Give Me Fire

von Mando Diao

Derzeit nicht lieferbar

Label: Universal
Erscheinungsdatum: 13.02.2009

Rezension aus FALTER 8/2009

Tanzt, tanzt, tanzt, ihr Schweine!

Dance with somebody! Dance! Dance! Dance!" Jetzt hüpft schon endlich, wir schreien uns hier die Stimmbänder wund! Nein, die Mando-Diao-Sänger Gustaf Nóren und Björn Dixgård schonen sich und ihr Publikum keinesfalls. Aber es wirkt: Alles tanzt.
Mit der aktuellen Single des schwedischen Retro-Quintetts ist ihr Rock 'n' Roll unter Anführungszeichen jetzt auch tatsächlich im Mainstream angekommen. Vergangene Woche rangierte "Dance with Somebody" in den österreichischen Single-Charts auf Platz zwei. Ganz oben, in direkter Nachbarschaft von Teenie-Idolen wie Katy Perry, Leona Lewis oder Pink.
Damit sind Mando Diao hierzulande, um ein bisschen Hitparadenkunde zu betreiben, viel weiter vorgedrungen, als es die gewissermaßen ihren Weg ebnenden Strokes oder Franz Ferdinand je schafften. Selbst das notorische "Ruby" von den geistesverwandten Kaiser Chiefs kam über Position 14 nie hinaus.

Warum gerade diese Band derart erfolgreich ist, mag auf den ersten Blick vielleicht rätselhaft erscheinen. Auf ihren bisherigen vier Alben haben die Musiker aus der mittelschwedischen Kleinstadt Borlänge sich nämlich strikt auf das Nachbauen populärer Musik der 60er- und frühen 70er-Jahre beschränkt. Brav, ohne Schnörkel, ohne produktionstechnisches Brimborium.
Und ohne eigene Ideen, ließe sich noch hinzufügen. Aber immerhin mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen, die sich darin ausdrückt, dass sich Mando Diao selbst in eine Reihe mit den Beatles und den Stones stellen. The Kinks und The Who würden sie sogar in die Tasche stecken, verlautbarten die Großmäuler 2002 anlässlich ihres Debüts "Bring 'Em In". Solche Chuzpe hilft – siehe Oasis.
Im Gespräch macht Gustaf Norén, so etwas wie der nachdenkliche Part des Fünfers, zum Thema Vorbilder en passant eine interessante Bemerkung: "Für uns sind die Beatles und die frühen Stones wie eine Band, das lässt sich doch überhaupt nicht mehr trennen. Wir haben uns einfach nur von den Platten inspirieren lassen, die unsere Eltern gespielt haben, als wir aufwuchsen."
Vielleicht befinden sich Mando Diao ja auch nur auf Augenhöhe mit ihren überwiegend jungen Fans, die die Sixties allerdings eher schon aus den Plattensammlungen ihrer Großeltern kennen dürften als aus denen ihrer Erzeuger. Ob daraus nun "A Hard Day's Night", "Aftermath" oder auch eine Motown-Soul-Scheibe hervorgezogen wird, macht mit ein paar Jahrzehnten Abstand keinen großen Unterschied. Nachträglich lässt sich alles über einen Kamm scheren. Hauptsache, es knistert schön. Damals wurde eben noch echte, authentische Musik gemacht.
Allerdings dürften Mando Diao die ewiggleichen Riffs und Sounds selbst inzwischen etwas langweilig geworden sein. Auf ihrem neuen Album "Give Me Fire" stoßen sie die Tür zu den 80er-Jahren nämlich erstaunlich weit auf.
Dafür mussten sie erst über ihren eigenen Schatten springen, wie Norén erzählt: "Wir dachten, die 80er sind scheiße, aber wir haben unsere Meinung geändert. Vielleicht waren wir zu sehr auf die Rockszene fokussiert. Die war wirklich furchtbar. Bei Bands wie Mötley Crüe drehte sich alles nur um Haarspray. Ich mochte auch Guns N' Roses und Metallica nie. Aber es gab in anderen Genres tolle Sachen wie die Stone Roses, The Smiths, Prince, Michael Jackson oder Rick James." Man beachte die eklektische Auswahl.
Die Novizen haben jedenfalls gut aufgepasst. "Dance with Somebody" führt vor, wie geschickt und schamlos sie an den kleinsten gemeinsamen Nenner appellieren, auf den die schrumpfende Musikkäuferschaft momentan wieder am ehesten anspringt: Popmusik zum Tanzen.

