Return To Cookie Mountain

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Rezension aus FALTER 34/2006

Die Lektion der Sixties

Rechtzeitig zu ihrem ersten Wiener Gastspiel sind TV On The Radio aus Brooklyn vom Studioprojekt zu einer der spannendsten Livebands ihrer Zeit gereift.

Für gewöhnlich lügen Bands ja, wenn sie vom unbestechlichen Charakter ihrer Musik sprechen. Es ist keine böse, weil aus ehrlichem Selbstbetrug geborene Lüge, wie ein jeder sie von der eigenen Behauptung her kennt, man wähle seine Kleider ausschließlich, um sich darin selbst zu gefallen.

In ganz seltenen Fällen wirkt es dennoch glaubhaft, wenn einer wie Kyp Malone von TV On The Radio (TVOTR) behauptet, er sei "ganz der falsche Ansprechpartner", wenn es darum gehe, den eigenartigen, weil geradezu unlogischen Popappeal seiner Musik zu erklären: "Weil ich ständig verblüfft davon bin, was für unterschiedliche Dinge ich und andere Leute für zugänglich halten. Da bin ich mir oft nicht sicher, dass wir über denselben Song reden."

Wie sollte er auch, angesichts von Nummern wie "I Was a Lover", dem Eröffnungsstück des jüngsten TV-On-The-Radio-Albums "Return To Cookie Mountain": Da humpelt zunächst eine rasselnde Drummachine daher wie eine Marschkapelle mit Fußfesseln. Dann heult ein scheinbar mit einem groben Wellenschliffmesser abgeschnittenes Bläsersatzfragment auf und weckt dabei gleichzeitig Assoziationen an eine Begräbnisprozession, die Gitarrenlandschaften von My Bloody Valentine und eine verwundete Elefantenherde, während sich auch noch eine elektrische Sitar in einem resigniert kreisenden, primitiven Motiv verfängt.

Gleich nachdem Sänger Tunde Adebimpe und Gitarrist Kyp Malone im Chor die schwermütige Titelzeile gesungen haben, fährt ein synkopiertes Sample brutal mittendrein und bricht wieder ab. "Ich war ein Liebhaber / Vor diesem Krieg", klagen die beiden Stimmen. "Wir sind oben in der Luxussuite / Hinter einer gut verbarrikadierten Tür." Ein Schneeregen aus verzerrten Gitarren legt sich über den Track, und trotzdem ergibt all das zusammen ein überraschend berührendes, ja geradezu gefälliges Klangbild. Später wird derselbe Song seine Sänger und seine Hörer vor dem Hintergrund eines Soulballadenklavierfetzens des "Verbrechens" bezichtigen, dass wir "durch diese Zeiten schlafwandeln".

Hinter dieser Zeile steckt der ausgeprägte Zorn der Band über die Apathie der US-Bevölkerung gegenüber der Politik ihres Präsidenten, dem TV On The Radio letztes Jahr nach Hurrikan Katrina eine als Gratis-MP3 veröffentlichte, zum Marsch auf Washington aufrufende Hasshymne namens "Dry Drunk Emperor" widmeten: "Bush wurde bei derart vielen mörderischen Lügen ertappt", schäumt Kyp Malone, "und wann immer jemand seine Entmachtung fordert, heißt es: ,So was darfst du nicht sagen, das ist Verrat, wir sind doch im Krieg!' Dabei sind wir in einem Krieg, den diese Leute mit ihren Lügen angezettelt haben. Krieg gegen Terror ist so, als würde man eine Biene mit einer Luftdruckpistole jagen."

Man braucht gar nicht erst Kyp Malones Afrofrisur gesehen zu haben, um zu durchschauen, dass TVOTR in der Zelebrierung des Experiments, den psychedelischen Einschlägen und in ihrem Hang zum versponnen formulierten politischen Protest tief in der Tradition progressiver Hippiebands stehen - allerdings versetzt mit einer gesunden Abgeklärtheit: "Die große Lektion der Sixties war, wie sich Gegenkultur und Basisbewegungen vereinnahmen lassen", erklärt Malone. Dass seine Musik in den USA mittlerweile von einem großen Majorlabel mainstreamgerecht vermarktet wird, sieht er jedoch keineswegs als Verrat: "Ich glaube nicht, dass Musik besser wird, wenn sie mehr Leuten gefällt. Ich glaube aber auch nicht, dass sie dadurch schlechter wird."

Als TVOTR vor zwei Jahren mit ihrem letzten, auf das Low-Budget-Debüt "OK Calculator" und die viel beachtete "Young Liars"-EP folgenden Album "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes" den prestigereichen Shortlist Music Prize abräumten, hätte man sie noch für eine ans Studio gebundene Szenegeburt des großen Brooklyn-Hypes halten können. Schließlich hatte Dave Sitek, der nerdige Soundbastler in ihrer Mitte, zuvor Platten neuer lokaler Größen wie der Liars und der Yeah Yeah Yeahs produziert. Inzwischen sind TVOTR aber nach der offiziellen Aufnahme von Bassist Gerard Smith und Schlagzeuger Jaleel Bunton zu einer vollständigen fünfköpfigen Band im - ausschließlich nach formalen Kriterien - konventionellen Sinn angewachsen.

D er Videomitschnitt eines kleinen kanadischen Liveauftritts dieses eingespielten Line-ups zusammen mit Ex-Bauhaus-Frontmann Peter Murphy und Trent Reznor von Nine Inch Nails kursiert im Internet. Gemeinsam spielt die All-Star-Band unter anderem den Bauhaus-Klassiker "Bela Lugosi's Dead". TV On The Radio machen dabei den ebenso enthusiastischen wie zurückhaltenden Eindruck einer Band aus einem anderen Zeitalter, die aus reinem Respekt vor der archaischen Form ihrer natürlichen Neigung zu musikalischen Hakenschlägen widersteht. So, als würde sich das Fernsehen ausnahmsweise einmal mit dem Radiosein zufrieden geben. Beim "Full Hit of Summer"-Festival sollte es keinen Grund zu solch nobler Zurückhaltung geben.

Robert Rotifer in FALTER 34/2006 vom 25.08.2006 (S. 51)


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