THE COLOUR OF MEMORY

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Rezension aus FALTER 44/2005

It's Ken again!

Momente monadenhaften Improvosierens kennt auch "The Color of Memory" (Atavistic, 2 CDs): Während die Reeds von Vandermark und David Rempis auf feinsinnigen Kuschelkurs gehen, keppelt Jeb Bishops Posaune eher derb dazwischen ("Road Work"). The Vandermark 5 ist das ältest gediente und wohl auch kulinarischste Ensemble des Titelhelden, und bietet auf seinem jüngsten Album acht Stücke zwischen berückend entspanntem walking-bass-groove und hochenergetischen Zwischensprints., wobei die jähen, aber ästhetisch konsistenten Tempo- und Stimmungswechsel zum Reiz entscheidend beitragen.

Wer letzte Woche das Wien-Konzert von Ken Vandermark verpasst hat, hat erstens was verpasst, muss aber zweitens nicht traurig sein, denn der Mann ist nicht nur ein sehr verlässlicher Wien-Besucher, er spielt auch noch viel mehr Alben ein, als selbst aufmerksame Beobachter mitbekommen. In den letzten Monaten erschienen also nicht bloß 14 CDs (siehe Falter 42: "Coffee to Blow"), sondern zumindest 17 - so jedenfalls der jüngste Informationsstand. Hier also ein kleiner Nachtrag zur Hyperaktivität des musikalischen Teilchenbeschleunigers aus Chicago.

Das Free Music Ensemble (FME) unterscheidet sich von dem Trio, das - eine Welturaufführung! - in Wien zu hören war, nur dadurch, dass hinter den Fellen nicht Paul Lovens, sondern Paal Nilssen-Love sitzt. Das vor einem Jahr in Oslo eingespielte Studioalbum "Cuts" (Okka) besteht aus fünf, zum Teil durchaus episch dimensionierten Teilen, auf denen die drei Herren beweisen, dass Aufeinander-eingespielt-Sein nicht bedeuten muss, immer gleichzeitig am selben Strang zu ziehen. Natürlich findet man mitunter auch zu gemeinsamer leichtfüßiger Rasanz, aber mindestens ebenso wichtig ist die Reibungen und Brüche erzeugende Eigensinnigkeit - etwa wenn Vandermark sich in Saxofon-Ausbrüchen ergeht, seine Kollegen aber gelassen weiterstolpern.

Die elfköpfige Territory Band ist Vandermarks Schlachtross für die Fusion von europäischer und amerikanischer Improvisationsavantgarde, von akustischem und elektronischem Gerät - Letzteres wird auf"Company Switch" (Okka, 2 CDs) von Lasse "Lass es knarrzeln" Marhaug bedient. Eine nicht unspröde und kalkuliert disparate Angelegenheit. Wer sich durchgehört hat, wird auf den letzten fünf Minuten von "Lokal Work" (Stanley Kubrick gewidmet) allerdings aufs Angenehmste hinausexpediert: kicks ass!

Klaus Nüchtern in FALTER 44/2005 vom 04.11.2005 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Company Switch (Territory Band)
Cuts (Free Nusic Ensemble)

Rezension aus FALTER 42/2005

Coffee to Blow

Das in Chicago ansässige und weltweit agierende Ein-Mann-Unternehmen Ken Vandermark hat soeben 14 CDs herausgebracht und wird mit zwei Kollegen, zwei Saxofonen und zwei Klarinetten demnächst auch Wien unter Strom setzen.


Es gibt einen Job, der annähernd so anstrengend sein muss wie der, Ken Vandermark zu sein: die Diskografie von Ken Vandermark zu erstellen. Die am 16. Oktober 2005 im Netz (http://tisue.net/van dermark/) auf den letzten Stand gebrachte Auflistung aller auf CD festgehaltenen Auftritte und Einspielungen - darunter natürlich nicht nur solche unter eigenem Namen und mit eigenen Bands - umfasst über 130 Alben. Allein seine Working-Band, die 1996 gegründete The Vandermark Five, kommt auf 16 Alben, von denen heuer zwei erschienen sind: das Doppelalbum "The Color of Memory" und die zwölf CDs (!) umfassende Box "Alchemia", die ein Gastspiel des Quintetts im gleichnamigen Krakauer Klub dokumentiert - ein Glücksfall, wie Vandermark in dem ausführlichen Beiheft erklärt, denn noch nie gastierte die Band an fünf aufeinander folgenden Tagen in derselben Stadt: "Ich hatte also Gelegenheit, am Vormittag zu komponieren, das Material am Nachmittag mit der Band zu proben und dann am Abend im Konzert zu spielen."