Der Song beginnt recht unspektakulär mit Schlagzeug und einer Art Disco-Bassline und klingt auch in der Strophe noch halbwegs achtbar. Bis dahin würde er auch auf dem neuen Franz-Album "Tonight: Franz Ferdinand" nicht negativ auffallen.
Mit dem Refrain freilich schaltet die Band ohne Vorwarnung drei Gänge höher und rast munter ins Bierzelt: "I'm falling in love with your favourite song / I'm gonna sing it all night long / I'm gonna dance with somebody." Ohne einen in der Krone zu haben, ist der absurd hochgejazzte Enthusiasmus im Chorus schwer wegzustecken. Bitte, einen Kurzen dazu!
Im Interview kommt es fast so rüber, als wäre Gustaf Norén der von ihm co-komponierte Titel mittlerweile peinlich. Nie, nie, nie hätte er gedacht, dass dieser Song so ein Hit werden könnte. "Man wird blind, wenn man die Songs im Studio 10.000-mal hört. Wir wollten die Nummer ursprünglich nicht mal als Single rausbringen." Auch immer eine gute Methode: blöd stellen.
Dabei ist "Give Me Fire" mit seiner Mischung aus Sixties und Eighties, aber auch Rückgriffen auf Shoobeedoo-Pop, Glamrock und New Wave nicht die schlechteste Platte von Mando Diao. In Zusammenarbeit mit den lokalen HipHop-Produzenten The Salazar Brothers entstanden, entkommt die Band darauf zumindest phasenweise dem eigenen Saft, in dem sie zuletzt auf "Ode to Ochrasy" (2006) oder dem "experimentellen", ruhigeren "Never Seen the Light of Day" (2007) schwamm. Die satte Produktion mit Schlagzeug und Bass im Mittelpunkt schadet ihren Kompositiönchen auch nicht.
"Sie gehören zu den besten Rock-'n'-RollBands aller Zeiten." So hebt, ohne erkennbare Ironie, ein aktueller Promotext über die Band an. Fanrezensionen in Online-Warenhäusern wiederum kommen selten ohne Zuschreibungen wie "geht richtig los" oder "echter Kracher" aus.
Da verwundert es wenig, dass Mando Diao in der Indiewelt längst ein Tabuthema sind, aus dem sich nicht mal mehr in Internetforen distinktionsgewinnlerisches Kleingeld schlagen lässt. Nach dem Motto: Was soll man machen, die Kids kaufen das Zeug ja sowieso.
Wobei man auch sagen muss, dass die Gruppe bis dato ein nord- und zentraleuropäisches Phänomen darstellt. Schon im musikpatriotischen Großbritannien ist sie eine vernachlässigbare Größe und in den USA sowieso völlig unbekannt. Bis zur Welteroberung kann es also noch zwei, drei Takte dauern. Aber Mando Diao, eine der fleißigsten Bands im Rock 'n' Roll – wenn sie nicht alle eineinhalb Jahre ein Album rausbringen, dann touren sie oder bauen ein eigenes Studio –, arbeiten daran.
"Wahrscheinlich hängt unser Arbeitseifer damit zusammen, wo wir aufgewachsen sind", meint Norén. "Wir sind in einer Stadt groß geworden, in der die Wirtschaft damals schon kaputt war. Ohne Rock 'n' Roll wären wir heute arbeitslos oder hätten bestenfalls irgendeinen Job ohne Zukunftsperspektive, den wir ohne zu saufen nicht aushalten würden. Ich denke mir oft: Gut, dass wir uns an die Gitarren gehalten haben."
Überraschend bescheiden klingt der Sänger, wenn er über die Ziele von Mando Diao spricht: "Wir haben keine Pläne, die erfolgreichste Band der Welt zu werden oder so. Wir wollen überhaupt keine U2-Band sein. Die Leute glauben immer, wir würden es anderen neiden, wenn sie mehr Erfolg haben. Im Gegenteil, ich gönne jedem alles. Gleichzeitig würde ich mir das aber auch für uns erwarten."

Wie es so ist: Mehr Erfolg, mehr Probleme. Am Ende des Gesprächs legt Gustaf Norén das Gesicht in Falten und deutet verächtlich auf das vor ihm liegende Exemplar von "Give Me Fire", das die Dame von der Plattenfirma zuvor auf den Tisch gelegt hatte. Die CDs sind gerade erst in der fertigen Hülle angekommen. "Die haben beim Coverfoto einfach am Rand ein Stück weggeschnitten, als ob das egal wäre", zeigt sich der Vokalist fassungslos. "Solche Ungenauigkeiten bringen mich auf die Palme."
Er und seine Freunde haben für alle Fälle schon mal ein eigenes Label gegründet. "Am Anfang waren wir sehr naiv. Wir dachten: Super, wir haben einen Plattenvertrag und werden sicher gleich Millionen Platten verkaufen. Erst langsam finden wir raus, wie die Dinge laufen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 8/2009 vom 20.02.2009 (S. 31)


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