Sky Blue Sky

von Wilco

€ 10,90
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Label: NONESUCH
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 12 Tracks, Gesamtspielzeit 51:09 Min.
Erscheinungsdatum: 11.05.2007

Rezension aus FALTER 21/2007

Honigkreis im Haferschleim

Travis-Sänger Fran Healy frühstückt Porridge und fordert Thom Yorke zum Songduell, Rufus Wainwright hat's am Hals und Jeff Tweedy geht es besser als zuletzt.

Ein paar überforderte Neonröhren einer tristen Proberaumkantine im immer noch schäbigen Viertel nördlich des King's-Cross-Bahnhofs versuchen surrend wettzumachen, was ein dunstiger Londoner Morgen an Sonnenlicht verweigert. Ein ganz in Grau gekleideter Mann Mitte dreißig mit graumeliertem Haar und Stoppelbart schlurft zur Tür herein und bestellt sich an der Theke sein Frühstück. Fran Healy sieht sich um, identifiziert mich prompt als seinen Interviewer und setzt sich mit einem Teller voll Haferschleim an meinen Tisch. In seinem vom Leben in London mittlerweile hörbar aufgeweichten Glasgower Akzent lässt Healy eine spontane Tirade über den Zustand der britischen Musikindustrie und-presse vom Stapel. Vielleicht, sinniert der Sänger einer Band, die über acht Millionen Platten verkauft hat, sollte man wieder ganz unten anfangen und ein Gratisfanzine gründen - und zieht dabei mit einem Löffel Honig einen erstaunlich exakten Kreis in seinen Haferschleim.

"The Boy with No Name", der Titel des neuen Albums von Travis, bezieht sich übrigens auf Healys Sohn. Er und seine deutsche Frau Nora, deren Streitgesprächen der Song "Battleships" mit pointierten Streichersätzen Tribut zollt, konnten sich nämlich lange auf keinen Namen für den Balg einigen. Mittlerweile heißt er Clay.

Das Cover zeigt die Band auf einem New Yorker Hausdach, hat Healy sich doch den Traum einer Wohnung im Greenwich Village erfüllt. Nicht zufällig klingt der ebendort geschriebene Song "New Amsterdam" mehr als nur einen Deut nach Simon & Garfunkel in der "Bookends"-Phase. Eine Vorliebe, für die sich Fran Healy keineswegs geniert, habe ihm doch Patti Smiths Gitarrist Lenny Kaye neulich versichert, dass es seiner Generation eigentlich nie um Punk oder Credibility, sondern immer nur um das edelste aller Anliegen gegangen sei - den Popsong. Das, bekennt Healy mit einer leidenschaftlichen Verve, die in seinem schmeichelsanften Gesang so kaum je zum Vorschein kommt, sei sein einziger Maßstab: "Ich fordere Thom Yorke (Radiohead-Frontman, Anm. d. Red.) heraus, den besten Popsong zu schreiben, den er zustande bringt." Ja, es ist Hybris, aber von der sympathischen Sorte.

Womit man zwanglos zu Rufus Wainwrights soeben erschienenem fünftem Album, "Release the Stars", überleiten kann, dessen opernhafte Arrangements vom somnambulen Timbre seiner Stimme ganz wunderbar selbstherrlich sabotiert werden, so als taumelte er im gürtellosen Schlafrock mit Frühstücksei am Revers durch die Prunkräume von Sanssouci, dem der erklärte Freund der Stadt Berlin und Umgebung hier einen Song widmet. Von den - laut einem Interview mit der Zeit - in Zell am See gekauften Lederhosen mit persönlichem Monogramm, die der 33-Jährige im Coverbüchlein trägt, war jedenfalls nichts zu sehen, als "Release the Stars" vor einigen Wochen in den schnieken Air Studios in Hampstead präsentiert wurde.

Mit dem Ausklingen des Titelsongs kam ein winkender Wainwright zur Tür herein und badete schüchtern lächelnd im Applaus, ehe er von einer Traube interessierter junger Herren in geknöpften Strickwesten (das must der Londoner Saison) umringt wurde. Sein Schal dürfte nicht nur Dekoration gewesen sein, denn tags darauf wurde unser Interview wegen Erkrankung abgesagt.

Glücklicherweise sprang für ihn Jeff Tweedy ein, Chef der großen amerikanischen Rockband Wilco, der gerade zur Bewerbung des neuen Werks "Sky Blue Sky" in der Stadt weilte.

Wie Wainwright in "Going to a Town" kontrastiert auch Tweedy die amerikanische Gegenwart mit der deutschen Vergangenheit. Während Wainwright Berlin als "einen Ort, der schon einmal geschändet wurde" der amerikanischen Arroganz der Unbesiegten vorzieht, verwendet Tweedy Deutschland und Japan als Metaphern für die autoritäre Richtung, in die er seine Heimat schlittern sieht: "Für uns sind das klassische Beispiele für die Frage, wie man es je so weit kommen lassen konnte", erklärt Jeff Tweedy. "Dass wir das immer betrachtet haben, als ob dergleichen bei uns nie passieren könnte, hat dazu beigetragen, dass sich die gegenwärtigen Zustände einschleichen konnten."

Dabei ist "Impossible Germany" ein eher untypisches Stück auf diesem von Tweedys Überwindung diverser Süchte, der Konsolidierung der Bandbesetzung und dem Wiederaufbau seines Privatlebens beseelten Album. Lärmpassagen fehlen, und auch die Texte sind "romantischer als je zuvor", mit Ausnahme des aus der Perspektive eines Stehengelassenen geschriebenen "Hate It Here": "Das nennt meine Frau den Lügnersong. Ich versuchte nur, mich in einen Junggesellen hineinzuversetzen. Ich weiß ja nicht einmal, wie man eine Waschmaschine bedient."

Wir holen dich da raus, Jeff.

Robert Rotifer in FALTER 21/2007 vom 25.05.2007 (S. 61)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

RELEASE THE STARS (rufus Wainwright)
The Boy with No Name (Travis)

Rezension aus FALTER 20/2007

Das nunmehr sechste Album der Chicagoer Rocker um Jeff Tweedy markiert eine Abkehr vom Experiment und eine Rückkehr zur Einfachheit und zum Song. Vor allem aber zum Wohlklang. Man gibt sich melodiös und mild: "Maybe the sun will shine today." In Stücken wie "Impossible Germany" klingeln und singen dazu die Gitarren im freundlichen Wettstreit, vom Feedbacklärm des letzten Albums "A Ghost Is Born" (2004) keine Spur mehr. Rockfans, die's gern sperrig haben, werden das eventuell langweilig finden. Für Harmoniesüchtige und Freunde filigraner Töne aber ist "Sky Blue Sky" dafür ein kleines Fest.

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2007 vom 18.05.2007 (S. 60)

  Song-Titel
1.  Either way 3:07
2.  You are my face 4:38
3.  Impossible Germany 5:58
4.  Sky blue sky 3:23
5.  Side with the seeds 4:16
6.  Shake it off 5:42
7.  Please be patient with me 3:19
8.  Hate it here 4:33
9.  Leave me (like you found me) 4:10
10.  Walken 4:27
11.  What light 3:35
12.  On and on and on 4:01

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