Zurzeit befindet sich der extrem umtriebige multi reeds player, der neben dem Tenor- und dem Baritonsaxofon auch noch Klarinette und Bassklarinette spielt, auf einer Europatournee, die am 10. Oktober begonnen hat und bis Ende November andauert. Sieben bis acht Monate ist der 41-Jährige in Nordamerika und Europa unterwegs; zu Hause in Chicago tritt er im Durchschnitt zwei-, dreimal pro Woche auf. Auf diese Weise hat sich The Vandermark Five auch jene stupende Kommunikationsfähigkeit erarbeitet, die ihre Auftritte mit zum Aufregendsten machen, was man derzeit im Jazz haben kann: Das Quintett, dem derzeit neben dem Leader noch Dave Rempis (Saxofon), Jeb Bishop (Posaune), Kent Kessler (Bass) und Tim Daisy (Schlagzeug) angehören, ist über Jahre fast jeden Dienstag in Vandermarks Heimspielstätte The Empty Bottle aufgetreten.


Vandermark bevorzugt kleine Klubs - "wenn mehr als 200 Leute im Raum sind, verliert man das Gefühl für die Unmittelbarkeit" -, ein Umstand, von dem auch das doch etwas peripher gelegene Blue Tomato im 15. Bezirk profitiert, das sich in schöner Regelmäßigkeit auf Vandermarks Tourplan findet: "Das Blue Tomato ist einer meiner liebsten Plätze auf der ganzen Welt - und den anderen Musikern geht es ähnlich. Wenn wir wissen, dass wir dort gastieren, steigt die Stimmung sofort. Einige der besten Erfahrungen, die ich als Musiker sammeln konnte, habe ich im Blue Tomato gemacht - und das ist mir viel wichtiger, als einen größeren Raum zur Verfügung zu haben."


Sein nächstes Wien-Konzert wird Vandermark übrigens nicht mit dem Quintett, sondern im Trio mit seinem Stammbassisten Kent Kessler und dem deutschen Schlagzeuger Paul Lovens geben. The Vandermark Five wird allerdings ebenso Europaauftritte absolvieren wie The Territory Band, ein zwölfköpfiges Ensemble, in dem Vandermark den Jazz mit elektronischer Musik zu verbinden sucht - und nur eine weitere von insgesamt 14 Bands, in denen der arbeitswütige Rohrblattkraftmeier zurzeit aktiv ist.


Das mit Saxofon, Bass und Schlagzeug besetzte Trio, ein Typus dem auch das DKV-Trio (Drake/Kessler/Vandermark), das Free Music Ensemble (FME) oder Spaceways Inc. angehören, ist offenbar eines der Lieblingsformate Vandermarks und stellt ihn in eine Tradition mit Musikern wie Sonny Rollins oder Ornette Coleman, die das exponierte Spiel ohne das harmonische Sicherheitsnetz Klavier auch gepflegt haben. Wenn sich Vandermark der von ihm sogenannten "Free Jazz Classics" annimmt, tut er dies freilich in einem Geist, der demjenigen der Neotraditionalisten diametral entgegengesetzt ist; und zwar weniger, weil das Repertoire vor allem die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre umfasst, sondern weil die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nie aus restaurativem Interesse geschieht, sondern immer in die eigene Gegenwart führen muss: "Es ist eine völlig abwegige Idee, dass jemand meiner Generation ein guter Bebop-Musiker sein kann. Die Vergangenheit zu verstehen und sie zu interpretieren kann dir zu einem besseren Blick auf die zeitgenössische Musik verhelfen, aber ich halte es für unmöglich, das jemand versteht, was Charlie Parker versucht hat. Wenn jemand behauptet, er wisse, worum es Coltrane gegangen ist, dann hat er seinen Verstand verloren", erklärte Vandermark in einem Gespräch.

Aber ist der Jazz nicht weitgehend historisch, eine Musik, die ihren "seltsamen Geruch" (Frank Zappa) nur verliert, wenn sie mit anderen Genres gekreuzt wird? "Ich sage nicht, dass Sie sich irren", antwortet Vandermark im Falter-Interview, "bloß, dass ich einen anderen Zugang habe. Wenn Jazz eine Methode ist, über Musik nachzudenken - so wie ich das sehe -, dann gedeiht er heute in der Musik von Leuten wie Joe Morris, Ab Baars, Joe McPhee, Peter Brötzmann, Derek Bailey und anderen. Wenn es ein Stil ist, dann haben Wynton Marsalis und das Lincoln Center daraus ein Ausstellungsstück fürs Museum gemacht - eine Musik, mit der ich absolut nichts am Hut habe."


