Both Sides Now

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Rezension aus FALTER 8/2000

Die retrofreudige Sichtung des Great American Songbook ist derzeit allem Anschein nach schwer angesagt: zuerst Bryan Ferry, jetzt auch Joni Mitchell, deren jüngstes, insgesamt zwanzigstes Album dieser Tage erscheint. Die im Überschneidungsbereich von Folk, Pop und Jazz so souverän agierende Ausnahmesängerin hat ihre emotionale Amplitude hier zugunsten einer zwischen Zuversichtlichkeit und Schicksalsergebenheit oszillierenden Kontrolliertheit zurückgestutzt; die alte fiebrige Präsenz ihrer von den Möglichkeiten zwischen tiefer Depression und exaltierter Euphorie kündenden Stimme wird eher subkutan spürbar, am freiesten artikuliert sie sich im finalen "Both Sides Now", Mitchells Song von 1967, in dem die Streicher dezent im Hintergrund wolken. Ansonsten spielt Vince Mendoza die Möglichkeiten eines 71-Mann-Orchesters immer wieder voll aus: ein Breitwand-Sound mit Harfen-Glissandis, Hornrufen, Oboengezwitscher - das volle Programm. Hat man seinen Frieden mit dem musikalischen Neo-Historismus gemacht, ist "Both Sides Now" ein grandioses Album: Allein der Mut, "At Last" trotz Etta James zu covern, jagt einem Schauer über den Rücken, und der Schmiss und die Eleganz, mit der auf "Comes Love" oder "I Wish I Were in Love Again" den holzbläserverliebten Arrangierkünsten eines Gil Evans die Reverenz erwiesen wird, schickt den Regenbogen aus dem im Booklet abgebildeten Ölgemälde mit der zungenküssenden Joni Mitchell direkt ins Herz des Rezensenten - out of the cool, into the hot.

in FALTER 8/2000 vom 25.02.2000 (S. 66)


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