NEON BIBLE

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: MERCURY
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 02.03.2007

Rezension aus FALTER 30/2017

Überwältigung war gestern: Arcade Fire verirren sich

Der Mann ist ein lausiger Prophet. Als Win Butler bei dem über weite Strecken sehr tollen Konzert seiner Band Arcade Fire neulich in Linz zwischen zwei Liedern einige Sätze an sein Volk richtete, verkündete er vollmundig, dass demnächst ein heftiger Regenguss herunterprasseln würde. Hundertprozentig, davon verstünde er etwas. Es blieb bis zum Ende des Konzerts trocken. Nur nachdem die Kanadier trotz heftiger Liebesbekundungen des Publikums keine zweite Zugabe spielten, fielen ein paar vereinzelte Tröpfchen. Vielleicht waren es auch Fantränen.
Die Szene ist eine Nebensächlichkeit, an der man allerdings ablesen kann, dass Butler gerade keinen Lauf hat. Zu Zeiten von „Funeral“ (2004) und „Neon Bible“ (2006) wäre ihm so etwas nicht passiert. Diese beiden Platten waren eindrucksvolle Übungen in Sachen Überwältigungspop. Seine Band begründete damit ihre Weltkarriere, und letztlich zehrt sie bis heute davon.

Auch das neue Album „Everything Now“ gibt ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Der Titelsong legt eine Rückkehr zum hymnischen Sound der frühen Jahre nahe, wobei das Pathos durch eine an Abba geschulte Leichtigkeit und ein gewisses Oldies-Radio-Gefühl abgemildert wurde. Der Song steht freilich allein da. Es folgt New-Wave-Sound der Marke Talking Heads („Signs of Life“) oder ein Eindringen ins Territorium der Industrialrock-Schmerzensmänner Nine Inch Nails („Creature Comfort“).
Wo sind die Lebenszeichen von Arcade Fire? Waren die letzten (Doppel-)Alben „The Suburbs“ und „Reflektor“ ambitionierte Versuche, sich weiterzuentwickeln, fehlt es „Every­thing Now“ an einer klaren Linie. In „Peter Pan“ und „Chemistry“ versucht die Band mit Off-Beats herumzuspielen. Aber sie spielt eben nur herum, zwingend klingen die Resultate nicht. In der Mitte dümpelt „Everything Now“ gar dahin wie eine Sammlung von B-Seiten-Material.
Auch bei den Texten hat sich Win Butler nicht viel angetan. Er probiert es mit „Weniger ist mehr“, nur liegt ihm der Minimalismus-Schmäh nicht. Erst gegen Ende, in „Put Your Money on Me“ und „We Don’t Deserve Love“, hat man wieder das Gefühl, er will einem etwas erzählen – sofern man ihm dann überhaupt noch zuhört.

Sebastian Fasthuber in FALTER 30/2017 vom 28.07.2017 (S. 25)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Everything Now
Everything Now (Day Version) (Arcade Fire)
Everything Now (Night Version) (Arcade Fire)
Funeral

Rezension aus FALTER 9/2007

Neonlicht ins Dunkel

Arcade Fire behaupten mit dem neuen Album "Neon Bible" eindrucksvoll ihren Rang als derzeit beste Band der Welt. Der "Falter" wohnte in London einer ihrer heilenden Messen bei.

Der Weg zur Erlösung ist überraschend kurz und führt mitten durch eine touristische Kernzone Londons. An den Houses of Parliament und Westminster Abbey vorbei, stets mit Blick auf Big Ben geht es zur St. John's Church am Smith Square, einer kleinen Barockkirche, in der heute nicht mehr gebetet, sondern normalerweise klassische Musik aufgeführt wird. Die Stimmung ist an diesem außertourlichen Abend im Zeichen elektrisch verstärkter Rockmusik nichtsdestotrotz von festlicher Vorfreude bestimmt. Gleich werden Arcade Fire kommen und uns die Angst und den Schmerz nehmen, hofft das Auditorium.

"Neon Bible" heißt das neue Album der kanadischen Band um den aus Texas zugewanderten Sänger und Songschreiber Win Butler und seine von haitianischen Eltern in Kanada großgezogene Partnerin Régine Chassagne, beides ehemalige Studenten der Religionswissenschaft. Die Platte rührt tief an existenzielle Konflikte und erzählt - vom verzweifelten Beginn mit "Black Mirror" bis zum Wimmern um Befreiung im abschließenden "My Body Is a Cage" - eine moderne Leidensgeschichte in elf tief ergreifenden Songs.

