Ys

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Rezension aus FALTER 36/2007

Folk war immer da

Die 25-jährige Sängerin und Harfenistin aus Kalifornien komponiert den exzentrischsten Pop derzeit. Auf ihrem im Spätherbst des vergangenen Jahres erschienenen Album "Ys.", das in sämtlichen Jahresbestenlisten ganz weit vorn rangierte, dehnte sie das Songformat bis weit über die 10-Minuten-Marke aus. "Ys." ist ein Dokument von Newsoms kühner Kreativität, für die Begriffe wie Folk oder Pop eigentlich zu kurz greifen. Wie Musiker, denen der Ruf, Exzentriker zu sein, vorauseilt, erweist sich Miss Newsom im Interview als ausgesprochen freundlich. Vielleicht ist es aber auch nur ihre bezaubernde Stimme, die sie beim Telefongespräch freilich wesentlich dezenter einsetzt als bei ihrem Kunstgesang.

Falter: Wenn man sich Ihr Debüt "The Milk-Eyed Mender" mit seinen kurzen, eher konventionellen Folksongs anhört und gleich danach "Ys." mit seinen überlangen Orchesterstücken, stellt man fest, dass Sie in kurzer Zeit einen sehr großen Sprung gemacht haben. Welcher Ehrgeiz treibt Sie an?
Joanna Newsom: Ich will immer etwas Neues kennen lernen, wenn ich Songs schreibe, habe mir aber auch nicht gesagt, dass ich beim zweiten Album unbedingt etwas ganz anderes machen muss. Ich habe einfach damit angefangen, Songs über ein bestimmtes Jahr in meinem Leben zu schreiben, in dem einige wichtige Dinge passiert sind, von denen der Hörer nichts wissen muss. Aber es waren Ereignisse, nach denen man nicht mehr derselbe Mensch ist.
Wie kam es zu der unüblichen Länge der Songs?
Die rührt vor allem daher, dass ich wahnsinnig viel Text hatte. Ich nehme mir viel Zeit fürs Schreiben. Vielleicht schreibe ich einmal einen Roman, doch wahrscheinlich würde ich damit nie fertig werden. Es fällt mir schon schwer genug, mit Songtexten zurechtzukommen. Ich habe zwischenzeitlich Kurse in Creative Writing belegt. Da wird einem gesagt, man soll möglichst klar und verständlich schreiben. Für mich ist es aber nicht so wichtig, dass man gleich alles versteht.
Da bin ich froh, denn wirklich verstanden habe ich keinen einzigen der fünf Songs.
Aber Sie spüren etwas?
Das schon.
Das ist das Wichtigste. Es ist schwer für mich, detailliert über die Texte zu sprechen, da ich natürlich sehr genau weiß, worum es in den Songs geht, wohingegen sie auf den Hörer ruhig unlogisch, wild und assoziativ wirken sollen.
Die Liste der Musiker, die an "Ys." gearbeitet haben, liest sich wie der feuchte Traum eines jeden Popnerds: Steve Albini, Jim O'Rourke und dann noch Van Dyke Parks.
Ja, ich bin ein sehr glückliches Mädchen. Dennoch überrascht es mich ein bisschen, dass sich die Leute deswegen derart überschlagen. Es ging mir nicht darum, hip zu sein, ich wollte einfach die besten Leute haben, um diese für mich sehr speziellen Songs umzusetzen.
Sie haben sie bekommen. Wie kamen Sie an Van Dyke Parks heran? Kann man den einfach anrufen?
Das hätte ich mich fast nicht getraut. Er ist ein sehr beschäftigter Mann, schreibt und arrangiert viel für Hollywood. Es war schon kompliziert genug, ein Orchester zu bezahlen, unser Budget war eigentlich erschöpft. Wir hatten bereits mit den Aufnahmen begonnen, doch ich sprach ständig davon, wie Van Dyke dies und das wohl machen würde, bis mir jemand sagte: "Warum fragst du ihn nicht?" Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen.
Wie verlief die Begegnung mit ihm?
Wir haben uns unterwegs in einem Motelzimmer getroffen. Ich habe mir eine Harfe ausgeliehen und ihm und seiner Frau darauf meine Stücke vorgespielt. Sie saßen am Bettrand und hörten mir zu. Ich glaube, er konnte erahnen, worauf ich hinauswollte. Auf jeden Fall hat er für viel weniger Geld mitgemacht, als er normalerweise bekommt.
Bei einer solchen Paarung stellt sich die Frage, wer im Studio der Boss war?
Nun, er war nicht die ganze Zeit im Studio dabei. (Lacht.) Ich kann schon ziemlich bestimmend sein, doch vor ihm hatte ich großen Respekt. Von einem wie ihm kann man echte Professionalität lernen.
Wie passt das zum Folk-Etikett, das Ihre Musik trägt? Gerade der meiste New oder Weird Folk bezieht seinen Charme doch bis zu einem gewissen Grad aus seinem Dilettantismus.
Ich liebe Folkmusik, bin damit aufgewachsen und schätze auch viele Künstler aus meiner Generation. Das Schöne an Folk ist, dass es so viele Traditionen und Ausformungen gibt. Begriffe wie "New Folk" finde ich jedoch nur beschränkt hilfreich. Es sind Konstruktionen der Medien, die jetzt erst wieder auf Folk aufmerksam geworden sind. Aber er war immer da. Ob ich eine Folkmusikerin bin, sollen andere entscheiden, ich stecke zu tief in meinen Songs drin.
Wie wird die Liveumsetzung von "Ys." aussehen? Sie werden ja schwer ein ganzes Orchester einpacken können.
Leider werden sich nur ein paar ausgewählte Abende mit Orchester finanzieren lassen. Im Mittelpunkt werden ich und meine Harfe stehen, dazu bringe ich eine Band mit einem unglaublichen Akkordeonspieler mit. Wir haben die Arrangements so umgearbeitet, dass sie auch in kleiner Besetzung funktionieren.

Sebastian Fasthuber in FALTER 36/2007 vom 07.09.2007 (S. 57)


Rezension aus FALTER 46/2006

Bereits ihr Debüt "The Milk-Eyed Mender" (2004) machte Joanna Newsom zum Liebkind der amerikanischen Neo-Folk-Bewegung; der Nachfolger geriet jetzt zum künstlerischen Quantensprung. So reduziert ihr Einstand angelegt war, so sehr schöpft die junge Sängerin, Songwriterin und Harfenistin jetzt aus dem Vollen: Zum bekannten Kern ihrer Lieder - die Harfe als Schlüsselinstrument, dazu eine eigenwillig ausdrucksstarke Stimme - gesellt sich ein vom großen Van Dyke Parks geleitetes Orchester; mit Steve Albini und Jim O'Rourke wirkten zwei weitere Musiker-und Produzentenikonen der jüngeren Musikgeschichte an den fünf sieben-bis 17-minütigen Epen mit. Das Ergebnis klingt kein bisschen konstruiert, überladen, prätentiös oder verschroben, sprengt jedes konventionelle Popformat und zählt gerade deswegen zu den faszinierendsten Popplatten der letzten Jahre.

Gerhard Stöger in FALTER 46/2006 vom 17.11.2006 (S. 621)


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