Supermax - The Box

von Supermax

Derzeit nicht lieferbar

Label: Universal Music
Erscheinungsdatum: 16.01.2009

Rezension aus FALTER 52/2008

Der Weltumarmer mit dem Groove im Herzen

Den folgenschwersten Ratschlag in seinem Leben hat Kurt Hauenstein als kleiner Bub erhalten. "Ich bin im zweiten Bezirk aufgewachsen", erinnert er sich. "Der Vater hat immer gesagt: Geh ja net in den Prater, da san die ganzen Strizzis." Spitzbübisches Grinsen. Genau das dürfte ihn zu manchem heimlichem Ausflug inspiriert haben.
Hans Hauenstein schrieb Texte zu Wienerliedern. Tief in seinem Herzen ist auch der Sohn, der am 14. Jänner seinen 60. Geburtstag feiert, ein Wiener geblieben. Doch vor allem wollte er die Welt sehen.
In den 60ern war die Stadt für einen junger Musiker zu eng, die Luft zu abgestanden. Nachdem er mit Karl Ratzer, Peter Wolf und anderen als Gipsy Love eine Zeit lang durchs spärliche Nachtleben gezogen war, musste Hauenstein weg: "Es gab nur ein paar Lokale, wo man auftreten konnte, und an Studios oder Plattenfirmen war gar nicht zu denken. Also habe ich in Deutschland in Army-Clubs gespielt und bin mit irgendwelchen Bands herumzigeunert."

Sein präziser Groove diente ihm dabei stets als musikalische Visitenkarte. Ganz egal, welche Art von Musik gespielt wurde, Hauenstein wusste, was er am Bass tun musste, damit der Rhythmus stimmte.
Auf die Wander- folgten Lehrjahre in einem Frankfurter Studio, wo er in den 70ern als Sessionmusiker anheuerte: "Die Studiozeit war damals immens teuer. Deshalb haben sie mich genommen, da hat gleich der erste Take gepasst." Unter anderem spielte er auf dem ersten Boney-M-Album und durfte Soundarchitekt Frank Farian über die Schulter schauen, wie der seine radikal banalisierte Disco-Ausprägung erfand.
Hauenstein dachte sich: Das kann ich auch, nur viel besser, begann an seinem eigenen Sound zu arbeiten – und wurde
Supermax. Sein Plan, mit dem Groove im Herzen die Welt zu umarmen, ging schnell auf. In Deutschland spielte er zwischen 1977 und 1979 die drei Alben "Don't Stop the Music", "World of Today" und "Fly with Me" ein, die seinen Weltruf begründeten und die Hits "Don't Stop the Music", "It Ain't Easy" sowie vor allem den Geniestreich "Love Machine" abwarfen.
Derart stoisch-lässig wie Supermax wusste damals kein anderer Europäer einen Groove aufzubauen, und derart minimalistisch war niemand unterwegs. Wie nur wenige Instrumentalisten hat der Bassist Hauenstein erkannt, dass Virtuosität im Pop nicht nur nichts zählt, sondern gar nichts zu suchen hat.
Die Qualität liegt im Vereinfachen, in der Reduktion aufs Wesentliche. Heute sind seine frühen Alben gesuchte Sammlerstücke, einzelne Tracks tauchen unter Stichworten wie Space Disco auf einschlägigen Feinschmecker-Compilations auf.
Ein Disco-Act sei Supermax jedoch nie gewesen, verwahrt sich Hauenstein: "Disco hat man nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu gesagt. In anderen Ländern sind wir nie unter dem Klischee gefahren, die haben es Soul genannt oder Funk, oder sie hatten überhaupt keine Klassifizierungen."
Bald wurde ihm der musikalische Horizont in Europa zu eng. Er übersiedelte nach Jamaika und ließ es sich gutgehen. Meinte man zumindest in Österreich.
Tatsächlich hat er immer an seiner Groove­-Vision weitergearbeitet. Nur konnte man nun nicht mehr Disco dazu sagen, spätere Supermax-Alben flirteten heftig mit Reggae, Ethno, afrikanischen Klängen und synthetischem Pop. Die Resultate klangen zwar nie mehr so zwingend wie zu Beginn, aber Supermax hatte immer wieder seine lichten Momente.
Am wichtigsten war ihm ohnehin, live zu spielen und viel herumzukommen. Unterwegs wurde er zum Pionier. Er war der erste weiße Musiker, der beim legendären Reggaefestival Sunsplash in Jamaika spielen durfte. Und er ließ es sich trotz massiver Anfeindungen nicht nehmen, in Apartheidzeiten mit Musikern verschiedener Hautfarben durch Südafrika zu touren.
Hierzulande bekam Supermax mangels sonischer Anbiederung an die heimische Szene und Radiolandschaft nach "Love Machine" kommerziell nie mehr einen Fuß auf den Boden. Es durfte ihm egal sein, denn in Asien, Russland oder zuletzt Bulgarien war er auch in späteren Jahren ein Hit. Er ist es immer noch: Wenn heute etwa in Sri Lanka ein Riesenspektakel über die Bühne gehen soll, wird schon mal der Mann mit der wallenden Mähne angerufen, um die Massen zu grooven. Weltberühmt in der Welt.

