The Drift

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Rezension aus FALTER 18/2006

Punch the Pork

Elf Jahre nach "Tilt" legt der englische Popbarde und Hörspielopernkomponist Scott Walker wieder ein Album von grandioser Gestörtheit vor.

Wenn du jetzt nicht sofort dein Zimmer aufräumst, leg ich wieder diese CD auf!" "Die mit dem Schwein?!" "Genau die!!" "Nein, Papi, nicht, bitte - biiiiitte!!!!" Kindererziehung der härteren Sorte. Was es mit dem Schwein auf sich hat, davon später.

"Keiner verschwand so vollständig und kam so eindrucksvoll zurück", schrieb Chris Duller im Falter 22/1995 in einem Artikel anlässlich der Veröffentlichung von Walkers "beispiellosem Meisterwerk" "Tilt". Mittlerweile ist der heute 63-jährige Walker etwas berechenbarer geworden. Er war zum Beispiel nicht ganz so weg, wie vor "Tilt": 1999 etwa produzierte er den Soundtrack zu Léos Carax' "Pola X", ein Jahr darauf kuratierte er das Londoner Meltdown Festival, zu dem er unter anderen die österreichische Band Fuckhead lud, und 2001 produzierte er Pulps "We Love Life".

Einen verlässlichen Arbeitsrhythmus scheint Walker auch gefunden zu haben: Nachdem sich der ehemalige Leadsänger der Walker Brothers ("The Sun Ain't Gonna Shine Anymore") 1984 mit "Climate of Hunter" auch von seiner Soloexistenz als honigdunkler Chansonnier ziemlich entschieden in Richtung Planet tönender Wahnsinn abgesetzt hatte, folgte 1995 das erwähnte, noch gut ein halbes Lichtjahr weiter von biederer Popkonfektion entfernte "Tilt", und nun, abermals elf Jahre später eben "The Drift".

"Am Anfang steht immer eine Szene, eine politische Idee, ein Stück Allgemeinwissen. Davon ausgehend bewegen die Lieder sich weiter, sie driften", erklärte ein allem Anschein nach durchaus realitätstüchtiger und umgänglicher Scott Walker in einem Interview mit dem deutschen Rolling Stone den Titel seines jüngsten Albums. Bei diesen Szenen soll es übrigens unter anderem um 9/11, um Srebrenica und die Geliebte Mussolinis gehen. "The Drift" mache "ungefähr so gute Laune wie Pasolinis ,Salò oder die 120 Tage von Sodom'", befand Jan Wigger im Spiegel. Nette Pointe und fast wahr. Das Entscheidende aber verfehlt der Rezensent: die erratische Erhabenheit von Walkers Musik.

"Musik??!!" mag da mancher ungläubig fragen Musik? Nein, natürlich nicht.M-u-s-i-k!! Wer elf Jahre (was bedeutet diese Zahl eigentlich?) für ein Album braucht, kann sich gefälligen Kleinkram nicht leisten. Walker klotzt. Mit dem opernhaft übersteuerten Vibrato seiner dennoch zum monotonalen Sprechgesangs tendierenden Stimme, mit hysterisch hochgezogenen Glissandi von Lutoslawski-and-Ligeti-go-Lynch-Streichern, die jedes durchschnittlich angst-und fantasiebegabte Kind hochkant im Bett hochfahren ließen, mit elektronischem Zikadengezirpe und - perkussiv traktierten Schweinehälften, die zu diesem Behufe ins Studio gehängt wurden. Fast alles davon kann man etwa auf dem 13-minütigen "Clara" hören, zu dem sich im Vergleich die meisten Stücke von "Tilt" wie ein Song von Peter, Paul & Mary ausnehmen.

The horror, the horror" - gewiss; aber immer auch: "the beauty, the beauty". Kaum ein Stück der Popgeschichte erhellt das Verhältnis von Schrecken und ästhetisiertem Schrecken im wahrsten Sinne des Wortes so schlagend wie das zehnminütige "Cue", in dem auf das hingehauchte "Bammbammbamm" des Sängers das angsthaft realistische Hämmern gegen eine Tür folgt.

Tote Schweine, geschlagene Esel, dekorative Pfaue, lauernde Krokodile, befreite Schwalben. Wenn die Popexegeten mit Blumfeld durch sind, können sie sich in der Folgedissertation ja mit dem Tier bei Walker befassen. Bis zum nächsten Album verstreichen ohnedies wieder elf Jahre. Auf die Altersradikalität des 74-jährigen Scott Walker darf man jetzt schon gespannt sein!

Klaus Nüchtern in FALTER 18/2006 vom 05.05.2006 (S. 68)


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