Twenty One

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Rezension aus FALTER 18/2008

Die Liebe zu Phil Collins

Seit der Eurostar, der den kostbaren Kies vom Kontinent per Schiene ins Land der mageren Pfunde frachtet, seine Endstation nicht mehr in Waterloo, sondern im Nordlondoner Bahnhof King's Cross/ St. Pancras hat, ist die dortige Gegend kaum wiederzuerkennen. Wo vor kurzem noch Straßenprostitution und Crackhandel die wirtschaftliche Hauptaktivität waren, hat sich ein von Kameras an jeder Häuserecke befriedeter, klinischer Wohlstand breitgemacht.
In der Scala an der Pentonville Road werden heute Abend die Mystery Jets einen restlos ausverkauften Gig spielen. Gitarrist Will und Bassist Kai unterbrechen ihren Soundcheck für ein kleines Gespräch in der Nachmittagssonne. Es ist nur noch eine Woche bis zu den Bürgermeisterwahlen am ersten Mai, und wie überall in London herrscht auch hier kollektives Köpfekratzen (siehe Kommentar auf Seite 5). Es gab eine Zeit, da zogen Musiker wie Damon Albarn begeistert für Red Ken Livingstone in die Schlacht. Aber junge Bands wie die Mystery Jets haben keinen Sinn für die Gefechte von gestern, selbst wenn der noch amtierende Bürgermeister ihre Generation mit dem Versprechen eines stadtweiten Musikfestivals im Fall seiner Wiederwahl zu kaufen versucht. Kai überlegt diesmal, grün zu wählen. Will traut als gebranntes Kind der Irakkrieggeneration prinzipiell keinem Politiker mehr und kommt nach etwas Grübeln zu dem weisen Schluss: "Vielleicht ist das Problem ja London selbst. Alles an dieser Stadt wird von der Gier nach Geld bestimmt. Schließlich wird hier ja auch ständig alles teurer, und jeder muss durchkommen. Wer könnte das je ändern?"
Vielleicht unbelehrbare Idealisten wie die Mystery Jets selbst? Ihre bislang eher mit Glaubwürdigkeit als mit Verkaufserfolg belohnte Karriere begann mit einigen selbstveranstalteten Gratiskonzerten auf der Eel Pie Island in einem ruhigen, westlichen Knie der Themse nahe Twickenham und Richmond. Das Partymotto "White Cross Revival" erinnerte an den Namen eines längst abgebrannten Hotels auf der Insel, wo in den Sixties allerhand legendäre Bluesbands aufspielten. Im Gegensatz zum historischen Vorbild geigten die Mystery Jets und ihre vielen musizierenden Freunde wie Jamie T oder Jeremy Warmsley aber bloß in der bescheidenen Hütte von Henry Harrison auf, dem weißhaarigen Vater ihres Sängers Blaine, der die Band seines Sohnes selbst an Gitarre, Keyboards und Tamburin verstärkte.
Als die Lärmpolizei unter Androhung einer Geldstrafe von 20.000 Pfund dem Treiben vor etwa drei Jahren ein Ende setzte, zogen jene Gigs, um die sich eine autarke Szene außerhalb der Kontrolle der ausbeuterischen Londoner Veranstaltermafia gebildet hatte, bereits an die 700 Zuhörer an. Überall in den Londoner Vorstädten lebt der Geist des White Cross Revival in Gestalt der sogenannten House Parties munter weiter. Jenseits des Radars von Polizei, Marketing-Scouts und Musikpresse floriert ein ebenso eigenständiges wie spontanes musikalisches Nachtleben in den sturmfreien Elternhäusern der Teenager.
Als prägende Pioniere dieser unterschätzten Revolution nennen die Mystery-Jets natürlich die Libertines, auch wenn ihr eigenes stilistisches Vokabular schon lange über deren begrenzten musikalischen Tellerrand geschwappt ist. War das erste Mystery-Jets-Album "Making Dens" noch stark dem Geist des seligen Syd Barrett verpflichtet, so erforschen sie auf ihrem vom stilprägenden DJ Erol Alkan produzierten Zweitwerk "21" (eine Anspielung auf das Durchschnittsalter der Band, nachdem Blaines Vater Henry sich aus dem Line-up zurückgezogen hat) das Erbe von Achtzigerbands wie ABC, Prefab Sprout oder Aztec Camera. Da werden seifige Keyboardparts unisono zum Gesang gesetzt, dort prickelt eine Funkgitarre im Glanz des Chorus-Effekts. Sogar ein verbotener Name wie Phil Collins wird ungeniert in den Reigen der Inspirationen aufgenommen.

Eine perverse Vorliebe, die die Mystery Jets mit ihren transatlantischen Freunden von We Are Scientists teilen. Mit dem Unterschied, dass jene neuerdings auf ein Duo geschrumpfte, kurios benannte New Yorker Band die glitschigen Sounds noch von der eigenen Kindheit her kennt. "Der Pop der Achtziger ist das Fundament meiner musikalischen Erfahrungen", meint der dreißigjährige We-Are-Scientists-Sänger Keith Murray beim Interview im Londoner Büro seiner Plattenfirma, "Ich bin mit Phil Collins, Cyndi Lauper und Huey Lewis aufgewachsen. Auf der High School hörte ich zwecks Credibility nur Indie-Zeug. Aber jetzt, wo mir das Coolsein egal ist, bin ich wieder bei Phil Collins angelangt."
Im immer noch zügig rockigen
Sound seiner Band äußert sich das freilich eher als Nuance. Und die vermeintliche Coolness-Verweigerung lässt sich natürlich als sublimierte Anticoolness dekodieren. Murray, der von der Plattenfirma für ein paar Wochen im modischen Londoner East End einquartiert wurde, um vor Erscheinen des ironisch betitelten neuen Albums "Brain Thrust Mastery" der Stadt sein Gesicht zu zeigen, trägt seine Röhrenjeans jugendlich knöchelkurz wie derzeit en vogue rigueur, allerdings ohne dabei die grauen Strähnen in seinem sorgfältig zerrauften Haar zu verbergen.
"Amerikanische Bands nehmen ihre Glaubwürdigkeit sehr ernst, britische Bands dagegen ihren Stil", erklärt Murray. "Die Briten sind sehr interessiert am Gepränge, was eine wunderbare Sache ist. Gleichzeitig ist aber auch was Reizvolles an der amerikanischen Mentalität, dass man seine Kunst macht, weil man muss. Ich finde ja, dass sich einiges für inhaltsleere Popmusik sagen lässt, die einfach nur Vergnügen bereitet. Die Tatsache, dass ich selbst offenbar unfähig bin, so ein Zeug zu produzieren, ist ein anderes Thema."

Robert Rotifer in FALTER 18/2008 vom 02.05.2008 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Brain Thrust (We are Scientists)

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