Untrue
Why Nearly Everything We Believe About Women, Lust, and Infidelity Is Wrong and How the New Science Can Set Us Free

von Wednesday Martin

€ 35,00
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Verlag: Hachette
Genre: Hachette
Umfang: 320
Erscheinungsdatum: 18.09.2018


Rezension aus FALTER 44/2018

Untreu? Typisch Frau!

Sind Frauen von Natur aus nicht für die Zweisamkeit gemacht? Eine neue Generation an feministischen Wissenschaftlerinnen rüttelt am Klischee der braven Brutpflegerin

Am Anfang des großen Missverständnisses über weibliche Sexualität und Lust steht ein kleines Lebewesen, die Drosophila-Fliege. Im Jahr 1948 untersuchte der britische Genetiker Angus Bateman das Paarungsverhalten dieses Insekts. Der Forscher ließ seine Fliegenmännchen in Glasflaschen auf die Fliegenweibchen los. Die Damen wurden fast alle befruchtet, egal, ob sie mehr oder weniger Sex hatten. Bei den Herren ging jeder fünfte leer aus. Paarung, schloss Bateman, ist harter Wettbewerb unter Männchen. Herumvögeln macht nur für sie Sinn, für Frauen lohnt es sich nicht wirklich.

Es dauerte fast sechs Jahrzehnte, bis das sogenannte „Bateman-Prinzip“ wiederlegt wurde, was wohl auch daran lag, dass es einfach zu gut in das gesellschaftlich erwünschte Klischee vom allzeit bereiten, starken Macho und der behüteten Frau, die sich ziert und erobert werden will, passte.

Und es ist sicher kein Zufall, dass es eine Wissenschaftlerin war, die das mittlerweile in über 1500 Arbeiten zitierte Experiment des Briten überprüfte – und widerlegte. Im Jahr 2007 wiederholten die amerikanischen Evolutionsbiologen Brian Snyder und Patricia Gowaty Batemans Versuchsanordnung und kamen zum Schluss, dass sich wildes Paaren mit vielen Partnern gleichermaßen für beide Geschlechter lohnt. Denn auch Weibchen, die Sex mit mehreren Gespielen haben, bekommen mehr Nachwuchs.

Naturwissenschaftler forschen nur im Kontext ihrer Zeit und interpretieren ihre Ergebnisse nicht frei von Moralvorstellungen und Ideologien, lernen wir daraus. Es ist also wenig verwunderlich, dass eine neue Generation feministisch geprägter Naturwissenschaftlerinnen gerade dabei ist, die Disziplinen Biologie und Medizin, allen voran Evolutionsbiologie und Sexualmedizin, aber auch Soziologie und Psychologie, von überkommenen, von Männern gemachten Dogmen zu entstauben und neu zu schreiben. Viele von ihnen lehren und forschen in den USA und Großbritannien, und es sind deshalb vor allem englischsprachige Bücher, verfasst von Wissenschaftsjournalistinnen, die den neuen Blick der feministischen Forschung für ein breites Publikum zugänglich machen (siehe Marginalie).

Das Bild der Frau, ihres Körpers, ihrer Sexualität, ihrer Lust verändert sich dadurch gehörig – oder ungehörig, würden Kritiker und Konservative sagen. Was heißt das für Gesellschaft und Politik? Für die Art und Weise, wie wir Beziehungen leben, für unser Rollenverständnis, für Rechtsinstitutionen wie die Ehe und immer noch erwünschte Werte wie Monogamie und Treue?

„Untrue“ nennt die amerikanische Publizistin Wednesday Martin ihr soeben erschienenes Buch, in dem sie ein ganzes Bataillon an Wissenschaftlerinnen über ihre jüngsten Erkenntnisse berichten lässt. Die 52-jährige Kulturwissenschaftlerin machte vor drei Jahren Schlagzeilen, als sie eine Art ethnologisch unterfütterte Memoiren über ihre Zeit unter Superreichen auf der Upper East Side von New York schrieb („Primates of Park Avenue“). Sie musste sich damals gegen den Vorwurf verteidigen, unsauber recherchiert zu haben und private Erlebnisse zu sehr zu generalisieren. In „Untrue“ listet sie ihre Quellen akribisch auf, aber ihre Schlussfolgerungen sind trotzdem so provokativ wie eingängig.

