Solodarität

von Monobrother

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Label: Honigdachs
Format: CD
Genre: HipHop / Rap
Erscheinungsdatum: 12.04.2019


Rezension aus FALTER 16/2019

Grantscherm und Mostschädel

Monobrother ist der beste und unauffälligste Rapper des Landes

Bin ich überhaupt ein Rapper?“ Das Gespräch hat kaum begonnen, schon wird Monobrother grundsätzlich. Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Klar ist er das. Und was für einer. Textlich ist der hoch aufgeschossene Mann Anfang 30 der Beste seiner Art aus Österreich derzeit. Die Inhalte seiner Stücke kommen extrem verdichtet daher, die Wortspiele dafür umso ausufernder. Er feilt sehr lang daran.

Nur mit dem Begriff Rapper tut er sich immer schwerer: „Da hängt so eine riesige Attitüde mit drin. Und die habe ich nicht.“ Monobrother bedient nicht den Zeitgeist und zieht folglich auch nicht zehntausende Kids in seinen Bann. Er hat einen guten Vergleich dafür parat, was ihn vom Superstar RAF Camora unterscheidet: „Der ist Mario Barth, ich mache Mini-Kleinkunst. Ich will mir das auch gar nicht anhören, wir bewegen uns in komplett anderen Genres.“

Sein neues Album „Solodarität“ wird er deshalb auch nicht in der Stadthalle, sondern in der Arena vorstellen. In der kleinen Halle wohlgemerkt. Kapazität: 280 Besucher. Bei seiner letzten Plattenpräsentation, die sechs Jahre zurückliegt, waren 200 Hip-Hop-Fans vor Ort.

Sagen wir: Er ist ein untypischer Rapper. So nimmt er nur dann eine Platte auf, wenn er etwas zu sagen hat. Vor lauter Bescheidenheit wissen viele seiner Arbeitskollegen bis heute nicht, dass er Musik macht. Seinen bürgerlichen Namen will er deshalb auch nicht in der Zeitung sehen. Im Rahmen seiner Kunstfigur traut er sich alles zu sagen. Also: In seinen Texten. Darüber hinaus Skandale zu erzeugen ist seine Sache nicht.

Monobrother ist Punk mit politischem Bewusstsein und Hang zur Häuslsprache sowie wortgewaltiger Poet mit Faible für Wortschöpfungen in einem. Wie seine früheren Werke „Haschgiftspritzer“ (2009) und „Unguru“ (2013) hat er auch das jüngste wieder nach einer solchen benannt. „Solodarität“ steht als Signalwort dafür, wo wir uns als immer mehr zerbröselnde Gesellschaft gerade befinden. Die einzelnen Songs liefern zugespitzte, doch präzise Momentaufnahmen des Lebens im Herzen des heutigen Europas.

Zu seinen Hausheiligen zählt er den 2016 verstorbenen Liedermacher und überzeugten Kommunisten Sigi Maron. Die Donnerstags-Bewegung hält er für eine sehr gute Vernetzungsplattform. „Ich war leider erst fünf, sechs Mal bei den Demos dabei. Aber ich habe es jedes Mal geschafft, danach mit wildfremden Leuten ewig zu diskutieren und abzustürzen.“

In seinen Songs geht es um die immer ärger werdenden Zumutungen in der Arbeitswelt und „Bioladen-Nazis“, um Wut und Ohnmacht. Olles Oasch also? Jein. Waren seine früheren Werke noch von zappendusterem Nihilismus geprägt, so rückt er den behandelten Themen nun verstärkt mit schwarzem Humor zu Leibe. Er sagt: „Ohne meinen Zynismus würde ich in einer Dauerdepression verenden.“ Auch über die Gabe der Selbstironie verfügt er. Monobrother wäre gern positiver. Doch: „Jedes ,Jo‘ von mir klingt wia a unterdrücktes ,Na‘“, wie es im Song „Bombileben“ heißt.

Apropos Mundart: Zum Unikum macht ihn auch, dass er typisch wienerischen Grant mit dem Dialekt eines niederösterreichischen Mostschädels transportiert. Als ideale Mischung aus Stadtmensch und Landei ist er die ersten zehn Jahre in Wien aufgewachsen, ehe die Eltern nach Wieselburg zogen. Zum Studieren kam er zurück und blieb. Als seine Heimat begreift er demnach Wien, doch braucht er beide Sphären. Im Haus der Großeltern gibt es noch ein Zimmer als Zuflucht. Der Großteil des neuen Albums ist dort entstanden, mit Radio Niederösterreich als Hintergrundmusik.

Musik war daheim immer präsent. Der Großvater, der heute auf die 90 zugeht, bildete in den 1950ern mit Peter Kraus das eine Zeit lang populäre Duo James Brothers. Beim Mittagstisch dürfen die Beatles bis heute nicht erwähnt werden, denn als die mit ihrer Musik daherkamen, war es mit der Karriere der James Brothers vorbei. Monobrothers Mutter war lange als Jazzsängerin unterwegs und hat Musik fürs Fernsehen komponiert, seine Tante ist in der Schrammelmusik-Szene aktiv.

Seine eigene musikalische Erweckung fand im Loch Ness statt, einer inzwischen geschlossenen Landdisco im Einzugsgebiet Wieselburg und Scheibbs. Diese war gleichzeitig eine Bastion der Alternativkultur und beheimatete kleine Metal-, Techno- und Rap-Szenen. „Vielleicht verkläre ich das aus heutiger Sicht“, sagt er, „aber als Gegenentwurf zum Zeltfest-Wahnsinn war dieser Ort für mich unglaublich wichtig.“

Heute ist er Teil eines Kollektivs, das das Hip-Hop-Label Honigdachs betreibt und damit vergleichbare Basisarbeit leistet. Es dient als Plattform für befreundete Künstler, darunter das Duo Kreiml & Samurai. Diese müssen nicht zwingend alle Rapper sein. In wenigen Wochen wird auf Honigdachs ein Album von Franz Fuexe erscheinen, der aufregendsten Punkband aus Österreich seit langer Zeit. Monobrother bewundert ihre „komplette Scheiß-drauf-Attitude. Als Punks können sie sich viel erlauben. Wenn du dich als Rapper auf Konzerten so aufführen würdest wie die, hättest du einen Skandal.“

Er selbst ist nicht der Typ für so was. Dass er vor ein paar Jahren kleine Schlagzeilen produzierte, als er die Nominierung zum heimischen Musikpreis Amadeus ablehnte, ist ihm heute fast peinlich: „Wenn die mich wieder nominieren, gehe ich vielleicht einfach nicht hin, ohne ein großes Statement abzugeben. Der Amadeus ist ein Industriepreis. Als Quoten-Undergroundler komme ich mir da nur deppert vor.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 16/2019 vom 19.04.2019 (S. 35)


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