Dogmatic Sequences-The Series 1994-2006

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Rezension aus FALTER 6/2007

"Der letzte Funke Anarchie"

Techno-Zampano Patrick Pulsinger hat sich in den letzten Jahren auf sein Studio konzentriert, jetzt veröffentlicht er wieder ein eigenes Album. Ein Gespräch über Karrieren, Soundfetischismus, das Ende von Cheap Records und die DDR.

Fünf Jahre ist es her, dass Patrick Pulsinger - zusammen mit Erdem Tunakan lange Zeit internationales Aushängeschild in gelebter Techno-Lässigkeit - sein letztes Album veröffentlicht hat. "Easy to Assemble. Hard to Take Apart" war ein elektronisches Jazzalbum und als solches ein Riesenschritt weg vom Funktionalismus repetitiver Tanzmusik. Seitdem ist es ruhig geworden um Pulsinger, der freilich alles andere als untätig war, inzwischen einfach lieber im Hintergrund agiert. In den letzten Jahren hat sich der 37-Jährige auf Mastering-und Produktionsjobs verlagert und sich einen Ruf als einer der profundesten Soundspezialisten im Land gemacht. Jetzt startet er eine neue Veröffentlichungsoffensive und geht gleichzeitig zurück zu den Wurzeln. Auf dem Compost-Label ist kürzlich die Electro-Maxi "Utopia Parkway" erschienen, auf Disko B folgt nun das Album "Dogmatic Sequences. The Series 1994-2006", mit dem er einen nicht weniger als legendär zu nennenden Technozyklus aus seinen frühen Jahren abschließt. Das Falter-Gespräch fand in der Küche seines Feedback Studios im fünften Bezirk statt, der Hausherr servierte "Gute Laune"-Tee.

Falter: Seit längerem erscheint mal wieder ein neues Album von Ihnen ...

Patrick Pulsinger: Ja, ich höre öfters: Was macht der eigentlich die ganze Zeit? Leute sagen, sie haben seit zehn Jahren nichts mehr von mir gehört. Ich knall's eben nicht auf die Homepage, wenn ich einen neuen Remix gemacht habe, das ist nicht meine Art.

2003 haben Sie und Ihr Partner Erdem Tunakan noch zehn Jahre Cheap Records gefeiert, danach haben Sie sich still und heimlich getrennt. Wieso eigentlich?

Es war nicht so, dass wir uns zerstritten hätten. Eher auseinandergelebt. Wir sind damals aus dem alten Studio in der Ruckergasse ausgezogen. Der Erdem ist ins Museumsquartier und hat seinen Cheap-Shop aufgemacht. Ich hatte immer mehr Angebote, als ausführender Produzent zu arbeiten. So hat sich das gefügt.

Cheap war immer ein Liebhaberlabel, auf dem von Techno bis Experimentalkram alles Mögliche rauskommen konnte. So was gibt es heute kaum mehr.

Es war der Versuch, die totale Freiheit zu leben und genau das zu machen, wozu man Lust hatte. Als Label hat es sich gerade so gerechnet, inzwischen ist die Situation für Indielabels ja noch viel schwieriger geworden. Ich war aber nie der Labelbetreiber im klassischen Sinne. Irgendwann merkt man, dass Plattenverkaufen einfach Einzelhandel ist. Ob ich jetzt Platten oder Wurst verkaufe, ist vom Job her leider komplett dasselbe. Das Business macht dich irgendwie zum Pragmatiker. Und Pragmatismus und Musik, das passt nicht wirklich gut zusammen.

In letzter Zeit haben Sie vor allem die Platten anderer Musiker gemastert und produziert.

Das hat sich in diese Richtung verlagert, seitdem ich mein Studio hier habe. Meine Jazzplatte "Easy to Assemble" war im Nachhinein ein bisschen der Wendpunkt. Da habe ich gemerkt: Ich brauche eigene Aufnahmeräume, ich will mit Musikern arbeiten, weg von diesem reinen Technoding. Das war so um 2000 herum.

Seitdem gibt es weniger eigene Platten als eben Produktionsjobs - erst für Louie Austen, dann fürs Trio Exklusiv, zuletzt für Patrick Wolf.

Das sind Projekte, wo ich am Ende nur als Fußnote auftauche, die aber einige Zeit in Anspruch nehmen.

Wenn man Ihren Backkatalog betrachtet und Ihre Möglichkeiten als Musiker bedenkt, ist es fast schade, dass Sie so viel Zeit mit der Technik verbringen.

