Coach No.12 of 11

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Wohnzimmer
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 18.01.2008

Rezension aus FALTER 3/2008

Tanz die Frankfurter Küche

Glaubt man dem liebsten Sinnspruch poptheoretischer Intellektuellenfeindlichkeit, so ist über Musik zu schreiben dasselbe wie über Architektur zu tanzen. Robert Rotifer ist bereits berufsbedingt davor gefeit, diesen Blödsinn zu unterschreiben. Der in England lebende Wiener ist zwar kein Experte in Sachen funky Architektur, aber ein auch Falter-Lesern bestens bekannter Popschreiber.
In seiner Zweitidentität als Singer/Songwriter hat Rotifer die Sache mit der Architektur und dem Tanzen soeben auf charmante Art dialektisch gelöst. "The Frankfurt Kitchen", das markanteste Stück seines vierten Albums "Coach Number 12 of 11", ist ein akustisches Denkmal für die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000). Ein Denkmal aber, das nicht bestaunt, sondern betanzt werden möchte, erinnert die eingängige Ausgelassenheit des Liedes doch an die prachtvolle kanadische Queer-Folk-Predigergemeinschaft The Hidden Cameras. "Neben Jonathan Richman waren die Hidden Cameras tatsächlich ein Anhaltspunkt, weil da immer alles so schön schiebt und schiebt und schiebt", bestätigt Rotifer.
Stand er bisher vor allem für feingedrechselte Singer/Songwriter-Kunst, die sich an den einschlägig versierten Connaisseur wendet, so strahlt "Coach Number 12 of 11" eine neue Lockerheit aus, die Rotifers Musik künftig auch ins Sortiment qualitätssicherer Indiepop-DJs bringen sollte. "Schengenländer Die!", der Hit des letzten Albums "Before the Water Wars", war in seiner fröhlichen Eingängigkeit noch eine Ausnahme, die neue CD ist von einer ganzen Reihe derartiger Lieder geprägt. Zu "I Believe You" liegt auf YouTube sogar ein entzückendes Video vor, das Rotifer selbst gezeichnet und sein Wohnzimmer-Labelboss Lelo Brossmann animiert hat.
"Ich habe es genossen, dass die Leute die Songs ernstgenommen und wirklich zugehört haben, aber bei den Gigs ist es mir immer ein wenig vorgekommen, als würde ich von den Leuten was verlangen, statt ihnen was zu geben", erklärt Rotifer. "Das war alles mehr ‚künstlerisch wertvoll' als Pop. Und beim Setlist-Schreiben hätte ich immer gern mehr ‚Schengenländers' im Programm gehabt. Also hab ich mir gedacht: Schreib einfach welche!"

Dass ihm dabei ausgerechnet eine verstorbene Architektin behilflich war, liegt nicht zuletzt
in der Familiengeschichte
des Musikers begründet: Schütte-Lihotzky war Vorgängerin seiner Oma als Präsidentin des kommunistischen Bunds Demokratischer Frauen. "Die schiere Rhythmik dieses Namens hat förmlich auf einen Song gewartet, genauso wie sich die Frankfurter Küche (Prototyp der modernen Einbauküche, Anm. d. Red.) großartig für eine Aufzählung von Wörtern eignet, die normalerweise in keinem Rock-'n'-Roll-Song vorkommen. Außerdem ist der Begriff eine unglaublich gute Metapher, sowohl für die Anerkennung von Hausarbeit als Arbeit als auch für die Ambivalenz rationaler Fortschrittsideen." Er wisse sehr wohl, dass Schütte-Lihotzky nicht nur diese Küche gemacht habe, betont Rotifer im CD-Booklet. "Aber Popsongs leben eben von der Reduktion."
"Was für ein Glück, dass Robert nicht bekannter ist", schreibt der britische Musiker Darren Hayman in den Linernotes zur neuen CD. "Es liegt an den Unbekannten, Songs über Züge und Küchendesignerinnen zu schreiben, die Berühmten kümmern sich da nicht wirklich drum." Als Hayman diese Zeilen ablieferte, entschuldigte er sich vorsorglich für den Sarkasmus. "Aber so soll's natürlich sein", sagt Rotifer lachend. "Außerdem sichert er mir damit den Mitleidseffekt."

Gerhard Stöger in FALTER 3/2008 vom 18.01.2008 (S. 63)


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