"Desire or fear?", fragt suggestiv ein kleines Heftchen, das auf den Sesseln ausgelegt wurde, und regt vor Beginn des Konzerts zum Grübeln an. Arcade Fire steigen jedoch im Zeichen von Ekstase ein. Durch den Seiteneingang betreten sie den Raum und bringen im Mittelgang zwischen den vorderen und hinteren Sitzreihen mit Geige, Pauke, Wandergitarre und Megafon ein kleines Medley aus ihrem trotz seines Titels noch deutlich positiveren Debüt "Funeral" (2004). Das Eis bricht sofort: "Wake Up"! Binnen dreißig Sekunden sind die Denkfalten einem offenen Mund gewichen, und die Bestuhlung steht nur noch im Weg, der ganze Saal ist aufgesprungen. Diese Band ist eine Macht.

Den Löwenanteil ihres Sets machen natürlich die neuen Songs aus, die im letzten Jahr in Eigenregie aufgenommen wurden. Auch dafür trieb es Arcade Fire in ein ehemaliges Gotteshaus. Ihr Studio haben sie in einer Landkirche außerhalb Montreals eingerichtet. "Es ist eine ziemlich kleine Kirche", erzählt Win Butlers kleiner Bruder Will, der Synthesizer, Bass und Gitarre spielt, beim Interview am nächsten Tag, "wir haben sie von einem Hippiepärchen gekauft. Das ist eine bessere Investition, als sich ein Studio zu mieten." Und obwohl das Gebäude nur kurze Zeit als presbyterianische Kirche diente, sei ihm seine Vergangenheit immer noch anzumerken: "Man spürt, dass ein Geist darüber liegt."

Der Vergleich einer Platte von Arcade Fire mit einer Kirche scheint da gar nicht so weit hergeholt. Der Unterschied, der diese Formation aus dem Meer so vieler mehr oder weniger guter Bands heraushebt, liegt nicht in ihren Akkorden und Melodien, sondern in ihrer Beseeltheit und Passion. Nach einer langen Durststrecke im Pop, die zunächst im Zeichen von Ironie und Distanz stand und zuletzt viel hohles Pathos hervorbrachte, hat sie die großen Gefühle rehabilitiert. Arcade Fires Bombastsound und ihre jauchzenden Gesänge können Tote wieder zum Leben erwecken. In einer Zeit, deren Problem weniger Depressionen sind als die Tatsache, dass viele Menschen überhaupt nichts mehr spüren, ist das womöglich der einzig gangbare Weg. "Ich lebe in einem Zeitalter, das die Dunkelheit Licht nennt", singt Win Butler in "My Body Is a Cage". Einem Zeitalter, in dem einen die Angst antreibe, heißt es weiter, während das Herz nur mehr langsam schlage.

"Neon Bible" kündet von einer finsteren Welt voller falscher Propheten und leerer Versprechungen von noch schnellerem, noch kostenloserem, noch sinnfreierem Konsum. Der Erzähler von "Windowsill" würde den Lärm, der ihm entgegenschlägt, am liebsten ausblenden und die Augen verschließen, doch vergebens: "Die Flut ist hoch, und sie steigt noch immer." In der pulsierenden Springsteen-Hommage "Antichrist Television Blues", die live besonders mitreißend ausfällt, geht der Leibhaftige schließlich in Gestalt eines vorgeblich braven Christenmannes um, der seine Tochter um jeden Preis als Star sehen möchte.

Da stellt sich die Frage, wie Arcade Fire mit den Teufeln Musikindustrie und Medien umgehen. Denn auch die beste Band der Welt muss ihre Botschaft irgendwie verbreiten - und nein, eine Seite auf dem Musikportal MySpace allein genügt dafür noch immer nicht. Dass die Interviews mit Printmedien aus ganz Europa im noblen River Plaza Hotel an einem einzigen Nachmittag stattfinden müssen, spricht eine deutliche Sprache. Diese Band macht promotionstechnisch wirklich nur das Allernotwendigste. Welche Journalisten grüppchenweise mit wem sprechen dürfen, bestimmt nicht der Promoter; es hängt davon ab, wie die Musiker sich spontan zu Pärchen zusammengesetzt haben. Der Falter erwischt Régine Chassagne und Will Butler.

Mitten im zwanglosen, von den Musikern mit bemerkenswertem Understatement bestrittenen Geplauder sagt Will Butler auf eine Frage des belgischen Journalisten etwas Bemerkenswertes: "Den Druck, der angeblich auf uns lastet, habt ihr gemacht. Wir machen nur Musik." Entwaffnend einfach, doch so kann man die Sache mit dem angeblich so schwierigen zweiten Album tatsächlich auch sehen. Wer es als Musiker nur schafft, sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren, kann sich seine Leidenschaft erhalten. Die Erwartungen und Zwänge, die so viele Kollegen auffressen, müssen ihn nur peripher tangieren. Mastermind Win Butler wird zum Thema ausgerechnet im englischen NME, dem Zentralorgan des musikalischen Hypewesens, folgendermaßen zitiert: "Ich hasse die Idee, etwas so wahnsinnig zu vermarkten, bis man praktisch dazu gezwungen ist, es zu mögen. Manche Bands manipulieren die Leute einfach, damit sie ihre Musik kaufen. Neunzig Prozent der Plattenindustrie funktionieren so."

