Royal Albert Hall London May2-
diverse

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Rezension aus FALTER 41/2005

Alle dürfen froh sein!

Wiedervereinigung in Würde: Eine Doppel-CD dokumentiert, wie Cream im Mai dieses Jahres in der Royal Albert Hall große Musik gemacht haben.

Siebenunddreißig Jahre nach ihrem Abschiedskonzert in der Royal Albert Hall kehrten Cream im Mai dieses Jahres dorthin zurück, um vier Reunion-Konzerte zu spielen. Ein Live-Doppelalbum mit Ausschnitten aus den Konzerten ist soeben erschienen und zerstreut alle Skepsis, die man gegen Wiedervereinigungstouren aus guten Gründen hegen mag. Es beginnt mit Skip James' "I'm So Glad" (Refrain: "I'm so glad, I'm so glad, I'm glad, I'm glad, I'm glad"), und man nimmt den drei Herrschaften - Eric Clapton, 60; Jack Bruce, damals kurz vor seinem 62. Geburtstag; Ginger Baker, 65) den Spaß an der Freude von Anfang an ab.

"Royal Albert Hall London May 2-3-5-6 2005" ist auch ein Stück tönender Versöhnung. Die ewigen Streitereien zwischen Bruce und Baker hatten zum kurzen Ablaufdatum der nur zweieinhalb Jahre (1966-1968) und drei offizielle Alben ("Fresh Cream", "Disraeli Gears", "Wheels of Fire") bestehenden Band entschieden beigetragen; und in einem Falter-Interview vom August 1991 hatte Bassist Jack Bruce es Eric Clapton noch sehr übel genommen, dass dieser "White Room" seinerzeit beim Live Band Aid spielte, als stamme Bruces Cream-Hit aus seiner, Claptons, Feder. Im Mai 2005 teilen sich die beiden auf der Nummer brüderlich die Vocals: Einmal singt Bruce die Strophe und Clapton den Refrain, dann ist es umgekehrt.

Clapton brachte den Blues, der hier vor allem auf der ersten CD vertreten ist, Baker und Bruce kamen vom Jazz und beschlossen, Clapton "zu unserem Ornette Coleman" zu machen - freilich ohne diesen davon in Kenntnis zu setzen. Wenn Clapton nicht völlig von der Leine gelassen wird und sich dann phasenweise zu manischem noodling versteigt, ist er noch immer ein grandioser Bluesmusiker (etwa zu Beginn von "Stormy Monday"), wenn Ginger Baker nicht gerade das unvermeidliche Solo klöppelt ("Toad"), verleiht er dem Trio einen Groove, dessen Leichtigkeit bei aller Suggestivität seinesgleichen sucht. Und Jack Bruce ist mit seinem agilen Bassspiel ohnedies in a league of his own - nicht umsonst bezeichnete Pink-Floyd-Bassist Roger Waters den schottischen Arbeitersohn als den "vermutlich musikalisch begabtesten Bassisten, den es je gab".

Auch wenn sich Cream bei der Wiedervereinigungssause in der königlichen Alberthalle die viertel- bis halbstündigen Exzesse versagen und meist im Rahmen von vier bis sechs Minuten bleiben, merkt man bei Stücken wie "N.S.U." oder "Sweet Wine", dass die drei Herrschaften, die mit Killer-Riffs wie dem von "Sunshine of Your Love" die Tür zu Hard Rock und Metal aufstießen und von so notorisch überschätzten Ödbären wie Led Zeppelin beerbt wurden, die Improvisation in Gefilde vorangetrieben haben, die im Rock vor und nach ihnen nur wenige betreten haben.

Einer von ihnen war Jimi Hendrix, dessen Berühmtheit sich nicht zuletzt der Revolutionierung der Bühnenshow verdankt, wohingegen Baker, Bruce und Clapton seinerzeit fast so statisch auf der Bühne gestanden haben sollen wie ihre beeindruckenden Verstärkertürme. Beim Wiedervereinigungskonzert musste sich Bruce den Berichten zufolge hin und wieder setzen. Ein Rockmusikerleben fordert seinen Tribut. Aber so lange man's nicht hören kann, darf man einfach froh sein.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2005 vom 14.10.2005 (S. 67)


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