Wobei mich die Technik immer schon genauso interessiert hat wie die Musik. Als Teenager bin ich mit Kopfhörern im Bett gelegen und konnte nicht einschlafen, weil ich mich gefragt habe, wo bei Trevor-Horn-Produktionen diese unfassbaren Sounds herkommen. Das war nach Depeche Mode und OMD das Nächste, was man damals gehört hat, Frankie Goes To Hollywood oder Yes' "Owner of a Lonely Heart".

Das waren die frühen Prägungen?

Die frühesten Prägungen waren die Discokassetten, die meine Eltern im Auto gehört haben. Da wurde die Bassdrum noch von einem Schlagzeuger gespielt, nicht von einer Drummachine. Der musste fünf Minuten denselben Rhythmus spielen. Ich habe auch eine ansehnliche Sammlung an Teldec-und Arcade-Samplern von meinen Eltern übernommen, wo auf einer Plattenseite 15 der größten Hits zusammengepfercht wurden. So Sachen wie "A Walk in the Park" oder Amanda Lear, damit bin ich aufgewachsen.

Das war schon in Österreich? Geboren sind Sie ja in der DDR.

Im Winter 1979/80 bin ich mit meiner Mutter in die Steiermark gekommen. Flucht in dem Sinne war das keine, meine Mutter hat halt meinen Vater kennen gelernt, und der war Österreicher. Wir mussten ziemlich lange warten, bis wir ausreisen durften. Dafür hieß es dann: Ihr habt genau 24 Stunden Zeit, das Land zu verlassen. In der Steiermark habe ich erst die Hauptschule gemacht, die HTL habe ich abgebrochen, weil ich keinen Bock mehr hatte. 1988 bin ich dann nach Wien.

Ihre Erinnerungen an die DDR?

Ich muss sagen, ich habe an die DDR nur die besten Erinnerungen. Als Kind kriegt man von dem System natürlich sehr wenig mit, beziehungsweise nur die guten Seiten. Da gab es das nicht, dass man auf einen Kindergartenplatz warten musste. Auch für eine alleinerziehende Mutter war es in der DDR kein Problem. Von Reisefreiheit und der Freiheit zur politischen Meinungsäußerung konnte ich ja noch keinen Gebrauch machen. Hart war, dass man bis 1989 nicht mehr zurückkonnte. Einmal draußen, immer draußen.

Wie haben Sie die Zeit nach dem Mauerfall erlebt?

Als sich der Osten öffnete, ging gleichzeitig auch Techno los. Das war so eine wunderliche Verknüpfung. Ich glaube, zu dieser Zeit haben wir in Berlin das letzte Fünkchen Anarchie in Europa miterlebt. In dem Bereich, wo vorher die Mauer stand, gab es plötzlich irgendwelche Kellerclubs, natürlich alle ohne Konzession, wo die Leute einfach ein paar Boxen reingetragen haben. Ich bin froh, dass ich da dabei war. Das war die ultimative Technoutopie, die dort stattgefunden hat.

Ihr neues Album, "Dogmatic Sequences", schließt nun an eine Reihe an, die Sie Anfang der Neunziger begonnen haben. Ist es eine Rückkehr zum Techno?

Schon, eine Zeitlang hat er mich ja eher gelangweilt. In den letzten zwei, drei Jahren ist dieser rohe Frühneunziger-Techno im großen Stil zurückgekommen. Ich habe mir die alten Platten rausgeholt und mir das wieder mal angehört. Ich war überrascht, dass das so unpeinlich klang. An diesen Sound wollte ich anschließen. Was gar nicht so leicht war, weil sich die Technik seither komplett verändert hat.

Alte Geräte haben Sie ja genug stehen in Ihrem Studio ...

Die Synthesizersammlung ist über die Jahre gewachsen. Am Anfang habe ich mich gefragt, wie gewisse Sounds auf gewissen Platten zustandekommen. Wenn mir jemand gesagt hat, dass da zum Beispiel ein Arp 2600 Synthesizer zu hören ist, bin ich ganz naiv losgezogen und habe in Shops gefragt, ob sie so ein Ding haben. Teils haben sie mich ausgelacht, teils habe ich wirklich Raritäten gefunden. Diese Geräte leisten heute noch gute Dienste, die kannst du durch kein Software-Plug-in ersetzen.

Es lässt sich interessanterweise kaum ein Unterschied zwischen den alten und den neuen Stücken auf der CD ausmachen.

