Thrown Out Of Drama School

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Rezension aus FALTER 20/2009

Hurz! Wir brauchen mehr Hurz

Theater, Theater, der Vorhang geht auf: Dirk von Lowtzow und Thies Mynther widmen sich auf ihrem neuen Album "Thrown­ Out of Drama School" Themen wie Bühne, Musical, Operette oder der Idee des Klavierauszugs. Wo Lowtzow bei Tocotronic seine Auffassung von Rockmusik vertritt, könnte Phantom/Ghost von verzerrten Gitarren nicht weiter entfernt sein.
Auf der neuen Platte wird der Sänger ausschließlich von einem Flügel begleitet. Mal klimpert Mynther wie ein beschwipster Klavierschüler, mal hat er das Instrument präpariert. Das Ergebnis gleitet souverän an der Grenze zwischen Hochkultur und Blödsinn, Originalität und Privatspleen entlang.
Nur: Wie konnte es so weit kommen? Das Falter-Interview mit Dirk von Lowtzow wurde via Ferngespräch geführt. Er rief aus Berlin an. Der Apparat läutete um Schlag zwölf Uhr.

Falter: Herr von Lowtzow, sind Sie ein Pünktlichkeitsfanatiker?
Dirk von Lowtzow: Ach, ich kann mir das gut einteilen. Wir haben bei Phantom/Ghost keinen so engen Promotion-Zeitplan wie viele andere Bands. Ich finde es auch schön, solchen Klischees nicht zu entsprechen wie dem des Musikers, der überall zwei Stunden zu spät hinkommt.
Sie spielen grundsätzlich aber sehr gerne mit Klischees, nicht?
Lowtzow: Ja, das sind Gratwanderungen, die wir unternehmen. Das Titelstück unserer neuen Platte "Thrown Out of Drama School" zum Beispiel spielt mit dem Klischee vom unangepassten Schauspielschüler, der rausfliegt, weil er sich für ein Genie hält und die Rolle nicht so spielt, wie es der Lehrer ihm gesagt hat. Es hat mir Spaß gemacht, in diese Rolle zu schlüpfen. Ich bin selber mal an einer Schauspielschule durchgefallen.
Echt?
Lowtzow: Gleich nach dem Abitur habe ich mich in Graz beworben, wurde aber abgelehnt. Das Stück ist meine späte Rache dafür.
Bei Phantom/Ghost geht es sehr stark um Posen. Ich hatte beim Hören dieses klassische Bild vom Sänger, der am Flügel lehnt, im Kopf.
Lowtzow: Das kann man natürlich alles wunderbar reinlesen. Wobei – soll ich verraten, wer das eigentliche Vorbild war für die Platte?
Wer denn?
Lowtzow: Hape Kerkeling. Da gab es vor Ewigkeiten diesen berühmten Hurz-Sketch. Kennen Sie den?
Ja. "Der Wolf. Das Lamm ..."
Lowtzow: "Hurz!" Genau. (Lacht.) Hape und sein Pianist treten bei einem Liederabend in der Provinz als Duo auf den Spuren von Anton Webern auf und ziehen die Ernsthaftigkeit, die bei der Veranstaltung herrscht, ins Parodistische. Wir begreifen uns auch ein wenig so, wobei es nicht zu parodistisch werden soll. Wir finden gewisse Musicals und Operetten wirklich gut und wollen uns nicht darüber lustig machen.
Aber Spaß ist wichtig?
Lowtzow: Unbedingt, auch die Nähe zum Quatsch. Die Aufnahmen der Platte waren sehr kompliziert, es ist nicht einfach, ein Klavier aufzunehmen. Wenn es zu ernst und technisch wurde, haben wir uns immer gesagt: Hurz! Wir brauchen mehr Hurz!
Das Material hat streckenweise eine Leichtigkeit, wie man sie bislang von Phantom/Ghost nicht kannte.
Lowtzow: Speziell die letzte Platte war doch sehr düster, so wollten wir nicht mehr weitermachen. Wir sind ja nicht Soap&Skin.
Wie finden Sie die?
Lowtzow: Mir gefällt ihre Musik gut. Andererseits ist es, das weiß jeder Songschreiber, halt leichter, schwer und traurig zu klingen als heiter. Nicht falsch verstehen, ich finde das schon toll für eine junge Österreicherin und nehme ihr dieses Düstere auch ab. Aber von uns alten Halbschwuchteln will man so was nicht hören, glaube ich.
Was mögen Sie an Musicals?