Wenn Vandermark also Kompositionen von Albert Ayler, Don Cherry, Ornette Coleman, Rahsaan Roland Kirk, Sonny Rollins oder Cecil Taylor aufführt, dann hat das nichts mit einem pusseligen Bemühen um Werktreue, sehr viel aber mit Gustav Mahlers Diktum zu tun, demzufolge Tradition nicht in der Anbetung der Asche, sondern in der Weitergabe des Feuers bestehe.


Sicht- und hörbar geht Vandermark - der im Übrigen eine ausgesprochen stattliche Erscheinung und der attraktivste Free-Jazzer nach Alexander von Schlippenbach ist - nicht einem Brotberuf nach, sondern folgt einer Berufung: "Natürlich muss ich überleben und meine Rechnungen bezahlen - wie jeder andere auch; aber das, was mich dazu bringt, in den Wagen, in den Zug oder das Flugzeug zu steigen, ist der Drang zu spielen, herauszufinden, was passieren kann. Klar wünschte ich, es gäbe manchmal ein bisschen mehr Geld, und ich vermisse meine Frau wie blöd, aber abgesehen davon, könnte ich mir nichts anderes wünschen, als die Chance, jede Nacht zu versuchen, etwas Neues zu sagen."


Hin und wieder gehen sogar so profane Wünsche wie der nach etwas mehr Geld in Erfüllung. 1999 wurde Vandermark das gerne als "Geniestipendium" apostrophierte McArthur Fellowship zugestanden, das an keine bestimmte Sparte und keinerlei Auflagen gebunden ist. Als jüngster jemals damit ausgezeichneter Musiker investierte Vandermark das großzügig dimensionierte Preisgeld der Privatstiftung, das zurzeit mit 500.000 Dollar dotiert ist und über fünf Jahre ausgezahlt wird, in die Organisation der Territory Band und eine Tournee mit dem Peter Brötzmann Chicago Tentet.


Auch wenn sich Vandermark gerne mit notorischen Krawallbrüdern und Saxofonkollossen wie Brötzmann (Jahrgang 1941) oder Mats Gustafson (Jahrgang 1951) zusammentut, ist er alles andere als ein haltlos hochenergetischer Power Player, der sich am liebsten in Saxofonschlachten austobt. Keine Frage, dass Stücke wie "Knock Yourself Out" ziemlich adäquat betitelt sind, und dass es kaum eine härter groovende Jazzformation gibt als Spaceways Inc., wenn sich diese über eine alte Funkadelics-Nummer hermacht. Aber Vandermark kann auch - zumal an der Klarinette - ein introvertierter Klangpoet von der kammermusikalischen Raffinesse eines Jimmy Giuffre sein, einem nachgerade buddhistisch anmutenden Reduktionismus frönen oder sich in epischen Studien von Texturen und Timbres ergehen.


Woher aber kommt Vandermarks auffälliges Interesse am Funk? "Daher, dass vieles davon einfach großartige Musik ist. Besonders spannend finde ich, wie sich die rhythmische Sensibilität dieser Musik - vor allem von den späten Sechzigern bis zur Mitte der Siebziger - in ein stärker der Improvisation verpflichtetes Umfeld verpflanzen lässt. Jedenfalls haben die Basslinien von Curtis Mayfield oder die horizontale Verteilung rhythmischer Komponenten in der Musik von James Brown eine Menge anzubieten, wenn es darum geht, neue Rhythmen zu schaffen."


Woher Ken Vandermark die Energien bezieht, um diese dann Abend für Abend und Auftritt für Auftritt in Musik umzusetzen, bleibt ein Mysterium. Die Zeitschrift Magnet hatte eine relativ prosaische Erklärung parat: "Wenn man Ken Vandermark ohne Instrument antrifft, dann hält er wahrscheinlich gerade eine Tasse Kaffee in seinen Pfoten." Unwahrscheinlich, dass man an entsprechend konzentrierten Stoff in den USA überhaupt herankommt - ein achtfacher Espresso ist vermutlich auch in Chicago nicht so leicht zu kriegen. Es muss also noch etwas anderes im Spiel sein. Vermutlich hat es mit Musik zu tun.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2005 vom 21.10.2005 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alchemia (The Vandermark 5)

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