Frauen wurde von männlich dominierten Wissenschaften seit Charles Darwins Zeiten vermittelt, sie lebten ihre Sexualität anders, friedlicher und gefühlvoller als Männer. Genauso, wie die Gehirnforschung ihnen einreden wollte, sie seien die emotional intelligenteren, sozialeren Wesen. Dabei seien es die Männer, die mit langanhaltenden, monogamen Partnerschaften besser zurechtkämen als Frauen, wie die klinische Psychologin Marta Meana von der Nevada-Universität behauptet. Denn Frauen brauchten mehr Abwechslung und Vielfalt in ihrem Sexleben, sie sind „fluider“, also offener für hetero- und homosexuelle Erfahrungen, wie die Psychologin Meredith Chivers von der Queens-Universität in Ontario in Studien festgestellt hat. Und sie seien schon allein aufgrund der einzigartigen Fähigkeit, einen Orgasmus losgelöst vom Zeugungsakt zu erleben, wie geschaffen dafür, mehr als einmal und mehr als einen Menschen zu lieben. „Unsere Körper sind wie gemacht für Sünde, sie sind Hedonisten, selbst wenn wir es nicht sind“, schreibt Martin.

Die Evolutionsforscherin Patricia Gowaty, die Bateman aufblattelte, kommt in „Untrue“ natürlich genauso vor wie die amerikanische Primatologin Amy Parish und eine ganze Reihe anderer prominenter feministischer Wissenschaftlerinnen, beginnend mit Ikonen wie der amerikanischen Anthropologin Sarah Blaffer-Hrdy. Längst hat sich im angloamerikanischen Raum ein eigener feministischer Wissenschaftskanon etabliert, der nicht nur klassische Gender-Studies umfasst, sondern weit in die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) hineinreicht.

Parish, die sich selbst eine „darwinistische Feministin“ nennt, erforscht das Verhalten von Zwergschimpansen, auch Bonobos genannt, unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Die zierlichen Menschenaffen sind für ihren regen Sexualtrieb bekannt, deswegen bezeichnete sie die männlich dominierte Forschung früher gerne als „Hippies“. Die friedfertigen Bonobos leben tatsächlich in Gruppen wie einst 68er-Kommunarden, aber anders als diese tun sie das unter einem sehr dominanten, mitunter auch kämpferischen Matriarchat. Sex hat jeder mit jedem und auch jede mit jeder, Nachkommen werden gemeinsam großgezogen, aber die Weibchen verbünden sich immer wieder einmal gegen besonders übergriffige oder aggressive Männchen. „Sie haben einen Weg zur Solidarität und Schwesternschaft gefunden, die der menschlichen Feminismusbewegung Hoffnung gibt“, erklärte Parish im Jahr 2016 der New York Times, fast genau ein Jahr bevor der Hashtag #MeToo erstmals gepostet wurde.

Sichere Lebensbedingungen geben Weibchen mehr Spielraum, mit der ökonomischen Eigenständigkeit wächst der sexuelle Freiraum. Nicht von ungefähr war das Patriarchat in Kulturen besonders mächtig, in denen historisch gesehen der Pflug und damit die sesshafte Landwirtschaft dominierten. Sie festigten die Rolle der Frau als Hüterin des Heimes, als Eigentum des Mannes. Und dazu wie auch später zur Bürgersfrau, Repräsentantin der neuen, aufstrebenden Schicht des Bürgertums des 19. Jahrhunderts, passte das Bild der treuen, tugendhaften und damit logischerweise auch passiveren Sexualpartnerin natürlich besser als das der lustvollen, triebgesteuerten, oftmals aristokratischen Femme fatale.

Wie vielfältig Beziehungen zwischen Männern und Frauen sein können, wenn sie nicht der bürgerlichen Idealvorstellung der Ehe gehorchen, haben feministische Ethnologinnen inzwischen ausführlich dokumentiert, etwa bei den !Kung im südlichen Afrika oder den OvaHimba im Norden Namibias, die polyamor leben. Phasen nichtbürgerlicher Lebenskonzepte gab es in der industrialisierten Welt nicht nur in den 1960er-Jahren, sondern auch vor dem Ersten Weltkrieg. „Weiße Ehen“ waren unter privilegierten Schichten in Zeiten, in denen Homo- oder Bisexualität gesellschaftlich nicht akzeptiert und strafbar war, durchaus üblich, auch in Wien. Diese Ehen gaben befreundeten Männern und Frauen die Möglichkeit, den Schein zu wahren und gleichzeitig ihre Sexualität auszuleben.