Das freut mich, denn genau das wollte ich. Es soll wie damals klingen und gleichzeitig fresh. Techno ist ein fixes Genre geworden. Ich finde es schön, dass man jetzt anfangen kann, sich selbst zu zitieren. Das Einzige, was ich ein bisschen vermisse, ist der Futurismus. Aber es geht schon noch was.

Inzwischen läuft nach dem Achtziger-schon das Neunziger-Revival, in England tobt die "Nu Rave"-Bewegung. Was halten Sie von diesen Retrotendenzen?

Rave war für mich damals eine Gegenbewegung zur Diskothek. Es war egal, wie du ausgesehen hast, es gab keine Türsteher. Du bist da einfach rein und warst mit der Musik. Wenn das jetzt wieder kommt, finde ich das für die jungen Leute super. Man glaubt ja, wenn man älter wird, dass alles retro und ein Abklatsch ist. Aber für die, die heute Anfang zwanzig sind, ist es vermutlich genauso geil wie für mich damals. Auch damals haben die Leute schon gemeckert und über frühe Carl-Craig-Platten gesagt, das sei ja alles nur aufgewärmt und gesampelt von Jazzfunkplatten.

Mitte der Neunziger wurde Ihnen eine große Karriere prophezeit, wie Sie ein DJ Hell gemacht hat. Warum haben Sie sich dem verweigert?

Es hätte sicher anders abgehen können. Aber ich wollte nicht der Super-DJ sein, der jedes Wochenende um die Welt jettet. Mich hat das Studio mehr interessiert, und mir war es wichtiger, vielleicht mal einen interessanten Backkatalog zu hinterlassen. Ich habe es auch nie bereut, nicht einen auf Coverstar gemacht zu haben. Ende der Neunziger habe ich bemerkt, dass ich zu Hause eigentlich lieber Jazz höre. Zwischen dem, was ich gerne gespielt hätte, und dem, was man dem Publikum in einem Club zumuten kann, hat sich eine immer größere Kluft aufgetan.

Also kein Dienstleistertum, wie man es bei vielen DJs beobachten kann.

Das kann ich nicht, das habe ich schnell gesehen, als die großen kommerziellen Raves abgingen. Das war für Musikliebhaber in dem Business eine ganz dürre Zeit. Freiluftsachen wie die Street Parade in Zürich, das ist mir am Arsch vorbeigegangen. Da ging es nicht mehr um die Musik, nur um Drogen. Ich habe mich dann halt hingestellt und als Protest eine James-Last-Platte gespielt. Nach einer Stunde habe ich sie wieder runtergenommen, habe das Geld eingesteckt und bin heimgeflogen. Irgendwo geht es nur mehr darum, als DJ auch körperlich anwesend zu sein.

Wie geht sich diese Verweigerung finanziell aus?

Ich komme über die Runden. Ich mache Masterings, ich mische, ich lege immer noch ab und zu auf, und ich spiele relativ viel live, mit dem Franz Hautzinger, mit dem Werner Dafeldecker, jetzt dann auch wieder meine Technosachen. Mir ist wichtig, dass es sich die Waage hält zwischen dem, was man persönlich rauskriegt und was man finanziell rauskriegt. Sicher könnte man als DJ mit der "Ich fahre auf Wochenendmontage und komme am Montag wieder"-Schiene mehr verdienen. Ich habe halt immer, wenn ich Geld hatte, ins Studio investiert. Das macht sich jetzt bezahlt. Aber klar, als Selbstständiger bist du immer darauf angewiesen, dass das nächste Projekt in Sichtweite ist.

Man betreibt Selbstausbeutung, aber man erhält sich im Gegenzug eine gewisse Unabhängigkeit.

Darum geht's total. Das ist der Fehler, den viele Leute Mitte der Neunziger gemacht haben, als große Labels auf Techno aufmerksam wurden. Die haben Verträge abgeschlossen, die Platten haben aber nicht einmal annähernd die bezahlten Vorschüsse eingespielt. Mit dem Resultat, dass manche Leute nie mehr eine Platte machen durften. Ich habe mich nie in Verträge reinreden lassen. Das bisschen Zeit, mich um Verlagssachen oder Lizensierungen selber zu kümmern, habe ich auch noch. Du kannst dich halt nicht zurücklehnen, aber wer kann das heute noch?

Sebastian Fasthuber in FALTER 6/2007 vom 09.02.2007 (S. 62)


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