The Measure of All Things
The Seven-Year Odyssey and Hidden Error that Transformed the World

von Ken Alder

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Simon & Schuster
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Der Harvard-Historiker Peter Galison zeigt, wie untrennbar um 1900 die Geburt einer neuen, hochabstrakten Physik mit konkreten Problemen wie der Synchronisierung von Uhren zusammenhing. Hebammen waren Albert Einstein und Henri Poincaré.

Genies haben ja manchmal komische Vorstellungen. 1933 schlug Einstein bei einem Vortrag in der Londoner Royal Albert Hall vor, begabte junge Leute in Leuchttürmen einzuquartieren, damit sie, abgeschnitten vom Getöse der Welt und umgeben nur vom Getöse des Meeres, "über wissenschaftliche Probleme insbesondere mathematischer oder philosophischer Natur nachdenken" könnten. Ein weltfremder Vorschlag eines weltfremden Gelehrten? Aber hatte Einstein nicht selbst in seinem eigenen "Leuchtturm", dem Eidgenössischen Patentamt von Bern, ohne Kontakt mit der Fachwelt und durch bloßes Nachdenken die Newton'sche Vorstellung von der Absolutheit der Zeit verabschiedet?

So erzählen es jedenfalls populäre Geschichten. Aber wie sollte es auch anders sein? Was, bitte schön, haben denn Patente für Kreiselkompasse - Einstein war Spezialist für diese - mit der speziellen Relativitätstheorie von 1905 zu tun? Sehr viel, sagt Peter Galison. So viel, dass der Wissenschaftshistoriker aus Harvard nun ein ganzes Buch über "Einsteins Uhren, Poincarés Karten" geschrieben hat. Der Titel bringt es auf den Punkt: Die beiden Geistesheroen waren bei ihrer "Arbeit an der Ordnung der Zeit", so der Untertitel, untrennbar mit den neuen Technologien ihrer Gegenwart verbandelt.

Weg mit den alten Zeiten!

Zwischen 1870 und 1910 wächst die Welt endgültig zusammen. Die Schienennetze lassen Distanzen schrumpfen, die durch die Ozeane verlegten Telegrafenkabel ermöglichen eine direkte Kommunikation. Entsprechend wächst der Koordinationsbedarf, sowohl was den Raum - 1884 wurde der Nullmeridian in Greenwich festgelegt - als auch was die Zeit angeht. Die Abstimmung der Zugfahrpläne ist dafür nur das augenfälligste Beispiel. Bis zur (inter)nationalen Synchronisierung um 1900 hatte fast jede Stadt ihre eigene Uhrzeit, manche sogar zwei: die lokale Zeit und die überregionale der Bahnlinie.

Die Vermessung der Welt

Erst die Errichtung von transkontinentalen Kommunikationsnetzen erlaubte es, die Uhren qua Signalübertragung weltweit zu synchronisieren. Unter Bezugnahme auf die jeweilige lokale Zeit und die Berücksichtigung von Umfang und Rotationsgeschwindigkeit der Erde ließen sich nun die Entfernungen zwischen New York und Paris, zwischen Kapstadt und Haiphong exakt berechnen - in der Hochzeit des Kolonialismus eine schlichte Notwendigkeit. Entscheidend war es dabei, die Übertragungsgeschwindigkeit der Signale zu berücksichtigen - auch wenn es sich dabei nur um Zehntelsekunden oder weniger handelte -, um sich nicht um Kilometer zu vertun.

