Walzerkönig

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Rezension aus FALTER 26/2009

Ein Walzer mit Thomas Bernhard

Hans Orsolics war 39, als er sein "potschertes Leben" vertonte. Er zählt damit zu den Spätzündern des Austropop, verglichen mit Karl Schwamberger war der Boxer aber ein junger Hupfer, als er sein Sangesdebüt gab.
Schwamberger, der sich hinter dem bildungsbürgerlichen Pseudonym Laokoongruppe verbirgt, war bereits 44, als sein famoses erstes Album "Walzerkönig" kürzlich endlich erschien. Der längst in Ottakring heimisch gewordene Oberösterreicher könnte also der Vater der 19-jährigen Soap&Skin sein, die das andere große Debüt des laufenden österreichischen Popjahres veröffentlicht hat.
Während man Soap&Skin die Herkunft ihrer Musik kein bisschen anhört, ist die Laokoongruppe ganz klar in Österreich geerdet. Bauernjazz und alpine Folklore prägen dieses spannendste Stück genuin alpenländischer Popmusik seit den frühen Attwenger; in der Diskursdisco tanzt Peter Alexander mit Karl Kraus Polka, der Walzer wird zum jubilierenden Trauermarsch. Für Thomas Bernhard und Klaus "Wunderwelt" Prünster ist als Stichwortgeber ebenso Platz wie für Samples von Anton Bruckner, während bierbäuchige Cowboys mit rot-weiß-roten Hüten entrückt grinsend zu Technokrachern schunkeln.
"Ich mag schöne, meinetwegen auch kitschige Dinge, die aber an den Rändern ausfransen und dann doch nicht so genau festzumachen sind, wie man im ersten Moment glaubt", sagt Schwamberger, der im zivilen Leben als Deutsch- und Englischlehrer an einem Donaustädter Gymnasium arbeitet. "Es war nicht intendiert, dezidiert österreichische Musik zu machen. Aber in der Platte steckt drin, was mir am Herzen liegt, und das sind dann eben ziemlich viele österreichische Dinge."

Das kreative Wirrwarr seiner Musik liegt in Karl Schwambergers Biografie begründet. Sein Vater war Obmann der lokalen Blasmusikkapelle, der auch Klein-Karl bald als Klarinettist angehörte. Seine ersten musikalischen Vorlieben hießen Kirchenlied, Klassik und Jazz, der große Bruder brachte noch Dylan, Stones und die Beatles ins Spiel. Als Kind sang der Ministrant Schwamberger Marienlieder, als Jugendlicher versuchte er sich als Jazzrock-Saxofonist.
Mitte der 80er zum Studieren nach Wien gekommen, konvertierte er von Miles Davis und Konsorten zu amerikanischen Punkbands wie Hüsker Dü, später begeisterte er sich für Alternative Country und elektronische Musik. Heute stehen all diese Welten sowohl beim Hörer als auch beim Musiker Karl Schamberger gleichberechtigt nebeneinander.
"Mit 16 war es für mich durchaus eine Option, Musik zu studieren", erinnert er sich. "Ich war aber zu faul, um ausreichend gut Klavier spielen zu lernen. Außerdem habe ich mich rein technisch für zu unbegabt gehalten. Was beim Üben nicht gleich ging, habe ich bleiben lassen – was mich vielleicht auch davor gerettet hat, im Virtuosentum von Jazz und Klassik steckenzubleiben."
Eigene Bandprojekte schafften es aus dem Proberaum lange Zeit nicht hinaus. Als die Wiener Musikszene um 1990 herum durch Bands wie Maische, Bomb Circle und die Extended Versions entscheidende Impulse erhielt, war Schwamberger mittendrin – allerdings nur als Fan. "Maische war für mich die absolute Wahnsinnsband. Ich dachte mir damals: Gut, du kannst zwar Saxofon tröten, aber denen traue ich mich nicht einmal zu sagen, dass ich auch Musik mache. Maische hatte teilweise wirklich Weltformat – was sich in der späteren Karriere ihres Gitarristen Christian Fennesz ja auch bestätigt hat."
Gänzlich unbekannt war Schwamberger in der Wiener Musikszene aber auch vor der Laokoongruppe nicht. Er gehört zum harten Kern des Musikblogs und Veranstalterkollektivs Euroranch und spielte bei Brosd Koal, einer ebenso kurzlebigen wie originellen Band, die Pathos, Trash, Country und Pop mit oberösterreichischen Dialekttexten kombinierte.
Als Laokoongruppe singt Schwamberger – live bisweilen unterstützt vom Elektronikduo Kilo und dem Visualisten Adnan Popovic alias Bljak – hochdeutsch; die Texte sind doppelbödig, der Vortrag ist um Dis­tanz bemüht: "Ich bin kein Liedermacher, der den Leuten erzählt, was wahr oder wichtig ist. Poptexte zu schreiben ist für mich eher eine Form von Literatur, mit der jeder Hörer machen soll, was er will."
Man darf es also auch gern als beinharten politischen Protestsong verstehen, wenn sich Laokoongruppe die "fette rote Mama" zurückwünscht. Dabei beschwört Schwamberger im gleichnamigen Stück nicht etwa den Geist einer Sozialdemokratie unter Bruno Kreisky, vielmehr geht das Lied auf ein Missverständnis zurück. Als Fan der US-Band TV On The Radio hörte der Englischlehrer sie undeutlich "You were my favourite moment" singen, verstand aber "You were my fat red mother" – und bastelte daraus einen eigenen Song.

Bei aller Lust an der Dialektik kommt der Pop auf "Walzerkönig" nie zu kurz. "Ich schätze sowohl beim Konsumieren als auch beim Selbermachen ein reflexives Element – eine kleine brechtische Brechung oder so", sagt Schwamberger. "Aber mir geht es bei Musik schon sehr stark darum, dass sie mich emotional angreifen muss."
Im Schuljahr 2009/10 wird ihn übrigens niemand als "Herr Lehrer" anreden. Schwamberger hat sich der Musik und des Bohemisierens wegen für ein Jahr karenzieren lassen. Bereits im Herbst soll ein gemeinsames Kurzformat mit Kilo erscheinen, das liegengebliebene Brosd-Koal-Material will aufgearbeitet werden, und zumindest die Texte fürs nächste reguläre Laokoongruppe-Album sind auch schon fertig. Der 44-jährige Debütant hat schließlich einiges nachzuholen.

Gerhard Stöger in FALTER 26/2009 vom 26.06.2009 (S. 27)


Rezension aus FALTER 12/2009

Austro­diskurspop zwischen Techno und Landler, Pathos und Scharfsicht, Schlager, Klassik und Free Jazz: Was wie eine fiebrige Kritikerfantasie klingt, wird in Form der Einmannband
Laokoongruppe wunderbare Wirklichkeit. Unterstützt von Gästen wie Frau Gustav als Jodlerkönigin und Herrn Welter von Naked Lunch als Backgroundstimme, legt der blasmusikerfahrene Oberösterreicher Karl Schwamberger eine so noch nicht gehörte, genuin österreichische und zugleich doch weltoffene Form von Popmusik vor. Ergebnis: "Walzerkönig" ist eine der spannendsten, eigenständigsten und gewagtesten österreichischen Platten der letzten Jahre.

Gerhard Stöger in FALTER 12/2009 vom 20.03.2009 (S. 27)


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