessenheit über alle Bühnen jagte, dass sie sich eines Abends in Australien bei einem Sturz beinahe das Genick brach.

Erstaunlicherweise sieht sie das selbst genauso: "Ich kann keinen Bezug zu der manischen Karen O von ,Fever To Tell' (dem 2003 erschienenen Debütalbum, Anm. d.Red.) mehr herstellen. Es ist komisch, über sich selbst in der dritten Person zu reden, aber Karen O ist eine Kunstfigur. Ich weiß auch, dass ich nicht mehr so wie früher über die Bühne laufen kann. Ich bin schließlich schon 27, und meine Knochen sind schon etwas spröder als sie einmal waren."

Jene euphorische Zeit, als die Yeah Yeah Yeahs als Teil einer Welle neuer New Yorker Bands den verschütteten Freigeist des Punk wiederentdeckten, scheint tatsächlich schon Ewigkeiten her zu sein. "In solchen Metropolen gibt es so was wie ein kollektives Unterbewusstes", meint O. "Plötzlich kamen all diese Bands aus ihren Löchern, und dann verschwanden sie auch gleich wieder. Die Aufbrauchsfrist ist minimal. Vielleicht ein Jahr oder anderthalb. Heutzutage haben alle so eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, dass man eben ein bisschen mehr bieten muss, um aufzufallen." Auf der Suche nach dem richtigen "bisschen mehr" beobachteten die Yeah Yeah Yeahs erst einmal in Ruhe die Fortschritte ihrer Zeitgenossen. Karen O nennt ohne Scheu konkrete Beispiele: "Ich fange einmal mit dem Positiven an: Eine gewagte Ansage war das zweite Album der Liars. Sie zogen einen Strich unter ihr Debüt und kriegten deshalb viel Ärger, aber es war großartig, denn alle Reaktionen darauf waren extrem. Das inspirierte uns sehr."

Einwurf: Kein Wunder, schließlich war O mit Liars-Sänger Angus Andrew liiert. "Ich hörte mir diese Liars-Platte sehr oft an. Sie hatte Eier aus Eisen und Eingeweide aus Stahl."

Schon gut, schon gut, und was waren die abschreckenden Beispiele? "Es gab endlos viele Bands, die dieselbe Platte zweimal machten. Die Strokes zum Beispiel wurden von der Kritik dafür gekreuzigt. Aber das wäre bei uns ohnehin nie passiert, denn inzwischen hatte sich so viel geändert." Zum Beispiel war O vom hektischen Brooklyn nach Los Angeles gezogen, wo sie neben der ersehnten Isolation auch jenes "natürliche Selbstvertrauen" fand, das sie in ihrem frenetischen Geltungsdrang zuvor "nur vorgetäuscht" hatte.

O. war Ende der Neunziger als 19-jährige Filmstudentin von Ohio ins gelobte Land New York gezogen. Dort lernte sie einen dürren, schwarz gekleideten jungen Mann namens Nick Zinner kennen, der ihre Songs zunächst an der akustischen Slidegitarre begleitete, ehe die beiden sich mit Schlagzeuger Brian Chase zu einem lärmigen elektrischen Trio umkonzipierten.

Von den ersten Takten des stark an Siouxsie Sioux erinnernden Openers "Gold Lion" bis zum fast schon countryesk lieblichen letzten Song "Turn Into" kommen diese akustischen Wurzeln auf dem zweiten Album "Show Your Bones" (produziert von Alan Moulder, dem Soundkaiser des Indierock der frühen Neunziger) nun prominent zur Geltung. Diese Wendung zu einem, wie O selbst sagt, "melodischeren, etwas erwachseneren Stil" befreit die Yeah Yeah Yeahs vom dynamischen Korsett des pausenlosen Overdrive. Es ist schon so, wie Karen O in "Cheated Hearts" so schön singt: "Sometimes I think I'm bigger than the sound." Geblieben ist dagegen die von O formulierte "Essenz" der Yeah Yeah Yeahs, "die Kids in den Vorstädten anzusprechen, die spüren wollen, dass es da noch etwas anderes gibt". "Dieser Sound", heißt es im Song "The Sweets", "ist auf deiner Seite." Andererseits schwingt im selben Text auch ein Vorwurf an Os Jüngerinnen mit: "Wem folgst du da? Wessen Bewegungen machst du nach?"

"Heutzutage muss man seine Botschaften durchmischen", erklärt Karen O. "Man muss zuerst eine Aussage machen, sie dann infrage stellen und gleichzeitig wieder bestätigen. Es gibt keine reine Affirmation. Wenn jemand in den USA einfach trocken die Lügen des Präsidenten aufdeckt, können die Leute nichts damit anfangen. Da muss schon ein Michael Moore daherkommen und das auf pointierte Weise tun. Ich mache es am liebsten so, dass ich die Leute in Sicherheit wiege und ihnen dann voll ins Gesicht schlage." Mit diesen Worten lässt die verkaterte Frau den Wollschal fallen und verwandelt sich augenblicklich wieder in die Ikone Karen O von den Yeah Yeah Yeahs.

Robert Rotifer in FALTER 14/2006 vom 07.04.2006 (S. 69)


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