Lowtzow: Thies ist eindeutig der größere Fanatiker, er liebt die Musicals von Stephen Sondheim heiß und hat ein Jahr lang intensiv Partituren studiert. Ich mag das Grenzwertige, Übertriebene an der Form. Abgesehen davon gibt es unglaublich viele tolle Songs, die aus Musicals stammen. Was für eine Einheit Musik und Text oft bilden, da steckt großes Können dahinter. Wir sind dagegen nur Dilettanten und Hochstapler. Gerade dieses Anmaßende und die Nähe zum Scheitern machen für uns den Reiz aus.
Wie rückte das Klavier derartig in den Mittelpunkt? Bislang war bei Phantom/Ghost viel Elektronik dabei.
Lowtzow: Es gibt zwei Erklärungen. Die eine ist, dass wir den Klang des Klaviers lieben und genauer untersuchen wollten. Der andere Grund ist unsere Faulheit. Wir mussten bislang zu Konzerten immer alle möglichen Geräte und Instrumente mitschleppen, vor allem Thies natürlich. Jetzt reisen wir nur mehr mit Herrenhandtäschchen zu Konzerten an. Leichtes Gepäck. Man schneit einfach vom Bahnhof oder vom Flughafen rein, der Flügel steht schon bereit. Fantastisch.
"The Charge of a Light Brigade", so heißt der erste Song auf dem Album. Wieso basiert er ausgerechnet auf einem englischen Militärmarsch?
Lowtzow: Es gibt diesen englischen Militärmarsch namens "British Grenadiers". Er spielt eine große Rolle in dem Film "Barry Lyndon" von Stanley Kubrick, der Romanverfilmung von Thackeray. Interessanterweise geht es da um einen Hochstapler, eine Felix-Krull-Figur. Das passt perfekt zu uns und dieser pseudoklassischen Musik. Wir haben diesen Marsch genommen und aus einem Vierviertel- einen Dreivierteltakt gemacht, ihn also gewissermaßen verweiblicht oder verweichlicht.
Am anderen Ende der Platte steht eine Coverversion von Right Said Freds Ballermann-Hit "You're My Mate". Wie kamen Sie ausgerechnet darauf?
Lowtzow: Ich finde, das ist ein schönes Lied und hat eine Melodie wie manche Musicalsongs oder meinetwegen Volkslieder. So weit weg von den anderen Liedern auf der Platte ist es nicht, man könnte es fast für ein Originalstück halten. Es gab mal einen Musiker, der Klavierauszüge von Dead-Kennedys-Stücken erstellt hat. So ähnlich haben wir das hier auch gemacht. Man kennt das Stück von Right Said Fred als Eurotrash. Wenn man es skelettiert, sieht man, dass es nicht schlecht geschrieben ist.
Im Unterschied zu Tocotronic singen Sie bei Phantom/Ghost immer englische Texte. Wie ist das entstanden?
Lowtzow: Es war einfach für diese Musik passender, auf Englisch zu singen. Ich finde es auch interessant, bei meinen Projekten zwischen den Sprachen zu switchen. Ich habe viele Freunde, die Engländer oder Amerikaner sind, und da ist es schön, sich mal einen Abend auf Englisch zu unterhalten. Aus dieser Lust entspringt das. Für uns war das aber nie ein großes Ding, dass ich Englisch singe. Zumal man ja total mit angloamerikanischer Musik sozialisiert wurde.
Sie haben nie viel deutschsprachige Musik gehört?
Lowtzow: Nein. Bei Tocotronic war es für mich anfangs eher fremdartig, auf Deutsch zu texten. Inzwischen hat sich das sehr verfestigt und ist natürlich für mich geworden. Trotzdem finde ich die englischen Texte noch natürlicher.
Ihr bewusst deutscher Akzent sorgte anfangs für viel Verwirrung und auch für Erheiterung.
Lowtzow: Das war nicht Unvermögen, wir wollten das nur transparent machen: Hier singt einer, der hörbar kein Nativespeaker ist. Ich habe deshalb darauf geachtet, dass ein leichter deutscher Akzent erkennbar sein muss.
Warum?