Dass Zeit nicht losgelöst von ihrem Bezugssystem betrachtet werden kann und insofern "relativ" ist, beschäftigt um 1900 sowohl die theoretische Physik als auch die Erfinder, Ingenieure und Technokraten gleichermaßen. Der "Lösung", einem dezentralisierten System von Zeitmessern, die es zu synchronisieren gilt, sind sowohl Albert Einstein als auch Henri Poincaré auf der Spur. Galisons Buch lebt von der Spannung, wie nahe und gleichzeitig unendlich fern sich die beiden waren. Henri Poincaré (1855-1912), der in der Tradition der "polytéchniciens" stets zwischen abstrakter Wissenschaft und konkreten Anwendungen pendelte, war der Grandseigneur der französischen Gelehrten. Er organisierte Vermessungsexpeditionen nach Peru und setzte sich für die Erhaltung des Eiffelturms als Funkturm ein. Als Physiker wollte Poincaré die alte Mechanik nicht umwerfen, sondern umbauen.

Technischer Experte III. Klasse

Einstein hingegen inszenierte sich als junger Wilder: Weg mit dem Äther, jenem "unfassbaren" Medium, das für die Physik des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte, weg mit den Hilfskonstruktionen von "wahrer" und "scheinbarer" Zeit. Anders als den pragmatisch orientierten Poincaré ging es Einstein auch nicht um "wahre Konventionen", sondern um die Begründung völlig neuer Prinzipien.

Die eingereichten Patente, die der "Technische Experte III. Klasse" in seinen sieben Berner Jahren begutachtete, boten hierfür zahlreiche Denkanstöße, das Patentamt war alles andere als ein einsamer Leuchtturm. Jedes Jahr flatterten Dutzende von Vorschlägen für elektrisch gesteuerte Uhren auf seinen Schreibtisch. Und Einsteins bahnbrechender Aufsatz von 1905 "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" liest sich für Galison nicht wie eine typische wissenschaftliche Abhandlung. Es fehlen Verweise auf andere Autoren, am Ende steht ein "Anspruchsabschnitt" mit Vorhersagen für die experimentellen Konsequenzen. Dieses Pochen auf die Originalität wird so zum Patentantrag der Relativitätstheorie.Eine Vorgeschichte zu Peter Galisons Buch ist in gewisser Weise "The Measure of All Things". In Ken Alders Wissenschaftskrimi geht es um den - zunächst erfolglosen, aber nicht folgenlosen - Versuch, das Längenmaß zu vereinheitlichen. 1792 beauftragt die französische Akademie der Wissenschaften Jean-Baptiste-Joseph Delambre und Pierre-François-André Méchain mit der Vermessung der Strecke, die von Dünkirchen, der nördlichsten Stadt Frankreichs, nach Barcelona und genau von Nord nach Süd verläuft und also am Meridian liegt.

Um dem Chaos unterschiedlicher Längenmaße ein Ende zu bereiten, wollen die reformwütigen Aufklärer den verbindlichen Standard von der Erde selbst ablesen. Dazu musste man ihren Umfang freilich erst einmal exakt berechnen. (Haben Sie sich auch schon mal gewundert, warum die Distanz vom Pol zum Äquator "zufällig" genau 10.000 km beträgt?)

Der Zeitpunkt für die Mission könnte nicht schlechter gewählt sein: Frankreich versinkt in den Jahren nach 1792 in Krieg und Anarchie. Die beiden Astronomen nehmen ihre Messungen auf Schlachtfeldern vor und werden als Spione verdächtigt, ihre Beobachtungstürme werden von abergläubischen Bauern zerstört, ihre Auftraggeber, der König und führende Mitglieder der Akademie, guillotiniert. Es kommt freilich noch schlimmer: Dem Genauigkeitsfanatiker Méchain unterläuft scheinbar ein eklatanter Fehler, er erhält eine Abweichung, die er sich nicht erklären kann und die die gesamte Mission gefährdet. Die Vermesser drohen sich zu vermessen.

Galison schreibt gut, Alder erzählt schlicht brillant, gleich, ob er die quälenden Selbstvorwürfe Méchains schildert oder den langen Weg zur Akzeptanz des Meters beschreibt. Heute gilt das der Welt entnommene Maß weltweit - bis auf Liberia, Myanmar und die USA.

Oliver Hochadel in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 23)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Einsteins Uhren, Poincarés Karten (Peter Galison, Hans Günter Holl)

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