Das Heimweh wurde aber doch zu groß. Seit einiger Zeit lebt Hauenstein wieder in Österreich, ein bisschen außerhalb von Wien, "wo die Kinder auf der Straße noch grüßen". Abgesehen von Arbeiten mit DJs für Remixes bleibt er recht unbehelligt von dem, was sich hier musikalisch abspielt. Immerhin hat man sich beim Majorlabel Universal dazu durchgerungen, seinen Werkkatalog gebührend zu pflegen.
Im vergangenen Frühjahr kam als erster Schritt ein aufwendig gestaltetes "Best of" heraus, gleichzeitig wurde Supermax mit Preisen überhäuft, vom Amadeus für sein Lebenswerk bis zum Silbernen Verdienstzeichen des Landes Wien.
Seinen besten Auftritt hatte er freilich bei der Modenschau im Rahmen des Life Ball, wo er als Geistlicher verkleidet mit seinem originären Schmäh die bemühten Selbstdarsteller der heimischen Medienprominenz blass aussehen ließ.
Optisch verkörpert Hauenstein längst genau jenes Strizzitum, das sein Vater im Prater vermutete. Nur ist bei ihm immer ein Augenzwinkern mit dabei, und dass hinter seiner Montur ein weiches Herz schlägt, kann er auch nicht verbergen.
Sein altes Wien hat er unter der modernen Fassade praktisch unverändert wiedergefunden: "Der Wiener raunzt immer noch, Neid und Eifersucht sind generell sehr ausgeprägt. Und von den Musikern glaubt ein jeder, er ist ein Genie. Bitte, wen interessiert ein Musiker? Es gibt Millionen davon. Und jeder glaubt, er ist gut." Pause, wieder dieser Grinser. "Aber auch nur, weil er noch keine anderen gehört hat."

Darum: Groove's noch einmal, Kurt! An seinem 60. Geburtstag wird er im Gasometer auftreten. Zwei Tage später erscheint eine 10-CD-Box mit seinem Lebenswerk. Darauf finden sich nicht etwa, wie kürzlich beim ebenso gewürdigten Jubilar Ludwig Hirsch, die Originalalben; es handelt sich vielmehr um thematisch in Gruppen zusammengefasste Werkblöcke. "Rhythm & Soul 1 & 2" enthalten die essenziellen Songs im typischen Groove-Sound, während "Reggaesize It 1 & 2" die Jamaika-Phase und "Cool Love" Supermax' Schmuseseite abdecken.
Weniger bekannt war bislang die Afro-Ethno-Schiene ("Spirits of Africa"), Gleiches gilt für seine elektronischen Experimente ("Radical Phonetic"). Und was die beiden CDs mit Remixes anbelangt – nun gut, man hätte auf sie verzichten können. Supermax ist nämlich ein Original.

Sebastian Fasthuber in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 38)


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