Lowtzow: Sonst klingt das schnell nachmacherisch. Das empfinde ich als peinlich. Oft kommen ja Deutsche oder meinetwegen auch Österreicher mit einem englischen Akzent daher. Klar, die kennen 100 Britpop-Platten auswendig und spielen selbst auch solche Musik. Komisch ist es trotzdem. Diesmal haben wir das Deutsche aber nicht ganz so herausgestellt, das wäre zu parodistisch gewesen.
Wie geht's eigentlich Tocotronic, kommt was Neues?
Lowtzow: Ist in Arbeit. Das Studio ist reserviert, die neue Platte wird ab 3. Juni aufgenommen. Ich nehme an, sie kommt dann Anfang 2010 raus. Eigentlich ist schon alles drin, die Songs sind geschrieben. Sie sehen: Immer Arbeit, Arbeit, Arbeit. (Lacht.)
Jetzt sind Sie kokett. Sie haben sich sehr schön freigespielt und können genau das machen, was sie wollen.
Lowtzow: Ich kann mich nicht beschweren. Bei Phantom/Ghost befinden wir uns inzwischen in einer Phase, wo man sich denkt: Lass uns das so machen, weil das macht ja sonst keiner. Man muss auch dazu sagen, heutzutage sind die Erwartungen bezüglich dessen, wie gut sich ein Phantom/Ghost-Album verkaufen kann, wahnsinnig gering. Man kann das ruhig offen sagen, dass wir mit der Platte nicht auf Platz eins kommen werden. Deshalb finde ich es schön, ein bisschen nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" zu machen, was man möchte. Auch wenn es noch so abseitig ist. Das hat auch was Befreiendes.
Das hört man jetzt von vielen Musikern: Wenn man schon kaum mehr CDs verkauft, dann spielt man die Musik wenigstens kompromisslos so, wie man sie selbst hören möchte.
Lowtzow: Man hat das Gefühl, es ist vollkommen egal. Manchmal führt es zu sehr guten Ergebnissen, weil es einen befreit. Man hat nicht mehr das vermeintliche Publikum im Hinterkopf.
Die Verkaufszahlen sind inzwischen derart gering, dass Tocotronic in der Veröffentlichungswoche Platz eins erreichen könnte.
Lowtzow: Stimmt. Was waren wir letztes Mal mit "Kapitulation"? Ich glaube, Platz drei. Für eine Band wie Tocotronic mit einer relativ konsistenten Fanbindung kann es zu schönen Ergebnissen führen, wenn alle gleich losgehen und sich die Platte kaufen. Aber es bedeutet relativ wenig. Man steigt hoch ein, fliegt aber auch gleich wieder raus. Man darf sich nicht viel drauf einbilden. Geschäftlich wäre es besser, monatelang auf Platz zehn zu sein als eine Woche auf Platz drei.
Das schaffen nur Schlagersängerinnen oder Altrocker.
Lowtzow: Die sind mit einer Platte manchmal mehrere Jahre in den Charts. Mein Gott, da kann man sich mal ausrechnen, wie viel Geld die verdienen. Davon kann man nur träumen.
Wie waren bislang die Reaktionen auf "Thrown­ Out of Drama School"?
Lowtzow: Uns schien, dass es den Leuten sehr gut gefällt, weil es nicht alltäglich ist. Das ist sicher auch der Grund für den enormen Erfolg von jemandem wie Soap&Skin. Das gibt es nicht oft, dass sich jemand einfach ans Klavier setzt und singt und nichts groß weiter. Leider gibt es gar nicht so viele Orte, wo ein Flügel vorhanden ist, das beschränkt unseren Aktionsradius ein wenig.
Dafür können Sie mit diesem Programm theoretisch auch in 20 Jahren noch touren.
Lowtzow: Ja, ja! Das Zauberwort ist antizyklisch. Wir können den ­typischen Abläufen ausweichen. Bei Rockmusik ist man fast gezwungen, ewig das Schema Album-Tour zu machen. Phantom/Ghost ist saisonunabhängiger.
Glauben Sie, mit der neuen Platte können auch neue Publikumsschichten erschlossen werden?
Lowtzow: Puh, bislang hätte ich ehrlich gesagt nichts davon bemerkt. Es wäre aber schön, vor allem für Thies, wenn jetzt auch die Klassik-Fachblätter berichten würden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2009 vom 15.05.2009 (S. 30)


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