Anders Arcade Fire. Alles, was man über sie wissen muss, erfährt man auf ihren Platten und im Konzert. Sie sind furchtbar nette Zeitgenossen, aber man würde mit Butlers Frau und seinem Bruder lieber etwas trinken gehen, als ein Interview zu führen, das sie die meiste Zeit freundlich mit halb ausweichenden Antworten bestreiten. Wobei: Wahrscheinlich trinken sie gar kein Bier. "Wir spielen lieber in Kirchen", sagt Butler, "weil es inspirierende Orte sind, während es in Konzerthallen nach Bier und Pisse riecht."

Der seltsamste Moment in den letzten Jahren war für die Band denn auch nicht das Zusammentreffen mit David Bowie oder David Byrne ("das sind ganz normale Menschen"), sondern ein gemeinsam mit Bowie absolvierter Auftritt bei der Modeveranstaltung Fashion Rocks in New York. Will Butler: "Da wurden wir plötzlich mitten in diese glitzernde Starwelt geworfen, die an sich überhaupt nicht unsere Welt ist. Plötzlich Dr. Dre gegenüberzustehen, war aber natürlich schon aufregend."

Zurück hinter den vertrauten Kirchenmauern macht sich sein großer Bruder daran, das Ruder langsam herumzureißen. Nach finsteren Weisen wie dem Titelsong "Neon Bible" schwört er seine Mitmusiker nun wieder auf das laute Singen und Jauchzen im Chor ein, das zum besonderen Markenzeichen von Arcade Fire geworden ist. Merke: Singen tut gut, den Mund ab und zu ganz weit aufreißen und schreien aber befreit. Halleluja!

Im poppigen "Keep the Car Running" drückt Win Butler erst noch die Angst nieder, ein gemeinschaftliches "Ho-oo!" aus voller Kehle bringt ihn wieder auf die Beine. In der schönen Utopie "No Cars Go", einem Stück der ersten Stunde, das auf "Neon Bible" erstmals voll ausproduziert erscheint, lässt man die mit Autos und Flugzeugen erreichbare Welt hinter sich und betritt gemeinsam einen neuen Ort, an dem alles möglich scheint.

Arcade Fire vertrauen auf die gute alte Popweisheit, dass dunkle Texte und helle Musik zusammen ein schönes Paar abgeben. "Die Idee hinter den meisten Songs war, etwas Hässliches auf schöne Art zu präsentieren", sagt Régine Chassagne. "Es gibt bei uns immer ein harsches Element und ein anmutiges." Die aufwühlenden bis herzzerreißenden Ergebnisse geben ihr Recht. Das neue Material ist zwar näher an die konventionelle Songform herangerückt, wirkt deshalb aber nicht minder intensiv. Im Gegenteil: Die Eigenbauproduktion durch die Band lässt die Stücke nur noch heller erstrahlen.

Aufregend neu an "Neon Bible" ist die auf einigen Songs ertönende Kirchenorgel, die selbst gestandenen Agnostikern die Sinne schwinden lässt. Besonders dominant tritt sie in "Intervention" in Erscheinung. Win Butler muss sich in dessen Verlauf in eine Mordsrage hineinsingen, um mit seinem Organ die Orgel einigermaßen in Schach zu halten. "Den Song aufzunehmen war die Hölle", erinnert sich Will Butler. "Die Orgel frisst alle Frequenzen auf. Sie ist ein Monster." Es mussten verschiedene Versionen des Orgelparts verwendet und kunstvoll überblendet werden, um "dieses verrückte Instrument" (Chassagne), das "uns andere Musiker obsolet macht", einigermaßen zu bändigen. Überhaupt hat die streckenweise superbombastische Produktion so manche schlaflose Nacht gebracht: "Man fügt hinzu und hinzu, plötzlich hat man hundert Spuren. Das Abmischen war ein Albtraum."

Im Konzert siegen der Eifer der Band und die Begeisterung des Publikums nach Punkten über die auch nicht unkomplizierte Akustik des Gemäuers. Wer so viel Herzblut verströmt, darf auch eine Kirche niederrocken. Als Zugabe drängt sich "My Body Is a Cage" auf, immerhin handelt es sich dabei um eine Art Gospel, der in seiner eruptiven Form auch ein wenig an Roxy Musics "In Every Dream Home a Heartache" erinnert.

Auf die Bitte des einflussreichen Online-Musikmagazins Pitchfork, seine Weltsicht in höchstens elf Worten zusammenzufassen, hat Win Butler zur Zeit von "Funeral" noch geantwortet: "Der Tod ist real." Heute darf das Publikum, beflügelt von den letzten Worten von "My Body Is a Cage", seine Predigt gestärkt verlassen: "Lass meine Seele frei!" Für die Länge eines Songs wurde die Welt wieder einmal gerettet.

Sebastian Fasthuber in FALTER 9/2007 vom 02.03.2007 (S. 20)


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