If On A Winter's Night

von Sting

€ 19,90
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Komponist: Diverse Klassik
Label: DG
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 15 Tracks, Gesamtspielzeit 50:41 Min.
Erscheinungsdatum: 23.10.2009

Rezension aus FALTER 45/2009

Renaissance am Kaminfeuer

Sting und Rolf Lislevand übertragen den Geist 500 Jahre alter Musik in unsere Zeit

Der Winter bringt viel Schreckliches mit sich, und fraglos zählt dazu auch das starke Bedürfnis nach Kaminfeuerkitsch, das er in den Menschen hervorruft. Man mümmelt sich in dicke Schals, klammert die klammen Finger um selbstgetöpferte Teetassen, bestaunt die Eisblumen am Fenster …
Mit Stimmungsbildern wie aus dem Ikea-Katalog kokettiert Sting, wenn er sein neues Album der die Sinne einfrierenden Jahreszeit widmet und darauf 15 klassische Winterlieder wohlige Wärme verbreiten lässt. "If on a Winter's Night …" heißt es, auf dem Coverfoto stapft der Sänger, fesch eingemümmelt im dicken Schal, durch eine schneebedeckte Landschaft.
Aus dem blondierten Kopf der New-Wave-Band The Police ist längst ein vollbärtiger Konsenspopstar fürs Bildungsbürgertum geworden, der im Beiheft vor den Folgen der Klimakatastrophe für seine Lieblingsjahreszeit warnt: Die Winter sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Den Wetterwandel wird Sting damit nicht aufhalten. Doch immerhin vermag er stimmungsmäßig Abhilfe zu schaffen, mit einer stilsicheren Auswahl thematisch einschlägiger Musik aus fünf Jahrhunderten, von Volksweisen der Renaissance über barocke und romantische Klassiker bis hin zu zwei Eigenkompositionen.
Vor drei Jahren war ihm mit "Songs from the Labyrinth" ein Überraschungserfolg gelungen, als er sich der in Songform gebrachten Melancholie des Renaissancekomponisten John Dowland wie ein respektvoller Kollege über die Jahrhunderte näherte. Daran knüpft er nun an – und geht zugleich einen Schritt weiter.
Ob ein altenglisches "Gloria" oder das deutsche "Es ist ein Ros entsprungen", ob Henry Purcells "Cold Song", eine Sarabande von J.S. Bach oder Franz Schuberts "Leiermann" aus der "Winterreise": Sting bringt die alten Melodien ins Popsongformat und überträgt sie dann ins Klangbild und in den improvisatorischen Musiziergestus der Renaissance.
Zur Hand gehen ihm dabei der Arrangeur und Produzent Robert Sadin, dem unlängst Ähnliches mit der 700 Jahre alten Musik Guillaume de Machauts gelungen ist ("Art of Love"), sowie eine handverlesene Schar exzellenter Instrumentalisten auf Sackpfeife und Blockflöte, Harfe und Bordunzither, Violine und Cello, Laute, Gitarre und Mandoline.
So sorgt "If on a Winter's Night …" für eine knappe Stunde knisternder Gemütlichkeit im intimen Kreis. Geschickt wechselt Sting größere und kleinere Besetzungen, setzt Kontrapunkte mit raffinierten Blechbläsersätzen und fröhlichem Fideln auf Keltenart – und einen einsamen Höhepunkt mit seiner Version vom "Leiermann", der zwischen hinreißend schlichten Akkordeon- und Violinklängen in der Eiseskälte dieser Welt seines Endes harrt.

Derart kitschfrei ergreifend geht es in Stings Winternacht allerdings nicht immer zu. Manche Arrangements gerieten so stark überzuckert wie eine Schneelandschaft; und wenn der Sänger in "Lo, How a Rose E'er Blooming" ("Es ist ein Ros entsprungen") dann auch noch betulich über einen Frauenchor aus dem Hintergrund flüstert, dann zerstört diese bizarre New-Age-Ästhetik jedweden Winterzauber.
Wie schon Stings Dowland-Album ist auch "If on a Winter's Night …" beim traditionsreichen Klassiklabel Deutsche Grammophon erschienen, wohl mit dem Kalkül, mithilfe des Popstars ein paar neue Freunde für die Alte Musik zu finden. Möge dieses Kalkül aufgehen!
Hier ist das Album, das es als Einstiegsdroge zu entdecken gälte: Auf "Diminuito" unternehmen der norwegische Lautenist Rolf Lislevand und sein achtköpfiges Ensemble eine aufregende Reise in die so modern anmutende Welt der italienischen Renaissancemusik mit all ihrer farbenreichen Harmonik und einfühlsam-expressiven Melodieführung, ihren wohlig-schmerzlichen Dissonanzen und gewagten Modulationen.
Anders als Sting bedient sich Lislevand aber nicht des Tricks mit der Popsongkompatibilität, um diese Musik in den Geist unserer Zeit zu übertragen, im Gegenteil: Er verbindet zehn Kompositionen u.a. von Giovanni Antonio Terzi, Vincenzo Capirola und Diego Ortiz zu so etwas wie einer durchkomponierten Suite, in deren Verlauf sich die Vielfalt der Musik nach und nach entfalten kann.
Im Zentrum des Interesses steht dabei der Versuch von Renaissancekomponisten, dem kurz angebundenen, weil gezupften Ton der Laute eine größere Sanglichkeit zu verleihen.

Was heute die E-Gitarre mithilfe des Verzerrers schafft, gelang damals – gleichsam im Umkehrschluss – mit der Technik des Diminuito. Dabei wurden bekannte Melodien in möglichst kurzen rhythmischen Einheiten, in rasenden Läufen, Arpeggien und Arabesken umspielt – so üppig und virtuos, dass die schlichte Linie der vokalen Vorlage schließlich hinter die sinnlich-temperamentvolle Ornamentik zurücktritt.
Beim Hören auf diese raffinierte Überblendungstechnik zu achten ist spannend – muss aber gar nicht sein. Das Album bietet genug instrumentale Eloquenz, improvisatorische Spielfreude, staunenswerte Klangeffekte, um für eine Stunde wenn nicht alle Zeit der Welt, so doch zumindest die fünf Jahrhunderte zwischen uns und der Renaissance zu vergessen.

Carsten Fastner in FALTER 45/2009 vom 06.11.2009 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Diminuito (Lislevand Ensemble, Terzi/dalza)
  Song-Titel
1.  Gabriel's Message 2:33
2.  Soul Cake 3:29
3.  There Is No Rose Of Such Virtue 4:03
4.  The Snow It Melts The Soonest 3:43
5.  Christmas At Sea 4:37
6.  Lo How A Rose E'er Blooming 2:42
7.  Cold Song 3:16
8.  The Burning Babe 2:46
9.  Now Winter Comes Slowly 3:05
10.  The Hounds Of Winter 5:49
11.  Balulalow 3:10
12.  Cherry Tree Carol 3:11
13.  Lullaby For An Anxious Child 2:52
14.  Hurdy Gurdy Man 2:49
15.  You Only Cross My Mind In Winter 2:36

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