Untersendling

von Georg Ringsgwandl

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Label: BlankoMusik
Format: CD
Genre: Pop deutschsprachig
Umfang: 13 Tracks, Gesamtspielzeit 48:10 Min.
Erscheinungsdatum: 24.07.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Wenn's dumm kimmt, laaft's so

Neues aus Untersendling: Der große bayrische Songwriter und Performer Georg Ringsgwandl kommt nach Wien

Geografie und Diskografie sind verwandte Gebiete. Von Lou Reed existieren Platten namens "Berlin" und "New York", ein frühes Springsteen-Album heißt "Nebraska", es gibt "Vienna" von Ultravox und "Wien" von Ernst Molden. Höchste Zeit also, endlich auch Untersendling eine Platte zu widmen. Das neue Studioalbum des bayrischen Liedermachers Georg Ringsgwandl heißt so.
Es handelt sich dabei um einen unglamourösen Stadtteil von München, zentrumsnah und doch nicht angesagt. Genau das gefällt Ringsgwandl ja daran. "München ist ein totsaniertes Dorf, aber Untersendling hat sich dieser Modernisierung aus irgendeinem Grund widersetzt. Das ist ein normales, mittelschäbiges Wohnviertel geblieben. Da wohnen halt Leut."
Ringsgwandl lebt zwar hauptsächlich im oberbayrischen Murnau, hat aber seit 30 Jahren eine Altbauwohnung in Untersendling; in der Küche nimmt er seit "Gache Wurzn" (2001) seine Platten auf. Und als es darum ging, für das neue, insgesamt achte Ringsgwandl-Album einen Titel zu finden, fand er "Untersendling" irgendwie passend. "Es ist kein Konzept­album, aber Untersendling ist sozusagen die Klammer für die Songs. Wir haben sie dort aufgenommen, und die meisten wurden von Begebenheiten aus dem Viertel angeregt."
Was tut sich so in Ringsgwandls Neighbourhood? Beim Bäcker Meier haben sie eine neue Verkäuferin, und zwar nicht irgendeine Verkäuferin, sondern "die mit Abstand weltweit schönste Bäckereiverkäuferin". ­Einer sucht eine "Zugehfrau", die zwei, drei Mal die Woche bei ihm aufräumt – und am besten auch gleich einzieht. Ein anderer erwischt seine Frau mit einem anderen im Bett, aber sie meint nur trocken: "Reg di bloß net auf, des is der ganz normale Rock 'n' Roll."

Untersendling ist eine Metapher für die "normalen" Leute, deren Leben Ringsgwandl immer schon gern ­besungen hat. Der Songtitel "Der ganz normale Rock 'n' Roll" könnte als Motto über seinem ganzen Schaffen stehen: das alltägliche Leben als Sensation. "Wenn du den Dingen näher trittst, ist alles schräg", sagt Ringsgwandl. Dazu fällt ihm eine Geschichte ein: "Ein Spezi von mir ist Vorstand von einem Konzern, der redet dauernd im Fernsehen über die Zukunft der Kommunikation und so. Und der hat sich einmal in die Hosen geschissen! Er war unterwegs, hatte einen Termin nach dem anderen und konn­te nicht aufs Scheißhaus. Bei der ersten Gelegenheit geht er auf sein Hotelzimmer – und wie er vor der Tür steht, hat er die Zimmerkarte nicht dabei. Da war's zu spät, und er hat sich vor dem Zimmer angeschissen. Dass das so jemandem passiert, ist schon eine komische Vorstellung! Aber so ist das Leben: Wenn's dumm kimmt, laafts so."
Vor 30 Jahren betrat Ringsgwandl die Szene als schriller Clown, der makabre Lieder über den Tod ("Nix mitnehma") oder eine exaltierte Rod-Stewart-Coverversion ("Glaabst du, i bin sexy?") sang. Weil er gestylt war wie ein Travestiekünstler und sich zwischen den Songs in aberwitzig mäandernden Geschichten verlor, machte er weniger in Konzertsälen als auf Kabarettbühnen Karriere. Dass er hauptberuflich Kardiologe war und bis 1993 zwischen Bühne und OP pendelte, machte ihn noch exotischer.
"Ich hab als Musiker zwei Jahre lang keinen Fuß auf den Boden gekriegt", erinnert sich Ringsgwandl an seine Anfänge. "Aber ich hatte bestimmte Vorstellungen von einer Show. Ich hatte den Eindruck, dass das mehr Druck, mehr Energie, mehr Rotzigkeit haben muss. Die Schminke, die Klamotten – das war eine Pa­rodie auf die grelle Wohlstandsgesellschaft, die damals ungebrochen war."

