Kind of Blue Deluxe 50th Anniversary Collector's Box

von Miles Davis

Derzeit nicht lieferbar

Label: Sony
Erscheinungsdatum: 17.10.2008

Rezension aus FALTER 9/2009

Strahlend schlichte Schönheit

Es klingt etwas pathetisch, aber Carlos Santana beschreibt den Entstehungsprozess, der zum erfolgreichsten Jazzalbum aller Zeiten führen sollte, sehr treffend: "Du gehst mit einem Minimum an Material ins Studio und verlässt es mit der Ewigkeit."

Am Samstag, dem 2. März 1959, wurde um 14.30 Uhr damit begonnen, diese Ewigkeit auf Magnettonband aufzuzeichnen. Ort des Geschehens: Ein 30 mal 30 mal 30 Meter messender Raum auf der 30. Straße in New York, der einst zu einer griechisch-orthodoxen Kirche gehört hatte, mittlerweile aber von CBS als Aufnahmestudio genutzt wurde und für seinen warmen, natürlichen Raumklang berühmt war. Sieben Wochen später gingen die beteiligten Musiker noch einmal ins Studio. Nach insgesamt nur neun Stunden Aufnahmezeit war das Album im Kasten.

"Kind of Blue" ist definitiv das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten (obwohl Dave Brubeck 1959 mit der LP "Time Out" inklusive der Hitsingle "Take Five" noch erfolgreicher war). Darüber hinaus aber steht sein Status als eines der schönsten Alben aller Zeiten außer Frage. Nur wenige Aufnahmen hören sich ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung dermaßen zeitlos an, wie diese Five Tunes That Shook the World.

Auch wenn "Kind of Blue" nicht nur Jazzfans begeistert, ist das Album ein untrüglicher Lackmustest: Wer nicht spätestens nach einer halben Minuten gepackt wird, wenn nach der schwebenden Rubato-Einleitung erstmals das von den Bläsern beantwortete Bassmotiv des eröffnenden "So What" erklingt, ist für den Jazz unwiderbringlich verloren.

Die musikhistorische Bedeutung als Pionieralbum des sogenannten modalen Jazz – bei dem statt der im Bebop üblichen relativ rigiden Akkordwechsel Skalen als Grundlage herangezogen wurden, die den improvisierenden Musikern mehr Freiheiten gestatteten – erklärt nicht die Faszination, die von "Kind of Blue" ausgeht: Die meisten, die in seinen Bann gerieten, könnten, wie es der Musikjournalist Francis Davis treffend ausdrückte, "eine Skala nicht einmal von einem Mercedes Benz unterscheiden".

"Es ist wie mit der Bibel", bringt der Rapper Q-Tip den Status von "Kind of Blue" auf den Punkt: "Man hat einfach eine im Haus." Nun ist die Auffassung, Miles Davis sei Gott, keineswegs von der Hand zu weisen; aber wo die Autorität der Bibel dann doch im einzigen Gott gründet, fasziniert "Kind of Blue" auch aufgrund der so offenkundig unterschiedlichen Persönlichkeiten der beteiligten Musiker.

Schon rein äußerlich ist der Kontrast zwischen Miles Davis und dem Pianisten Bill Evans, zwischen dem Inbegriff des coolen Hipsters und dem introvertierten brillentragenden Semmelgesicht, nicht zu übersehen. Evans, der Davis' eher scherzhaft gemeinte Aufforderung, er müsse "die ganze Band ficken", wortwörtlich verstand und daher zunächst bedauernd ablehnte, hat nachgewiesenermaßen den zweitgrößten Anteil an "Kind of Blue"; über den genauen Prozentsatz streiten sich die Jazzperten bis heute. Aber natürlich hat auch der Gegensatz zwischen der minimalistischen Eleganz von Davis und der notenreichen, dunkel drängenden Spiritualität John Coltranes, der sich hier in Soli von wenigen Minuten offenbart, ganz entscheidenden Anteil am Mysterium des Albums.

Das window of opportunity, die sechs Musiker ins Studio und in die Klubs zu bringen, stand nicht allzu lange offen: Im Juli 1959 hatten sie ihren letzten Liveauftritt – Evans, Coltrane und Cannonball Adderley (dessen Name erst auf dem "Kind of Blue"-Reissue von 1997 korrekt geschrieben wurde), verfolgten ihre eigene Karriere.

Einziger Überlebender des Sextetts ist heute Drummer Jimmy Cobb – dessen Crash-Cymbal-Einsatz zu Beginn von Miles' Solo auf "So What" Herbie Hancock zu Recht als Meisterleistung ökonomischer Dosierung preist: "Not real loud, but just the perfect kind of emphasis." Die Ewigkeit ist ein Beckenschlag.

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2009 vom 27.02.2009 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Kind of Blue (Ashley Kahn)

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