Chimeric

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Verlag: Thrill Joc
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 19.11.2009

Rezension aus FALTER 47/2009

Tee und Schnaps, Mensch und Maschine

Das weltbekannte Wiener Avant-Trio Radian ist wieder da und bringt die Zweitband Lokai mit

Radian. Lokai. Tupolev. Dirac. Natürlich Fennesz. Peter Rehberg. Nur ein paar Namen heimischer Künstler und Bands aus dem Feld zwischen Elektronik und instrumentengestützter Klangforschung, die hierzulande abseits der Nische völlig unbekannt sind, in ihren Bereichen dafür Weltruf genießen.
Mit dem Wiener Trio Radian verhält es sich genau umgekehrt wie mit gitarrenschwingenden Austro-Formationen, die über Berlin oder Hamburg nicht hinauskommen. Sie veröffentlichen ihre Musik seit 2002 auf dem angesehenen US-Indielabel Thrill Jockey, wo Tortoise, The Sea & Cake oder Califone zu den Kollegen zählen, und ihre Konzertreisen führen sie rund um den Globus.
Dabei lässt sich nicht einmal behaupten, sie seien Szenestars. Radians Szene müsste erst erfunden werden. Für experimentelle Elektronik verwendet die Band zu viel akustisches Instrumentarium; für Postrock klingt sie wiederum zu experimentell und elektronisch; Spurenelemente von Pop sind vorhanden, aber mindestens genauso viele von sogenannter E-Musik. Radian sind mit ihren präzisen, minutiös durchstrukturierten Werken eine Trademark für sich.

Ein Treffen mit der Band zu vereinbaren bedarf heute langfristiger Planung, denn leicht kriegt man die drei von der Avantgarde-Bubenbande nicht an einen Tisch. "Das sind seltene Momente, dass wir uns zu dritt treffen", erklärt Bassist John Norman. "Wenn ich um vier ins rhiz gehe, weiß ich schon, wen ich da treffe", relativiert Synthesizermann Stefan Németh mit einem Augenzwinkern in Richtung seines Kollegen. "Mich sicher nicht", sagt Schlagzeuger Martin Brandl­mayr, der Dritte im Bunde.
Das letzte Album, "Juxtaposition", liegt denn auch bereits fünf Jahre zurück. Norman spielte inzwischen viel mit seiner britisch geprägten Popband Freud. Németh ist solo und im Duo Lokai aktiv. Und Brandlmayr ist in ein schwer entwirrbares Knäuel an Projekten (Trapist, Autistic Daughters, Kapital Band 1) verstrickt.
Zwischenzeitlich sah es für die Musiker so aus, als hätten sie das System Radian ohnedies durchdekliniert. Brandlmayr: "Nach dem letzten Album haben wir sehr viel live gespielt. Bis zu dem Punkt, wo ich mir während des Spielens überlegt habe, was ich am nächsten Tag mache. Das ist ein ganz schlechtes Zeichen." Norman ergänzt: "Es kam vor, dass ich im Set 20 Minuten mental nicht da war, weil es so eintrainiert war. Wir haben funktioniert wie Maschinen. Das wollten wir eigentlich immer, und dem Publikum ist es wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, aber es war schon auch befremdlich."
Also beschlossen die Bandmitglieder, nur unter der Voraussetzung weiterzumachen, dass das neue Material anders klingt als das alte. Und das tut es. Radian, die früher den Reiz der Strenge predigten und mit kleinen Nuancen im Sound große Wirkung erzeugten, drehen auf "Chimeric" richtig auf. Bisweilen wirken die Stücke wie aus spontanen Jams entstanden, sie klingen hochenergetisch, die Dynamik zwischen leise und laut wird an einigen Stellen voll ausgeschöpft. Das Titelstück "Chimera" erinnert schockierenderweise gar ein wenig an Progrock. Die Maschine menschelt.
Wie konnte es so weit kommen? "Wir wollten raus aus unserer Blase", formuliert es Brandlmayr, der Konzeptualist im Team. "Andererseits existieren wir immer noch in dieser Blase. Es gibt nach wie vor klare Dos und Don'ts – aber die Blase ist gewachsen." Die Entstehung der Platte beschreibt Németh als einen Kampf: "Es sind Grenzen überschritten worden. Ich habe mir öfters gedacht: Was wollen die anderen zwei überhaupt? Manchmal musste ich bei etwas mitspielen, das ich für unpassend hielt. Interessanterweise sind das oft die Stellen und Nummern, die mir jetzt am besten gefallen."

Von kontrollierter Implosion haben sich Radian zum kontrollierten Kontrollverlust weiterentwickelt. "Wir sind halt auch lockerer geworden", bringt es Norman ganz nebenbei auf den Punkt. Technisch waren die Aufnahmen im bandeigenen Proberaum Hugosound (!) allerdings das Gegenteil von locker. Live eingespielte Parts wurden gesampelt und das entstandene Material derart wild übereinandergeschichtet, dass manche Tracks zeitweise auf 180 Spuren kamen. Am Ende musste sich Brandlmayr einen neuen Computer kaufen, weil der alte die Arrangements nicht mehr wiedergeben konnte: "Das waren Momente der Verzweiflung."
An der Liveumsetzung wird derzeit gearbeitet. Für Anfang 2010 sind Tourneen durch Amerika und Australien geplant, Japan und Europa werden folgen. Überhaupt haben die Herren wieder Blut geleckt. Aus ein paar Sessions mit Howe Gelb von Giant Sand soll eine Art Radian-mit-Gesang-Platte entstehen, die sich an den Rändern der Rockmusik entlangbewegt.
Parallel zu "Chimeric" erscheint das zweite Album von Némeths Seitenprojekt Lokai, einem Duo mit dem Gitarristen und Elektroniker Florian Kmet. Auch hier ist Bewegung angesagt. Im Vergleich zum Erstling klingen die Stücke ungewohnt akustisch und auch sehr rhythmisch, nähern sich mitunter gar einer Songstruktur.
Mit dieser Platte hätten er und sein Partner sich erst richtig kennengelernt, erzählt Németh, der bis vor kurzem das Label Mosz mitbetrieb. Dass das neue Lokai-Album "Transition" nun wie Radian auf Thrill Jockey erscheinen kann, bezeichnet er als glücklichen Unfall. Der Bekanntheit der Zweitband wird es nicht schaden.
Den kategorialen Unterschied zwischen seinen beiden Bands macht der Ruhige im Bunde an der Arbeitsweise fest: "Bei Lokai ist es ein sehr angenehmes Arbeiten. In Flos Studio gibt es immer ein Schnapserl und gute Mehlspeisen. Im Hugosound geht es spartanischer zu, da gibt es höchstens Tee und Schnitzelhauskost."

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2009 vom 20.11.2009 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Transition

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