Viele dieser alternativen, pluralen Lebenskonzepte sind in Vergessenheit geraten, weil sich in den letzten 70 Jahren, vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs, das klassische Lebensmodell der Ehe durchgesetzt hat, und werden jetzt wiederentdeckt. Anderes, wie etwa der weibliche Körper und seine Sexualorgane, wurde überhaupt erst jüngst gründlich erforscht.

Hätten Männer eine Vagina, sie wäre sicher schon bis ins letzte Detail untersucht. Aber weil das weibliche Geschlechtsorgan nur bei Frauen vorkommt und es außerdem versteckt liegt, dauerte es bis in die 2000er-Jahre, bis die Wissenschaft es in vollem Umfang zu entdecken begann. Und auch hier waren es vor allem Frauen, die vorangingen und mit Mythen wie dem „G-Punkt“ oder der Einteilung des Psychoanalytikers Sigmund Freud in den „reifen“ vaginalen und „unreifen“ klitoralen Orgasmus aufräumten und das moderne Bild des weiblichen Sexualapparats zeichneten. Die eigentliche Klitoris ist nämlich viel größer als ihr sichtbarer Teil von der Größe einer Rosine, und ihre Arme ziehen sich links und rechts der Vagina bis hin zum Anus. Der berühmte „G-Punkt“ ist jenes Areal, wo sie die Vagina berührt und am leichtesten zu stimulieren ist. Anatomisch ist also alles erfasst. Aber bis heute rätseln Wissenschaftler über Sinn und Zweck des weiblichen Höhepunkts. Anders als beim Mann ist er weder für die Zeugung noch für den reproduktiven Erfolg notwendig. Soll er die emotionale Bindung an den Partner stärken? Dagegen spricht, dass viele Frauen Schwierigkeiten haben, beim klassischen Sex zu kommen. Oder ist der Orgasmus einfach nur, so eine andere Hypothese, ein „glücklicher Nebeneffekt“ der Evolution, weil die Klitoris ihre Entwicklung mit dem Penis teilt?

Feministische Biologinnen und Anthropologinnen haben andere, weit kühnere Vermutungen. „Es kann kein Zufall sein, dass der weibliche Orgasmus bei Primaten vor allem bei nicht monogam lebenden Arten dokumentiert wurde“, erklärt Sarah Blaffer-Hrdy der Autorin Wednesday Martin in ihrem Buch „Untrue“. Für sie lässt sich die Frage nicht aus der Gegenwart heraus erklären, sondern nur, indem man weit in die Entwicklungsgeschichte zurückgeht. Ihrer Meinung nach sind Frauen einfach von Natur aus dafür geschaffen, sich aktiv auf die Suche nach Sex mit mehreren Partnern zu machen. Dazu passen jüngste Forschungen, die zeigen, dass die weibliche Cervix, also der Muttermund, männliche Spermien nicht blockiert, sondern sie filtert – und im Idealfall den besten von verschiedenen Männern heraussucht.

Und passt das alles mit Liebe, Treue und dem Lebenslänglich mit Mister Right zusammen? Durchaus. Die Soziologin Alicia Walker von der Missouri-Universität hat sich auf Untreue-Forschung spezialisiert. Sie befragte Frauen, die sich bei der Seitensprung-App „Ashley Madison“ registriert hatten. Diese Frauen suchten bewusst ein frisches sexuelles Erlebnis, ohne ihre Ehe oder feste Partnerschaft infrage stellen zu wollen. Sie wollten beides, sie verhielten sich, altmodisch gesagt, wie der Mann, der seine Frau betrügt, aber nicht verlässt. Das Netz ermöglichte es ihnen. Und Drosophila wusste es immer schon.

Barbaba Tóth in FALTER 44/2018 vom 02.11.2018 (S. 34)


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