Tell Tale Signs
The Bootleg Series Vol. 8

von Bob Dylan

Derzeit nicht lieferbar

Label: Columbia/Sony BMG
Erscheinungsdatum: 03.10.2008

Rezension aus FALTER 43/2008

Am Ufer steht Bob Dylan und sieht der Zeit beim Vergehen zu

The Tell-Tale Heart" heißt eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe. Der Titelheld ist das Herz des Opfers, das in der Vorstellung des Täters nicht zu pochen aufhört und diesen zum Geständnis eines "perfekten" Mordes treibt.

Bob Dylans "Tell Tale Signs" lässt sich zu hysterischer Selbstentäußerung so wenig verwenden wie der Rest des Œuvres, aber das Herz vermeint man buchstäblich schlagen zu hören: gleich auf dem Eröffnungssong "Mississippi", den Dylan und sein Produzent Daniel Lanois während der Aufnahmen zum Album "Time Out of Mind" (1997) in dieser wunderbar intimen, von einem untergründigen Herzschlag durchpulsten Fassung eingespielt haben.
"Modern Times" hieß Dylans jüngstes, auch schon wieder vor zwei Jahren erschienenes Album, aber diese modernen Zeiten streifen gern das Gewand früherer Epochen über – eine Musik, deren geistergleiche Schönheit aus Zeiten herüberzuwehen scheint, als man noch gemeinsam vor dem Radiogerät saß. Man fragt sich, ob es in dieser Welt überhaupt Flugzeuge gibt. Antwort: ja – in genau einem halben Dutzend Songs (wie man dank der Suchfunktion auf Dylans Homepage feststellen kann).

Time is a jet plane, gewiss. "You kinda wasted my precious time" ließ schon der junge Dylan die Angesungene in seiner typischen Mischung aus Sarkasmus und Nachsicht ("it's alright") wissen. Dringlichkeit und Rastlosigkeit sind seinen Songs nicht fremd, aber dem Motiv des Aufbrechens und Weitergehens im mittleren Tempo ("Ain't talkin', just walkin'") liegt weniger der Westernmythos vom Lone Ranger als die Utopie zugrunde, das Leben möge tatsächlich einem der so oft besungenen Flüsse gleichen und jedem jene Anzahl von Herzschlägen zumessen, die eine "Lebensspanne" ausmachen und Erfahrung ermöglichen: "Lessons of life can't be learned in a day" heißt es in "'Cross the Green Mountain", dem letzten von 27 "raren und unveröffentlichten" Songs.

"Time is pilin' up", krächzt Dylan und erinnert daran, dass unsere Tage gezählt sind. Dass er noch unter uns weilt und darüber zu singen weiß wie kein anderer, ist ein kleiner Trost – mehr kann Kunst nicht leisten.

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2008 vom 24.10.2008 (S. 31)


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