BEFORE THE WATER WARS

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Rezension aus FALTER 4/2006

"Shangalangalanga die!"

Robert Rotifer, unter anderem als "Falter"-Pop-Korrespondent tätig, hat als Singer/Songwriter sein bislang suprigstes Album vorgelegt.

Die ersten Proben für Robert Rotifers jüngstes Album "Before the Water Wars" fanden im Juli des vergangenen Jahres just zu jener Zeit statt, als die Bombenattentate auf die tube viele Menschen dazu brachten, ihre London-Flüge dann doch zu canceln - so auch Rotifers Wiener Bassist. Insgesamt gab es eineinhalb Proben, die komplette Band aber fand dann überhaupt erst im Studio zusammen. Hören tut man's nicht - jedenfalls nicht im negativen Sinne.

Ganz im Gegenteil, die insgesamt zwölf Stücke, von denen der überwiegende Teil sich strikt an die genreübliche Längen hält (lediglich "How Green I Was" kratzt an der 5-Minuten-Marge), klingen so, wie man sich das von einer professionellen Popproduktion erwarten darf - ohne deswegen überproduziert oder gar gelackt zu wirken. Dennoch ist dieses dritte Album Rotifers sein bislang rundestes und bestes, und man ist erstaunt, dass der Eindruck vergleichsweise "üppiger" Arrangements nur daher rührt, dass durchgängig ein Cello und hin und wieder ein Horn zu vernehmen ist.

Mit seiner Übersiedlung in ein beschauliches, jahrhundertealtes Haus mit Garten im geschichtsträchtigen Canterbury hat Rotifer auch etwas Distanz zur (angeblich) brodelnden Popmetropole London gewonnen. Es berührt ihn einen Tick weniger, was gerade angesagt ist und als heißer Scheiß verkauft wird. Aber auch das hört man "Before the Water Wars" nicht an. Die Rollen des Popjournalisten und des Musikers hat Rotifer immer erstaunlich gut auseinander zu halten vermocht: hier der notorisch neugierige Journalist, der sich sehr wohl immer wieder zu begeistern (waren es 23 Franz-Ferdinand-Interviews, die er in den letzten zwei Jahren gemacht hat oder doch nur 17?) und sich vor zynischer Abgebrühtheit zu bewahren vermag; da der dem klassischen Singing/Songwriting verpflichtete Musiker, dem es einigermaßen Powidl ist, ob Rock 'n' Roll wieder da ist, Madonna an der Discokugel dreht oder irgendwelche Twentysomethings eine Spielart von Neopunk entdeckt haben, die als frisch durchgeht. Außerdem: Obwohl Rotifer so britisch ist, wie es ein Exilwiener nur sein kann, ohne peinlich zu werden, ist er mindestens genauso unpunkig - ohne deswegen je in musikalische Häkeldeckchenbetulichkeit abzugleiten.

Rotifers unverwechselbare Stimme ist idiosynkratisch genug, um vor vokaler Selbstgenügsamkeit zu bewahren: Wenn sie sich im Ohr des Hörers einzunisten vermag, dann deswegen, weil die eleganten, Raffinesse und Eingängigkeit souverän vereinenden Songs (die zwischen Artikelschreiben, Wäschebügeln und Kinderzubettbringen wann auch immer geschrieben werden) wirklich gut sind; weil diese sich mit flottem Fingerpicking, einem fetzigen Cello-Ostinato, einer hypnotischen Gesangsphrase oder einem fernfahrerkompatiblem Banjo-Intro festsetzen, aber dann auch noch die Kraft haben, weiter zu machen, wenn der Refrain bereits nach dreißig Sekunden geliefert wird.

Euphorie ohne Reue: Rotifers Songs nützen die Freiheit des Popgenres, auf die Form-Inhalt-Entsprechung zu pfeifen und Wut, Protest, Verachtung auch als verzuckerte Pille an den Mann bringen zu dürfen: "Schengenländer Shangalangalanga Shangalangalanga die!" Kurz und gut, sie ermöglichen es einem, sich - je nach Gemüt - mit gezücktem Feuerzeug oder einem voll beladenen Frühstückstablett tanzend durchs eigene Wohnzimmer zu bewegen, ohne sich blöd, also intellektuell oder emotional unterversorgt vorzukommen. Mehr sollte man von Popmusik eigentlich nicht verlangen.

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2006 vom 27.01.2006 (S. 65)


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