Ringsgwandl ist 60 und denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. "Das ist ja das Schöne am künstlerischen Beruf: Du kannst es machen, solange du kannst. Irgendwann wirst du dement oder du stirbst, und dann kannst du es nicht mehr machen."
Möglicherweise profitiert Ringsgwandl jetzt davon, dass er die für Rockmusiker an sich obligatorische Selbstzerstörungsphase ausgelassen hat. "Medizinisch ist das sicher gut", meint der Doktor. "Aber man muss leider sagen, dass in der Musik einige der besten Sachen unter massivem Drogeneinsatz passiert sind."
Allerdings hätten Künstler grundsätzlich ein "Drogenproblem im Hirn", findet Ringsgwandl. "Die sind alle ein bissl gaga. Ein Beethoven war ja nicht normal in dem Sinn, dass du dem sagen konntest: ‚Schau doch bitte einmal, was in der McDonald's-Filiale in Wiener Neustadt nicht funktioniert, was da in der Buchführung nicht stimmt.' Das kannst du mit so einem Menschen nicht machen!"
Live agiert Ringsgwandl immer noch exzentrisch wie eh und je; seinen letzten Alben ist das aber nicht mehr anzuhören. Die Texte sind meistens ziemlich gut, aber selten sonderlich witzig; dasselbe kann man auch von der Musik sagen, die nicht viele Mätzchen macht – bluesiger Gitarrensound, trockener Beat.
Ringsgwandl glaubt nicht, dass sich sein Zugang grundsätzlich verändert hat. "Die frühen Platten haben anders geklungen, weil ich die Musik noch nicht so im Griff gehabt hab. Ich hab damals einfach verzweifelt um meine Position gekämpft."
Und welche Position hat er heute? "Ich bin einer von den Leuten, die über die Jahre immer wieder halbwegs anhörbare Sachen geschrieben haben. Und wir sind nicht einer von diesen kalten Acts, die sich darauf ausruhen, dass sie einmal das und das gemacht haben. Darauf bin ich stolz."

Zum Kern der Band gehört neben Langzeitgitarrist Nick Woodland auch der junge Schlagzeuger Manni Mildenberger, der die letzten beiden Alben koproduziert hat. "Der ist ganz streng mit mir", meint Ringsgwandl. "In meiner Generation hocken wir ja gern beieinander und führen diese Scheißgespräche, wie gut die Musik in den 60er- und 70er-Jahren war."
Mit Sentimentalitäten darf man Ringsgwandl nicht kommen. Aber dass in seinen Songs Melancholie mitschwingt, kann er nicht abstreiten. "Wenn du anständig bist, kannst du die Dinge nur mit einem Schuss Melancholie betrachten. Es gibt Sachen, die weg sind, ohne dass ein vernünftiger Mensch denkt, man könnte sie zurückholen. Seit der Keilschrift verändert sich immer alles. Das ändert aber nix dran, dass es schad ist, wenn bestimmte Dinge verschwinden." Lang lebe Untersendling.

Wolfgang Kralicek in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 31)

  Song-Titel
1.  Beim Bäcker Meier 3:51
2.  Analog 4:08
3.  Nachtaktives Tier 4:29
4.  Zugehfrau 3:03
5.  Nest/Di vasteh i nie 3:52
6.  Welt im Krieg 3:57
7.  Der ganz normale Rock'n'Roll 4:16
8.  Dahoam is net dahoam 3:00
9.  Wo der Futtermais wachst 2:37
10.  Finanzgenie 3:07
11.  Schuah putzn 4:09
12.  Jünger innen drin 4:05
13.  Kemma sehng 3:36

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