Third

von Portishead

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Label: POLYDOR
Format: CD
Genre: HipHop / Rap
Umfang: 11 Tracks, Gesamtspielzeit 49:18 Min.
Erscheinungsdatum: 25.04.2008

Rezension aus FALTER 15/2008

Der Fluch des TripHop

Beth Gibbons gibt nach wie vor keine Interviews, doch sie scheint sich wohlzufühlen in ihrer Haut. Vergangene Woche stellte ihre Band Portishead das lange Zeit gar nicht mehr, derzeit aber umso gespannter erwartete dritte Album in München live vor. Ganz zu Beginn des Konzerts steht die öffentlichkeitsscheue Sängerin noch mit dem Rücken zum Publikum. Gibbons gibt kurz die Unnahbare, doch sie taut schnell auf, als sie bemerkt: Es sind zwar die alten Hits, die vom Publikum besonders frenetisch bejubelt werden, aber auch die neuen Stücke finden positive Aufnahme. Am Ende scherzt sie mit den Zusehern und hätte gern noch mehr parliert, nur: "I'm sorry, I don't speak German. Ick bin Beth Gibbons."
Der nächste Satz kommt unerwartet: Portishead sind zurück. Offiziell getrennt war das Trio nie, trotz einer – zauberhaften – Soloplatte von Gibbons ("Out of Season", 2002). Es herrschte einfach sehr lange Sendepause. Nun haben sich die etwas anderen Stars aus den Neunzigerjahren, die neben Massive Attack und Tricky die südwestenglische Stadt Bristol mit ihrer Mischung aus gut abgehangenen Beats und urbanem Blues für kurze Zeit zum Nabel der Popwelt machten, nach elf Jahren dazu aufgerafft, wieder neue Musik zu veröffentlichen. Falsch, nicht aufgerafft, sie haben den Aufnahmeprozess endlich durchlitten.
Geoff Barrow, der Gründer und Rhythmusbeauftragte der Band, bringt die komplizierte Werdung des lakonisch "Third" betitelten Tonträgers so auf den Punkt: "Als wir 2006 der Plattenfirma erstmals etwas vorspielten, hatten wir sieben Songs fertig. Ein Jahr später waren es sechs." Weil das erstens zu wenig ist und zweitens traditionell jedes Portishead-Album aus genau elf traurigen Weisen zu bestehen hat, dauerte es noch einmal ein Jahr, bis die Platte nun Ende April rechtzeitig zum Ankurbeln der Frühjahrsdepression erscheinen kann.
An ihrem Anfang stand ein Gefühl von Leere, erzählt Barrow: "Nach unserem zweiten Album, der Tour dazu und dem Livealbum waren wir erschöpft. Als ich versuchte, neue Musik zu machen, fiel ich in ein Loch. Unser Debüt stand im Zeichen des Sampling. Beim zweiten Album wollten wir uns nicht wiederholen, also haben wir Musik, die wir selbst gemacht haben, gesampelt. Irgendwann erschien mir das ewige Sampling und Loopen jedoch als eine rückwärtsgewandte Arbeitsweise. Wir mussten anders vorgehen."
Portishead haben sich für "Third" eine Regel auferlegt: Musikalische Elemente, die sie in der Vergangenheit schon einmal verwendet haben, sollten nicht mehr eingesetzt werden. Das klingt verkopfter, als es ist. Tatsächlich wollten Gibbons, Barrow und ihr langjähriger, mittlerweile als vollwertiges Bandmitglied akzeptierter Gitarrist Adrian Utley damit nur dem Fluch des TripHop entkommen.
Zu ihrem Debütalbum "Dummy" (1994) haben die Musiker bis heute ein gespaltenes Verhältnis. Sie wissen natürlich, es ist eine fantastische, komplett zeitlose Platte, und sie spielen Stücke wie "Roads", "Mysterons" oder "Sour Times" auch gern live. Dass diese tiefgefühlten Songs von der Unterhaltungsindustrie schnell zur Berieselung in Kaffeehäusern degradiert wurden, war eine saftige Ohrfeige, die speziell Barrow, der heute T-Shirts von Doom-Metal-Bands trägt, immer noch spürt. Immerhin: Die Zerrissenheit des modernen Subjekts, an dem sich ihre Texte abarbeiten, durfte so auch die Band erfahren.
Portishead schießt jetzt zurück. Milderten in der Vergangenheit die geschmeidigen Grooves und Lalo-Schifrin-Samples die Intensität von Gibbons' entrücktem Gesang etwas ab, so wird diese Qualität nun von der Musik unterstützt und noch verstärkt. Das Schlagzeug läuft auf "Third" gern ein wenig neben der Spur, der Sound klingt bewusst billig und leicht verzerrt, schlecht eingestellte Orgeln malen schräge, paranoide Stimmungsbilder an die Wand. Mal weht eine kleine Folkmelodie zur Ukulele vorbei, mal galoppiert ein Krautrock-Beat in der Manier des kürzlich verstorbenen Neu!-Masterminds Klaus Dinger Richtung Schwermut Forest. Als eingängig werden diese verstörend schönen Kleinode höchstens Freunde des Spätwerks von Scott Walker empfinden.
Beth Gibbons zitiert dazu die Rolling Stones: "Wild Horses / They take me away / Will I Follow?" In ihren Texten formuliert sie Fragen über Fragen. Aber was für welche! In "Hunter", das am ehesten noch an die früheren Portishead erinnert, wird eine Grundfrage jeder Beziehung aufgeworfen: "And if I should fall / Would you hold me?" In "Silence" sind wir leider schon wieder ein paar Schritte weiter im Liebeskarussell: "Did you know what I lost? Do you know what I wanted?" Kein Wunder, dass einem bei so viel Pein zeitweise das Gesicht einfriert: "I'd like to laugh at what you said / But I just can't find a smile". Das Instrument, das dazu erklingt, erinnert an einen Staubsauger.

Portishead liefert Kaffeehausketten und TV-Werbespotmachern heute keine Identifikationsangebote mehr. Ungefähr zur Halbzeit der Platte jault kurz eine Joy-Division-Gitarre auf. Das ist so ungefähr das Einzige, was "Third" mit der aktuellen Musikszene verbindet. Der Rest stammt aus einer ganz eigenen Sphäre, was diese zunächst schroff wirkenden Songs mit der Zeit immer verlockender macht.
Die Musik klingt an vielen Stellen verstimmt, weil es ihre Macher sind. Geoff Barrow fasst die Motivation hinter "Third" zusammen: "Dieses Album ist aus der Frustration gegenüber der modernen westlichen Gesellschaft entstanden." Das klingt ungewollt komisch, aber er meint es völlig ernst. Was Portishead von Berufselenden wie Morrissey vielleicht unterscheidet, ist: Sie haben noch Humor. "Ich glaube, wir leben heute in einer beschisseneren Welt", sagt Barrow nach elf Jahren Pause. Nachsatz: "Aber sie war immer schon beschissen, nicht wahr?" Wer das begriffen hat, der darf auf der Bühne auch mal lächeln.

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2008 vom 11.04.2008 (S. 57)

  Song-Titel
1.  Silence 5:01
2.  Hunter 3:59
3.  Nylon Smile 3:20
4.  The Rip 4:31
5.  Plastic 3:31
6.  We Carry On 6:30
7.  Deep Water 1:33
8.  Machine Gun 4:46
9.  Small 6:47
10.  Magic Doors 3:32
11.  Threads 5:48

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