Queen of Noise

von Bettina Köster

Derzeit nicht lieferbar

Label: Asinella/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 23.10.2009

Rezension aus FALTER 43/2009

"Die Jungs wichsen, wir nicht"

Bettina Köster, prägende Figur der Berliner New-Wave-Szene, meldet sich mit ihrem späten Solodebüt zurück

Helter Skelter!" Mit Grabesstimme ertönen diese beiden Worte, gefolgt von einer minimalistischen Coverversion des gleichnamigen Beatles-Klassikers. Ein geradliniger Beat, ein monotoner Basslauf und ein kurz hineinquietschendes Saxofon begleiten den eisigen Gesang, der ungestüme Lärm des Originals weicht hypnotischer Strenge.
So beginnt "Queen of Noise", das späte Solodebüt der beinahe vergessenen Berliner New-Wave-Ikone Bettina Köster. Die 50-Jährige war Sängerin und Saxofonistin der stilprägenden Frauenbands Mania D und Malaria; gemeinsam mit Bandkollegin Gudrun Gut betrieb sie in den ausgehenden 70ern auch den Eisengrau-Laden, einen Szenetreff der entstehenden "Geniale Dilletanten"-Szene (sic!) um Figuren wie Blixa Bargeld.
Nach dem Ende von Malaria ist Köster aus der Musikwelt verschwunden und erst vor wenigen Jahren als Teil des experimentellen Elektropunkduos Autonervous wieder aufgetaucht. Bei einem Wienkonzert hat sie Ines Perschy kennengelernt, die Schlagzeugerin von Clara Luzia. Aus der Idee einer losen Kooperation wurde eine intensive Zusammenarbeit, und jetzt erscheint "Queen of Noise" mit ein bisschen Hilfe diverser Wiener Freundinnen und Freunde auf Luzias Label Asinella.
"Die Jahre 1976 bis 1983 bilden die Grundlage für den Pop der Nullerjahre", sagt Köster, die sich im Interview ungleich aufgeweckter und freundlicher präsentiert als im atmosphärisch düsteren und kontrolliert quertönenden Elektropop ihres Albums. "Da gibt es natürlich Anknüpfungspunkte, ich war ja daran beteiligt, das alles zu formen. Retro sollte ‚Queen of Noise' aber auf keinen Fall klingen, denn ich stehe auch ganz fest im Heute. Bei einstigen Kollegen wie Fehlfarben frage ich mich schon: Sind jetzt 30 Jahre vergangen, oder ist gar nichts passiert?"
Aufgewachsen ist Bettina Köster im Ruhrgebiet. Dort hat sie Gitarre ­gelernt, später stieg sie aufs Saxofon um. "Es war ganz fürchterlich, ­nirgends konnte ich üben. Zwei ­Menschen in meiner Nachbarschaft haben sich damals umgebracht, und man hat mir und meinem Saxofon die Schuld daran gegeben. Als ich zum Studieren nach Berlin kam, war das gerade der Anfang der Krach- und Punkzeit. Für mich war das natürlich super!"
Köster inskribierte Visuelle Kommunikation an der HdK und bezog eine Schöneberger Ladenwohnung, das spätere Eisengrau. "Ich hatte eine Freundin, die strickte so gerne. Der Plan war, dass ich hinten wohne, während sie vorne ihre Stricksachen verkauft." Die Freundin sprang bald wieder ab; eines Tages kam – so ein Gründermythos der Berliner New-Wave-Szene – Gudrun Gut mit dem Fahrrad am Laden vorbei, den Köster gerade renovierte.
Gut, die das alternative deutsche Popgeschehen bis heute mitgestaltet, studierte ebenfalls an der HdK, nebenher arbeitete sie bei Zensor, dem damals coolsten Plattenladen der Stadt.

