Code B

von Bela B.

Derzeit nicht lieferbar

Label: BPX 1992/Sony BMG
Erscheinungsdatum: 02.10.2009

Rezension aus FALTER 40/2009

Bela B strahlt vor Glück und Vitalität. Er trägt einen extravaganten Anzug, trinkt Wasser und ist ungemein höflich. Nur der tätowierte Blitz hinter seinem rechten Ohr und der Totenkopfring an seiner Hand zeugen davon, dass sich der Schlagzeuger der Popanarchisten Die Ärzte einst ausgiebig dem Lifestyle des "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll" hingegeben hat.
Der ungebrochene Erfolg seiner Band ist ein Grund für das fast schon einschüchternd positive Auftreten des 46-Jährigen. Das aktuelle Album "Jazz ist anders" wurde von Fans und Kritikern unisono gefeiert – und führte zur harmonischsten Phase, die das Trio seit vielen Jahre erlebte. Mit "Code B" folgt dieser Tage die zweite Soloplatte des Berliners; der Hauptgrund für seine extrem gute Laune ist aber privater Natur: Vor wenigen Monaten wurde Bela B erstmals Vater.

Falter: Mit Ihrem Solodebüt "Bingo" wollten Sie sich von den Businesszwängen befreien und Ihre Liebe zur Musik zurückerobern. Was ist heute Ihre zentrale Antriebskraft?
Bela B: Das Fansein! Es geht darum, den Zwölfjährigen in sich zu erhalten. Wenn du Quentin Tarantino einmal im Interview gesehen oder sogar selbst getroffen hast, weißt du, was ich meine. Betritt Tarantino einen Raum, dann betritt immer auch ein Kind den Raum, das mit großen Augen auf die Welt schaut. Es ist eine wunderbare Gabe, aber auch ein unglaubliches Privileg, wenn man das künstlerisch ausleben kann.
Tarantino macht mit seiner speziellen Sprache Genrefilme. Können Sie sich analog dazu Genreplatten vorstellen?
Bela B: Die neue Platte heißt nicht umsonst "Code B" – ich bin definitiv mein eigenes Genre. Sozialisiert wurde ich mit Zweiminutensongs der Ramones, aber genauso mit 50er-Jahre-Rockabilly, Folk, Country, Metal … All das speist meine Musik.
Ihr Faible für Metal ist bekannt, gleichzeitig gelten Sie auch als "Gruftonkel".
Warum haben Sie sich als Jugendlicher für die Punk-Subkultur entschieden?
Bela B: Weil Punk damals das Aufregendste war! Als ich mir die Haare kurz geschnitten und blond gefärbt hatte, an meinem ersten Tag als Punkrocker also, bin ich zu einem Laden gefahren, wo sich diese Typen getroffen haben. Ich hatte mir vor Aufregung ohnehin fast in die Hosen gemacht – und dann packt mich an der U-Bahn-Station auch noch ein Teddyboy und fragt mit einem Messer in der Hand, ob ich ein Punk sei. "Nö, natürlich nicht", habe ich gesagt. "Ich hör Reggae!" Punk war ein aufregender Mikrokosmos, in dem wir stattfinden und trotzdem außerhalb der Gesellschaft leben konnten.
Mit den Ärzten haben Sie einen eigenen Mikrokosmos geschaffen.
Bela B: Wir haben die Ärzte gegründet, um die Dogmen des Punk abzuschütteln. Auch vom Label "Funpunk" haben wir uns gleich distanziert. Etwa durch die Weigerung, die genretypischen Songs über Alkohol als Triebfeder zu machen – wobei es kein Geheimnis ist, was für ein Trinker ich war. Die Verweigerung war letztlich unser Motor.
Die Ärzte waren Punks, haben aber nie nach Punk geklungen. War das nicht eine schizophrene Situation?
Bela B: Nein, gar nicht. Die Schubladisierung ist in der Punkszene schneller gegangen als Katzenficken, und dagegen haben wir uns aufgelehnt. Wobei manches auch zufällig passiert ist: Dass wir anfangs nur mit unverzerrter Gitarre gespielt haben, lag schlicht ­daran, dass wir keinen Verzerrer hatten. Ich habe der Band Wirtschaftswunder bei einem Konzert irgendwann so ein Ding geklaut. Das war wirklich asozialstes Verhalten, aber wir konnten dadurch auch verzerrt spielen – bis uns der Verzerrer selbst wieder vom Publikum entwendet wurde.
Stimmt es, dass Max Müller, der mit seiner Band Mutter später zu einer wichtigen Figur der deutschen Diskurspopszene avancierte, einst Ärzte-Sänger werden sollte?
Bela B: Ja, Max und ich waren befreundet, er hat mir damals sogar das Wort "Vollstark" tätowiert. Weder Farin noch ich hielten uns bei der Gründung der Ärzte für besonders herausragende Sänger. Max war das auch nicht, aber im Gegensatz zu uns hat er kein Instrument gespielt. Als wir probten, war er aber anderweitig beschäftigt, vermutlich mit seinem Kater. Dadurch haben Farin und ich selbst gesungen.
Sie sind mit den Ärzten einer der erfolgreichsten Popstars im deutschsprachigen Raum, Max Müllers aktuelle Solo-CD ist in einer Auflage von 500 Stück erschienen. Warum hat er es nie über den Kritikerliebling hinaus geschafft?
Bela B: Mutter waren die letzten Steinzeitdinosaurier einer Berliner Szene, die mit den Einstürzenden Neubauten ihre Initialzündung hatte. Die Neubauten waren irgendwann in der Kunst angekommen, Mutter augenscheinlich nicht. Dass die Ärzte so eine Popularität erlangen würden, war in den 80ern auch nicht absehbar. Trotz all der Aufregung, der Bravo-Berichterstattung und der Plattenindizierungen hatten wir keinen nennenswerten kommerziellen Erfolg. Wir waren eine sehr gut verkaufende Undergroundband, aber eine schlecht verkaufende Majorband – und wir waren ja beim Major.
Sie kennen also kein Erfolgsrezept?
Bela B: Du musst halt machen, was du machen musst, der gewünschte Erfolg kann nicht der Motor sein. Der ehemalige Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer hat gerade ein großartiges Soloalbum gemacht, und er wünscht sich natürlich, dass ihn viele Leute hören; er hat ja auch Verpflichtungen und muss Geld verdienen. Trotzdem kann dieser Wunsch nicht der Grund für die Musik sein. Und das ist bei Max Müller auch so.
Auf Ihrer neuen CD ist ein Duett mit der Schauspielerin Emmanuelle Seigner, der Gattin von Roman Polanski. Spielte das für Sie als Filmfreak eine Rolle?
Bela B: Das war mir natürlich bewusst, in meinem Orbit ist sie aber vor allem als Sängerin aufgetaucht. Vor zwei Jahren hat sie mit dem Pariser Duo Ultra Orange eine unglaublich schöne Platte gemacht, die wie eine Mischung aus The Jesus & Mary Jane und The White Stripes klingt. Darüber singt Emmanuelle Seigner mit ihrem französischen Akzent englische Texte, die sehr bildhaft und düster sind. Seitdem wollte ich etwas mit ihr machen.
Sie haben dem Bobo mit dem "Bobodance" einen eigenen Song gewidmet. Ist der Bohemian Bourgeois in Ihrem Umfeld ein aktuelles Phänomen?
Bela B: Julie Delpy hat mir in unserem gemeinsamen Beitrag für die Arte-Reihe "Durch die Nacht mit" vor zwei Jahren erklärt, was "Bohemian Bourgeois" bedeutet. Irgendwann hat sich ein befreundeter Autor dann über eine neuerliche Kritik geärgert – er wird im Feuilleton ständig verrissen, weil er auch ziemlich aneckt. "Diese Scheißbobos checken wieder gar nichts", meinte er, womit klar war, dass der Begriff auch in Deutschland angekommen ist – in Wien war das wohl schon länger so. Ich wollte dann der Erste sein, der das für einen Song nutzt.
Ihr Urteil über den Bobo?
Bela B: Ich kann mich nicht davon freimachen, selber einer zu sein. Deshalb habe ich auch das Recht, ihn so zu verurteilen. Die Bobos sind eine intellektuelle Schäfchenherde, die sich alles gefallen lässt, ihre eigenen Ghettos baut und alles Primitive und Böse ausschließt. Dann wohnen wir jetzt halt alle in Prenzlauer Berg. Dort sind wir total weltoffen und gegen Nazis, und den Müll trennen wir auch. Aber meine 140-Quadratmeter-Eigentumswohnung bleibt meine 140-Quadratmeter-Eigentumswohnung!
Ihr Kumpel Heinz Strunk hat eine "Durch die Nacht mit"-Folge mit H.P. Baxxter gemacht, dem Sänger der Prolltechno-Band Scooter. Verstehen Sie , warum Scooter seit einiger Zeit auch in intellektuellen Kreisen goutiert werden?
Bela B: Mein Lehrauftrag an die Jugendlichen da draußen lautet: Versucht, mehrere Seiten einer Sache zu sehen und nicht gleich abzuurteilen. Davon handelt auch das Lied "Schwarz und Weiß". Gleichzeitig wird so ein Schwarzweißdenken aber dringend wieder benötigt. Warum muss Heinz Strunk H.P. Baxxter mit in den Hamburger Pudelklub nehmen und ihm den Ritterschlag für eine intellektuelle Szene verpassen? Der Typ hat Scheiße gemacht, der Typ möchte am Ballermann stattfinden, der Typ ist hohl wie zwölf! Ich möchte auch nicht wissen, ob Dieter Bohlen eine nette Seite hat. Sorry, aber wir brauchen keine offene Tür für Idioten!
Wir haben eine Single zum Signieren mitgebracht: "1. 2. 3.", Ihr Duett mit Charlotte Roche. Am Cover sind Sie beide nackt von hinten zu sehen.
Bela B: Das ist meine meistverkaufte Vinylplatte – und ich weiß nicht, warum! Erst denkt man sich bei so Nacktaufnahmen ja immer: Klar, mach ich. Man geht da locker hin, bis der Moment gekommen ist, an dem es heißt: "So, jetzt müsst ihr euch eigentlich nur noch ausziehen." Was dann für uns beide eine komische Sache war, wobei Charlotte tatsächlich nicht zimperlich ist. Letztlich wurde es aber sehr, sehr lustig, weil wir auch ständig mit so einer Mattcreme eingeschmiert wurden, damit es nicht so glänzt. Und es wurde sehr viel getrunken dabei.
Dürfen wir abschließend fragen, welche Intimfrisur Charlotte Roche trägt?
Bela B: Wie bitte?
In den Interviews zu "Feuchtgebiete" hat sie ja stets das Recht der Frau auf Wildwuchs ihrer Körperbehaarung gefordert. Im knappen Slip am Cover des Zeit-Magazins, sah sie aber nicht so aus, als würde sie selbst davon Gebrauch machen.
Bela B: Als wir das Coverfoto zur Single machten und das Video drehten, war das Buch noch nicht geschrieben. Charlotte hat das mit dem Wildwuchs aber auch in ihren Fernsehsendungen propagiert und – ich mache es jetzt spannend – Nina Hagen ihre Achselhaare gezeigt und so Dinge. Ich wäre kein Gentleman, wenn ich ihre Intimfrisur jetzt so konkret verraten würde. Nur so viel: Ich war erstaunt, dass da nichts wild wucherte, sondern dass es, sagen wir mal, sehr getrimmt war.

Gerhard Stöger in FALTER 40/2009 vom 02.10.2009 (S. 26)


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