High Wide & Handsome

von Loudon Wainwright

Derzeit nicht lieferbar

Label: Proper/Lotus
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 46/2009

Hilfe, meine Wurst bellt

Loudon Wainwright III ehrt den Country-Hallodri Charlie Poole mit einem würdigen Tribute-Album

Lasst, die ihr in dieses Hotel eintretet, alle Hoffnung fahren. Es liegt Tür an Tür mit dem Bestattungsinstitut, in der Lobby befindet sich eine Arztpraxis, im Keller ein Friedhof, und die Mahlzeiten nimmt man im zweiten Stock ein. Serviert wird "Hash", zu Deutsch "Gröstel".
Bedauernswerterweise hat die Küche noch mehr zu bieten: Würste, die bellen, wenn man sie berührt ("The sausage, they are marked, if you touch them, they will bark / They are relics sent from Bingen-on-the-Rhine"), wohingegen der Geruch des wohl nur hier vorrätigen "Hambolonia-Käse" die eindrückliche Empfindung verursacht, soeben mit einer Keule eins auf den Kopf bekommen zu haben.

Und erst das Beefsteak und die Butter! "Oh, the beefsteak it was rare and the butter had red hair", lautet die entsprechende Zeile, die Loudon Wain­wright III Anfang der 70er-Jahre in lautes Gelächter ausbrechen ließ und die Frage aufwarf: Wer, verdammt nochmal, hat das geschrieben? Sie scheint bis heute unbeantwortet.
"Awful Hungry Hash House" wird auf der jüngsten Doppel-CD Wain­wrights jedenfalls als "Traditional" ausgewiesen. Kein einziges der 29 Stücke von "High Wide & Handsome. The Charlie Poole Project" wird dem genannten Herrn zugeschrieben (die zeitgleich erschienene, äußerst wohlfeile 4-CD-Box "The Essential Charlie Poole" ist hier etwas generöser).
Wer auch immer die Charlie Poole-Songs geschrieben hat, "sie gehören ihm, soll heißen, er hat sie zu den seinen gemacht", schreibt Wainwright im ebenso informativen wie schlecht gebundenen Booklet des liebevoll aufgemachten Doppelalbums.
1892 in Randolph County, ­North Carolina geboren, begann Poole noch als Bub auf einem selbstgebastelten Flaschenkürbisbanjo zu klimpern und kaufte sich später um den halben Wochenlohn von 1,50 Dollar – wie sein Vater arbeitete Charlie in einer der ­damals boomenden Baumwollspinnereien – ein fabriksneues Instrument.
Die Legende will es, dass er wegen Musizierens am Arbeitsplatz zunächst gefeuert, aber sehr bald wieder eingestellt wurde, weil sich die Arbeiter aus dem Fenster lehnten, um ihm zuzuhören, als Poole nach seiner Entlassung begann, vor statt in der Fabrik zu spielen.

Poole, der 1931 nach einer 13 Wochen währenden Sauftour verstarb, war auch abseits seiner musikalischen Verdienste eine mehr als ­schillernde Gestalt. Den größten Teil seines 39 Jahre währenden Lebens hat sich der mit zwölf Geschwistern gesegnete Poole herumgetrieben, mit Polizisten geprügelt und mehr oder weniger vorsätzlich falsch ernährt.
Als er zu einer Aufnahmesession für Columbia Records antrat, fragte ihn der zuständige A&R-Mann Frank Walker, womit sich seine vom Suff hörbar ramponierte Stimme sanieren ließe. "Zitronen und Schnaps!", war die Antwort. Walker wies einen Mitarbeiter an, eine Zitrone und eine Flasche zu besorgen, worauf Poole dem Mann hinterherrief: "Lassen Sie sich ein Dutzend Zitronen und vier Liter Schnaps geben!"
Den Song "Goodbye Booze", den Poole nachgerade nüchtern, in ­einer Art neutralen Erzählhaltung intoniert, pflegte er in Begleitung einer Flasche Schnaps zum Besten zu geben – ein Abschiedslied ohne Sentiment: "Yes, I had a good time, but we couldn't agree / You see what booze has done for me." Wobei der knochentrockene Witz im Detail steckt – eben nicht: "done to me", im Sinne von "angetan", sondern "done for me".

Pooles Beitrag zur Geschichte der US-amerikanischen Popularkultur ist unbestritten. Schon Anfang der 50er-Jahre hatte der Ethnomusikologe, Exzen­triker und Experimentalfilmer Harry Smith Poole in seine bahnbrechende "Anthology of American Folk Music" aufgenommen.
Zu Lebzeiten war Poole, der schließlich der Wirtschaftskrise Tribut zollen und in die Baumwollspinnerei zurückkehren musste, übrigens keineswegs verkannt: Seine erste 78er-Schallplatte für Columbia verkaufte sich über 100.000 Mal.
Loudon Wainwright nähert sich Charlie Poole respektvoll, aber nicht ehrfürchtig. Auf drei Stücken hat er selbst zum Banjo gegriffen, auf dem Poole als einer der größten Könner seiner Zeit galt.
Ansonsten besticht "High Wide & Handsome" dadurch, dass Wain­wright mit den Songs des bewunderten Musikers ganz in dessen Geiste verfährt: Er macht sie zu seinen eigenen. Und er gesellt ihnen eigene, gemeinsam mit dem Produzenten Dick Conette komponierte Stücke hinzu.
Etwa den auf Pooles Lebensstil anspielenden Titelsong; oder das ein surreales Bonmot Pooles aufgreifende "Old Ballyhoo" ("Mister, won't you lend a poor dime a cripple? / I'm about a thousand dollars from my home"); das berührende, von Maggie Roche gesungene "The Man in the Moon", in dem die schwer geprüfte Ehefrau des notorischen Hallodris zu Wort kommt; oder den wunderbar arrangierten, bitter-süßen Selbstbeschädigungssong "No Knees".

Wainwrights Gesang ist weniger neutral als der Pooles, lässt ein breites Spektrum zwischen Sarkasmus und Sentimentalität zu. Die Instrumentierung ist angenehm abwechslungsreich und heutigen Hi-Fi-verwöhnten Ohren naturgemäß wesentlich zuträglicher als der auf Dauer doch etwas monoton und harsch tönende Originalklang der Carolina Ramblers.
Unterstützt von insgesamt 30 Musikern, unter ihnen auch seine Kinder Rufus und Martha, ist dem Projektleiter ein kurzweiliges, witziges und bewegendes Album geglückt, das mit Stücken wie "My Mother & My Sweetheart", "Old and Only in the Way", "Where the Whippoorwill Is Whispering Goodnight" oder dem Gospelsong "The Great Reaping Day" auch der soften Seite eines hard drinking hellraiser of the highest order seinen Tribut zollt.

Klaus Nüchtern in FALTER 46/2009 vom 13.11.2009 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

The Essential Charlie Poole

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb