No Hassle

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: !K7 Records
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 17.04.2009

Rezension aus FALTER 17/2009

Kruder & Hell, Huber & Dorfmeister

Auf den Straßen rund um den Brunnenmarkt herrscht das übliche Gewusel. Umso ruhiger ist es in dem Haus, in dem Peter Kruder seit Ewigkeiten sein Studio hat. Im Moment jedenfalls, denn wenn er arbeitet, wird es natürlich schon mal laut. "Das Gute an der Gegend ist, dass sich kein Mensch beschwert, selbst wenn das Fenster offen ist", schmunzelt der Mann, den man doch eher in einem Penthouse im 18. oder 19. Bezirk vermutet hätte.
Peter Kruder und Richard Dorfmeister haben sich, nachdem sie als Zwillingsgestirn des Downtempo-Sounds regelrechte Popstars waren, recht konsequent aus dem Rampenlicht zurückgezogen und sich auf ihre jeweiligen Musikprojekte konzentriert. Dorfmeister kümmert sich mit Rupert Huber um das Dub/Ambient-Outfit Tosca. Kruder bringt seine Soloprojekte unter dem Namen Peace Orchestra heraus und hat zuletzt unter bürgerlichem Namen eine ganze Latte House- und Techno-Tracks veröffentlicht.

Als Duo gibt es Kruder & Dorfmeister sporadisch auch noch, vorausgesetzt das Projekt ist interessant und die Gage stimmt: "Im Vorjahr waren wir ein paar Wochen gemeinsam im Studio, um Sounds für ein Handy zu designen. Richard und ich legen auch zehn- bis 15-mal im Jahr gemeinsam auf. Das passiert aber immer auf Festivals im Ausland, deshalb kriegt's hier keiner mit. Wir halten den Ball gern flach."
Anlass des Gesprächs indes ist Kruders aktuelle Kollaboration mit seinem deutschen Kollegen DJ Hell. Er hat die zweite Seite von dessen Doppelalbum "Teufelswerk" produziert, das aus einer Nachtseite mit harschen Sounds und einer Tagseite mit sphärischen Klängen besteht. Der Schmoove-Mann und der Techno/Elektro-
Strizzi – die Kombination wirkt nur auf den ersten Blick verwegen. Tatsächlich legt auch Kruder seit vielen Jahren vor allem Techno und Artverwandtes auf.
"Ich spiele immer nur das, was mich ­interessiert", erklärt er. "Ich spüre auch ­keine Verpflichtung, die ,Sessions' auf­zulegen, obwohl es natürlich immer einen gibt, der unbedingt eine Nummer davon hören will. Techno habe ich für mich erst entdeckt, als mir Drum 'n' Bass zu aggressiv wurde. Die guten Sachen wurden in Wien Anfang der 90er auch kaum gespielt."
Mit Hell hat Kruder eine durchlaufende Stunde Ambient-Techno produziert, die eine moderne Soundästhetik mit Rückgriffen auf 70er-Jahre-Elektronik, Krautrock und Space-Disco kombiniert. Wobei der Bayer selbst im Studio nur selten an einem Synthesizer anstreifte, sondern mehr als Ideengeber fungierte. Kruder: "Er kann sehr gut Stimmungen erklären. Es kann sein, dass sich ein Stück aus einem Gespräch über eine Clubnacht im Jahr 1994 entwickelt. Oder wir waren beim Morricone-Konzert und haben danach einen orchestralen Track gemacht."
Das Resultat ist – zumindest für retrofuturistisch interessierte Ohren, die auch den "Blade Runner"-Soundtrack, das Gesamtwerk von Kraftwerk und alte Klaus-Schulze-Platten im Regal stehen haben – großes Kino. Auch Kruders eigene Arbeiten zeichnen sich derzeit durch eine Qualität und Tiefe aus, wie er sie solo bislang kaum je erreicht hat. Man muss allerdings schon ein bisschen graben und suchen, um seine diversen Veröffentlichungen und Remixes aufzuspüren. Und das ist durchaus im Sinne des Erfinders: "Mir ist das Mysterium lieber als die Fresse am Titelblatt. Heutzutage findest du im Netz alles über jeden neuen Artist. Früher hast du dir eine Led-Zeppelin-Platte gekauft, da gab's als Info über die Band genau ein Foto. Das war super, weil man sich die wildesten Sachen vorstellen konnte."

Ortswechsel. Das G-Stone Studio 2, in dem
Richard Dorfmeister arbeitet, liegt in einem sorgfältig ausgebauten Keller im 4. Bezirk, unweit von Schloss Belvedere. Der Meister ist freilich nur sporadisch anwesend und überlässt das Studio ansonsten Label-Kollegen Rodney Hunter. Während
Kruder die meiste Zeit in Wien verbringt, wenn er nicht gerade ein Auflegewochenende hat, lebt Dorfmeister inzwischen
mit seiner Familie in Zürich und sucht Wien nur auf, um mit Rupert Huber an Tosca-Musik zu tüfteln: "Ich komme einmal im Monat für fünf Tage her, in denen wir uns abschotten und Musik machen. Im Idealfall schaffen wir es, dass es keine anderen Termine gibt, und schalten die Telefone aus."
"No Hassle" ist – Remixes nicht eingerechnet – bereits das fünfte Album des Duos. Bislang baute Tosca auf Dub-Musik auf, die in verschiedenen Grooves abgewandelt wurde. Während die letzten beiden Alben recht tanzbar klangen, präsentiert "No Hassle" (Englisch für: "Ka Gfrett") nun die Ambient-Vision der beiden Musiker. "Man muss bei dem Begriff aufpassen, weil er von vielen mit Beliebigkeit assoziiert wird. Aber wir wollten nicht mehr dieses klischeehafte Beatding machen. Die Perkussivelemente sind jetzt eher im Hintergrund. Vielleicht könnte man es rhythmischer Ambient nennen."
Im Gespräch kommen sowohl Kruder als auch Dorfmeister – ungefragt – auf das Bäh-Wort Lounge zu sprechen. Beide sprechen es ironisch im breiten Slang "Launtsch" aus. Offensichtlich holen sie die Geister der Vergangenheit doch immer wieder ein. Insgesamt haben sie sich von Downtempo, und dem, was durch zahllose Kopien daraus wurde, aber freigespielt und können unbehelligt tun und lassen, wozu sie Lust haben. Mögen die CD-Verkäufe auch noch so schwächeln, so schnell kommt die Krise bei ihnen nicht an.
Der aktulle Spleen von Tosca ist das Konzertieren in heiligen Hallen. Begonnen hat es mit einem Auftritt in einer Kirche im Rahmen der Ars Electronica 2008. Die Tour zur neuen Platte führt nun ausschließlich durch Gotteshäuser. Dorfmeister: "Der Rahmen ist einfach schön. Den Altar decken wir aber mit einer Leinwand ab, damit es nicht zu päpstlich wird."

Sebastian Fasthuber in FALTER 17/2009 vom 24.04.2009 (S. 27)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Teufelswerk

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