Ein Wort ergab das andere, die Schlagzeugerin beteiligte sich am Eisengrau, anstatt Strickwaren gab es dann selbstgenähte Punkklamotten und die Veröffentlichungen des eigenen Kassettenlabels zu kaufen. Super-8-Abende fanden statt, Lesungen und Konzerte; Bands wurden gegründet. "Alle kamen zum Kaffeetrinken, Tratschen, Flipperspielen – oder zum Schuleschwänzen, wie der damals gerade 13-jährige Ben Becker oder das spätere Neubauten-Mitglied Alexander Hacke."
Es klingt nicht nach Abenteuergeschichten aus dem Krieg, wenn Köster "von früher" erzählt, dazu fehlt ihr das übersteigerte Ego vieler Helden von gestern – obwohl Malaria neben den Einstürzenden Neubauten und DAF die international erfolgreichste deutsche Band der New-Wave-Zeit war. Ob tatsächlich jede ihrer Geschichten exakt der historischen Wahrheit entspricht, ist dabei gar nicht so wichtig.
Die Sache mit Thurston Moore etwa, der 1979 bei einem frühen Konzert ihrer ersten Band Mania D im New Yorker Punkclub Tier 3 gewesen sein soll. "Der meinte damals: ‚Wenn die Mädels das können, kann ich auch eine Band anfangen' – und dann hat er Sonic Youth gegründet." Die verstorbene britische Radio-DJ-Legende John Peel wiederum hat Mania D 1980 angeblich als seine "Queens of Noise" bezeichnet – daher auch Kösters Albumtitel.
Klassische Schönheitsideale haben diese Lärmköniginnen aus der Mauerstadt nicht interessiert, ebenso fremd war ihnen der punkige Lumpenlook dieser Tage. "Weder Mania D noch Malaria ging es darum, sonderlich hip zu sein. Wir hatten die durchaus politische Motivation, ästhetisch an die von den Nazis kaputtgemachte Kultur der 20er- und beginnenden 30er-Jahre anzuknüpfen. Gegen das gängige Modell der Jungsbands, eventuell mit blonder Sängerin, haben wir zwar nicht offensiv angekämpft, aber es war ganz klar nicht das unsere. Wir fanden, dass wir es genauso können – nicht genauso gut, sondern genauso, aber anders."

Es ging nicht nur ums Musizieren, erzählt Köster, man habe auch bewusst nach dem "weiblichen Rhythmus" gesucht – und gerade das Schlagzeug als stark sexualisiertes Instrument betrachtet. "Die Unterschiede sind sehr fein, bis zu einem gewissen Grad kann man sie vielleicht auch gar nicht hören, sondern nur spüren. Früher haben wir immer gesagt: Die Jungs wichsen, wir machen das nicht. ­Dieses ewige Rumgezischel auf den Becken – bei uns Frauen fließt es mehr."
Wobei man "fließen" hier nicht mit "Schönklang" verwechseln darf. "Die Musik sollte sich nicht lieblich anhören, sondern an den Körper, an die Seele gehen. Bei einem unserer Auftritte ist eine Saalschlacht ausgebrochen. Alle haben sich geprügelt, was eigentlich genau das war, was wir suchten: aus diesem seichten ‚Alles ist schön' rauszukommen und aufzurütteln."
1983 waren Malaria Geschichte, und Köster übersiedelte nach New York, wo sie für knapp 20 Jahre bleiben sollte. "Mit unserer Bewegung ging es damals bergab", erinnert sie sich an die Umbrüche dieser Zeit. "Die Musikindustrie hatte die Anfänge dieser Musik völlig verpasst, entsprechend groß waren unsere Freiheiten. Als dann aber alles immer stärker zum Geschäft wurde, habe ich mir überlegt: Gut, Geld müssen wir alle verdienen, aber ich will mir dadurch die Liebe zur Musik nicht verderben. Die habe ich dann nur noch für mich gemacht, und mir das Geld dort geholt, wo es am meisten davon gibt – bei der Bank."
So saß die entspannte Lebenskünstlerin Bettina Köster plötzlich als Marktanalystin im World Trade Center und handelte mit Gold und Silber, Schweinebäuchen, Zucker und Öl. Später verfasste sie Drehbücher, wirkte an Filmproduktionen mit, zog sich zwischendurch immer wieder einmal zum Fischen zurück, übersiedelte nach Süditalien – und spielte eben irgendwann in Wien, womit das Kapitel "Queen of Noise" beginnt.
Ob sie eine Reunion von Malaria für möglich hält? "Gudrun will wahnsinnig viel Geld dafür. Dagegen hätte ich zwar nichts, aber es müsste schon auch einen speziellen Anlass, einen künstlerischen Anreiz dafür geben – etwa das Bedürfnis, noch einmal gemeinsam ein Lied zu schreiben."

Gerhard Stöger in FALTER 43/2009 vom 23.10.2009 (S. 32)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb