Harry Potter and the Order of the Phoenix

von Joanne K. Rowling

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Bloomsbury
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 26/2003

Ökonomisch bricht der soeben erschienene Roman "Harry Potter and the Order of the Phoenix" alle Rekorde, literarisch enttäuscht er.

Es gibt Ereignisse, die keiner vorausgesehen hat. Gerade deswegen wissen wir noch nach Jahren, was wir gerade getrieben haben, als Prinzessinen verunglückt oder voll getankte Verkehrsmaschinen in Wolkenkratzer geflogen sind. Und es gibt Ereignisse, die monatelang angekündigt werden und dann umso verlässlicher stattfinden. Sie erzeugen sich sozusagen selbst. Mit 8,5 Millionen Exemplaren von J.K. Rowlings "Harry Potter and the Order of the Phoenix" lässt der englische Verlag Bloomsbury die größte Bücherlawine los, die je über die Muggel-Welt herniedergegangen ist. Der Verleger, der 1995 - zwei Jahre bevor ihn Harry Potter für lange, lange Zeit von den roten Zahlen erlösen sollte - noch Verluste von 391.000 Pfund schrieb, darf für das heurige Jahr mit Gewinnen von rund 15 Millionen Pfund rechnen.

"Das ist absolut bescheuert. Es ist ein Triumph der Globalisierung. Sie können mich als Mann mit einem lächerlichen Bart zitieren", zitierte The Independent On Sunday einen als Albus Dumbledore verkleideten Mann, der zu jenen Hunderttausenden von Fans gehört, die sich weltweit um die ersten in den Handel gelangten Exemplare anstellten. Allein in Großbritannien sollen am ersten Verkaufswochenende über eine Million davon über den Ladentisch gegangen sein. Am Samstag, dem 21. Juni, öffnete die Supermarktkette Tesco eine Minute nach Mitternacht 350 ihrer Läden, um den begehrten 766-Seiten-Wälzer pünktlich zum Ablauf des weltweit verordneten Verkaufsembargos an die Kunden zu bringen. In Singapur, so berichtete der Guardian vom Potter-Weekend, hätten in einer einzigen Buchhandlung 2700 Leser "Harry Potter and the Order of Phoenix" vorbestellt, der erste Kunde sei zehn Stunden vor Verkaufsbeginn vor dem Geschäft gestanden. Auch das ein Definitionsmerkmal von "Ereignis": wenn die Welt für kurze Zeit auf einmal wieder synchron läuft.

Dafür wurde denn auch mit einigem legistischen Aufwand gesorgt, der ein verfrühtes und eventuell verkaufsschädigendes Durchsickern des Plots verhindern sollte: Ein Gabelstaplerfahrer einer englischen Druckerei wurde wegen Diebstahls verurteilt, weil er ein paar Seiten an die Sun verkaufen wollte, und auch die New York Daily News sahen sich mit einer 100-Millionen-Dollar-Klage konfrontiert, nachdem sie Auszüge aus dem jüngsten Buch vor dessen hochoffiziellem Erscheinen veröffentlicht hatten. Am groteskesten aber ist der Fall des englischen Theorie-Verlages Verso, der die Cover seiner marxistischen Potter-Exegese einstampfen lassen musste, weil sie in ähnlichen Farben gehalten waren wie die Potter-Originale selbst.

Angesichts des gigantischen Verschleißes an materiellen, pekuniären und geistigen Ressourcen drängt sich eine Frage auf, die Independent On Sunday zur Schlagzeile eines Artikels von Literaturredakteurin Suzi Feay machte: "It's big. It's everywhere. But just how good is it?" Feay, die die emotionalen Ausbrüche des 15-jährigen Helden wenig überzeugend findet und mit der "geringen schauspielerischen Bandbreite" von Potter-Darsteller Daniel Radcliffe vergleicht, fällt ein erschütternd ernüchterndes Urteil: "I was unmoved."

Das ist natürlich schlecht. War doch schon Wochen vor der Veröffentlichung die von oberster Stelle autorisierte Information durchgedrungen, dass einer der "Hauptcharaktere" sein Leben lassen werde - ein finsteres Omen, das Fan-Zirkel und Chat-Groups für Wochen beschäftigen sollte. Angesichts der freundlichen Verschwörung der Potteristen, die verlässlich dichthalten und den Hinweis "this article does NOT give away the ending for Rowling's novel" gleich im Untertitel anführen, könnte einen da schon der herostratische Ehrgeiz packen: Der Ermordete ist ... - aber nein, man bringt es ja doch nicht übers Herz. Immerhin kommentierte Mark Lawson den letalen Abgang im Guardian britisch unterkühlt mit den Worten: "Ein schwarzer Tag für Aficionados - aber kein katastrophaler. Und kein Film-Casting-Agent wird seine Zigarre abbeißen, wenn er rausfindet, wer es ist." (Woraus man schließen kann, dass es sich nicht um Hagrid handelt - was in der Tat ein Grund zu befreitem Aufatmen ist!)

Was also kann "Hary Potter and the Order of the Phoenix" wirklich? Sagen wir einmal so: Wer so langsam liest wie der Rezensent und der Lektüre sein ganzes Wochenende geopfert hat, ist geneigt, von einem "Pyrrhussieg" zu sprechen. Der Kolumnist, Radio- und Fernsehjournalist David Aaronovitch bringt es auf den Punkt, wenn er in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Potter-Hype ("We've been muggled") - und ohne das Buch gelesen zu haben - im Observer schreibt: "Mit 766 Seiten ist es mit größter Sicherheit zu lang, und wenn Rowling noch eine Autorin anstatt eines Phänomens wäre, ihr Lektor hätte ihr substanzielle Kürzungen auferlegt."

Das kann man so sagen: 200 Seiten weniger wären kein Problem gewesen. Zum Beispiel Quidditch. Im Grunde genommen ist der Schulsport von Hogwarts in etwa so aufregend wie Hermann Hesses "Glasperlenspiel". Und selbst Leser, die genau wissen, was der "Wronski-Bluff" ist, werden sich nach vier Romanen an den extensiven Match-Beschreibungen langsam satt gelesen haben und mit ihnen verfahren, wie unsereins weiland mit den Landschaftsbeschreibungen bei Karl May.

Die handelnden Personen und ihre Konstellationen sind mittlerweile bekannt, aber nicht immer gelingt es J.K. Rowling in ihrem jüngsten Roman, daraus noch Funken zu schlagen. Die Animositäten zwischen Harry und Draco Malfoy sind einigermaßen ausgereizt, und von dem sinistren Snape, der seit Band eins das Signum "verdammt ambivalenter Charakter" auf der Stirn trägt, hätten wir nun auch gerne einmal ein bisschen mehr erfahren. Zugegeben, die tieferen Gründe für seine Abneigung gegenüber Harry werden uns nun endlich mitgeteilt, und mit der Entzauberung des strahlenden "pater absconditus" (Thomas Steinfeld in der SZ), von Harrys ermordetem Vater James, der als 15-jähriger eine ziemliche Krätzen war, wird dem pubertierenden Helden von Hogwarts ein weiterer Stein auf den Weg zur Mannwerdung gerollt. Nur: Genau so liest es sich dann auch - als Exekutierung eines Konzepts, das für Band fünf eben einen weiten Satz auf dem Sektor der Entwicklungspsychologie vorhergesehen hat. "A kiss, a death, a secret" schlägt der Guardian denn auch trocken als kürzest mögliche Inhaltsangabe vor.

Der Kuss von Cho Chang, Sucherin des Quidditch-Teams von Ravenclaw und im vierten Band Freundin des während des Trimagischen Turniers auf mysteriöse Weise von Lord Voldemort getöteten Cedric Diggory (ein Mord, für den manche den Turniersieger Harry Potter verantwortlich machen), gibt Anlass für einsichtige psychologische Kommentare Hermiones - die emotionale Intelligenz ist natürlich ganz aufseiten der Mädchen. Aber dass Cho dann doch einigermaßen sang- und klanglos aus dem Roman entlassen wird, ist schon ein wenig enttäuschend: Ja, so ist das halt bei Pubertierenden - heute die, morgen der.

Die Viskosität der Lektüre verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass es J.K. Rowling nicht gelingt, einen neuen Charakter zu etablieren, der es an Komplexität und/oder Sympathiewerten mit alt eingeführten Figuren wie Remus Lupin, Sirius Black oder Neville Longbottom aufnehmen kann. Eigentlich gibt es nur eine einzige neue Hauptperson: Jane Umbridge, Senior Undersecretary im Zaubereiministerium und neue Lehrerin für die Verteidigung gegen die dunklen Künste. Diesen höchst personalaufwendigen Posten, der seine Inhaber gerne umbringt oder in den Wahnsinn treibt, missbraucht Umbridge, ein dem Zaubereiminister Cornelius Fudge bedingungslos ergebener Apparatschik, dazu, um Hogwarts in kürzester Zeit in eine grausame Disziplinierungsanstalt zu verwandeln und als "High Inquisitor" nicht nur den Schülern, sondern auch dem angestammten Lehrpersonal Tränen der Wut und der Verzweiflung abzuringen. Zwar gehören die Szenen, in denen die strenge, aber herzensgute Minerva McGonagall und sogar der finstere Snape die machtbesesssene Neo-Professorin auflaufen lassen, zu den gelungensten des Buches, aber Umbridge selbst wächst als Charakter über ihre Typisierung durch einen schlaffen Krötenmund und eine süßliche Mädchenstimme, die so verlässlich erwähnt werden wie der Vorhang fettigen Haars bei Snape, kaum hinaus.

Als furios missglückt müssen schließlich die letzten neunzig Seiten des Romans gelten. Nach ihrer Lektüre wünscht man, "the glorious sunset", in dem sich die beiden sympathisch nichtsnutzigen und geschäftstüchtigen Weasley-Zwillinge Fred und George endgültig auf ihren Besen aus dem Staub machen, sei der letzte der in der Folge arg strapazierten Sonnenauf- und untergänge gewesen.

J.K. Rowling bringt ihr Geld schon seit längerer Zeit mit dem Sattelschlepper auf die Bank, hat ein Schielen auf den Markt also eigentlich nicht notwendig. Der Showdown im Zaubereiministerium und dessen querschlägergeplagte "Star Wars"-Gone-"Matrix"-Action erinnern dennoch penetrant daran, dass eine Verfilmung des Romans ja auch noch ins Haus steht. Angesichts des massierten Gefuchtels und Gefluches muss man wohl von wandalism ("wand", engl. für "Zauberstab") sprechen.

Schwerer aber wiegt, dass J.K. Rowling hier die eigene Erzählkunst verrät. Plötzlich werden Geheimnisse, auf die bislang kein Indiz verwiesen hat, aus dem Hut gekramt, und Harry mutiert nach dem Tod seines Freundes blitzartig vom pubertierenden Jüngling zum testosterongesättigten Action-Helden, der wohl eher mit Jean-Claude van Damme als mit Daniel Radcliffe besetzt werden müsste. Dass im Anschluss daran ein selten betuliches und papierenes Gespräch zwischen Harry und Dumbledore (Thema: "Schon schwer, das Leben") folgt, macht das Kraut auch nicht fett.

Ach ja, die Punkte, die Draco Malfoy als Führer von Umbridges Inquisitionsgarde aus schierer Willkür den Gryffindors abgezogen hat, werden natürlich mehr als kompensiert. Es wird Zeit, dass endlich Slytherin den Hauspokal gewinnt!

Klaus Nüchtern in FALTER 26/2003 vom 27.06.2003 (S. 22)


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