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ASCII Culture and the Revenge of Knowledge

von Nettime

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Autonomedia
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

To read or not to read

Wie die erste Netzgeneration die neuen Kommunikationsverhältnisse jenseits der gedruckten Medien diskutierte, ist nun auch in Buchform nachzulesen.
Jede Diskussion über die neuen Medien führt fast zwangsläufig zu einem Streit: jenem nämlich, ob sie denn nun das Buch endgültig ablosen werden oder nicht. Zuletzt hat der US-amerikanische Historiker Robert Darnton, Spezialist für Publizistik im vorrevolutionären Frankreich, wieder einmal ein "New Age of the Book" ausgerufen.
Die Gegenthese - vom Ende des Buches - geht auf den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück, der in den sechziger Jahren voll Enthusiasmus das Fernsehen als Indiz für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der menschlichen Kommunikation interpretiert und ein Zeitalter "nach Gutenberg" proklamiert hatte. McLuhan hatte recht und unrecht zugleich: Die Bücher sind nicht verschwunden, allerdings spielen sie im Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion von Wissen nicht mehr die zentrale Rolle. Und immer mehr zeigen sich auch die Grenzen des Datenspeichers Papier.
Hatte man schon McLuhan gern den Widerspruch zum Vorwurf gemacht, ein Buch über das Ende des Buches zu schreiben, so scheint es bis heute absurd, wenn die Debatten um die neuen Kommunikationsverhältnisse jenseits von Gutenberg erst wieder in Buchform reproduziert werden. Tatsache ist jedenfalls, daß auch der vernetzte Diskurs gern auf das bewährte Druckformat zurückgreift, wenn es der Anlaß gebietet - so auch im Fall von "Nettime": Nach hektografierten Textsammlungen und Proceedings im unhandlichen Zeitungsformat sind deren gewichtige Texte jetzt erstmals in Buchform erschienen.
Wer oder was ist "Nettime"? Auf den ersten Blick eine von vielen elektronischen Mailinglisten, auf denen die Erfahrungen der ersten Netzgeneration ästhetisch verarbeitet und theoretisch reflektiert werden. Auch der zweite Blick auf einzelne Texte dringt noch längst nicht unter die Oberfläche - läßt aber erkennen, daß es sich bei diesem Projekt nicht einfach nur um ein Selbstverständigungsunternehmen einiger Künstler und Theoretiker handelt.
Als Geert Lovink und Pit Schultz vor Jahren diesen netzkritischen Diskurs initiierten, nannten sie ihn "collaborative textfiltering" - eine Auseinandersetzung mit neuen Formen des Lesens und Schreibens, mit der ästhetik des Netzes, mit Politik und Ökonomie der Medien und nicht zuletzt auch eine europäisch dominierte Intervention gegen den neoliberalistischen Herrschaftsdiskurs der kalifornischen Digerati.
Jetzt liegt also diese kultverdächtige Schwarte vor, deren im Titel enthaltener Imperativ nicht ernst genommen werden will - der jede Software begleitende Paratext "README!", den mit Sicherheit kein Anwender je liest, ist eine ganz gute Metapher für die Haltung, die hier bewußt provoziert wird. Natürlich wird "Nettime" gelesen, aber eben nicht wie ein Buch. Angesichts der über hundert Beiträge heißt es zunächst einmal, die dem Inhaltsverzeichnis des Readers beigefügte Maxime "Stop reading / Start browsing" ernst zu nehmen.
Einige Texte, wie die des Künstlerduos JODI, sind nicht auf Lektüre angelegt, denn sie spielen mit dem Screen-Layout von Zeichenclustern. Während man das gar nicht lesen kann, will man anderes vielleicht nicht lesen, etwa linke Revolutionsromantik (Antonio Negri), pseudoreligiosen Kitsch (P. L. Wilson), techno-mystische Belehrungen (Critical Art Ensemble), ode und endlose Interviews über Kunst und Internet. Andere Texte, die man vielleicht schon kennt, muß man nicht mehr lesen: Beiträge von Deleuze, Flusser, Kittler. Dies ist übrigens ein kleiner Etikettenschwindel, den das Buch so nicht notig hätte - die Texte bekannter Autoren spielen auf der wirklichen Liste kaum eine Rolle: Es sind eher die unscheinbaren Beiträge, die zählen.
Der Punkt aber ist, daß alle diese Texte da sind, sich in ihrer Präsenz behaupten. Im Sprung vom Bildschirm zurück zum Papier hat die "Delete"-Taste ihre Funktion verloren. Aktivisten werden mit Künstlern konfrontiert, Theoretiker mit Technikern, Akademiker mit Autodidakten, Meisterdenker mit Feministinnen. Der Reiz von "Nettime" besteht in dieser manchmal ermüdenden Konfrontation jenseits der gestylten, stromlinienformigen Inhalte, die andernorts gern als "Content" verkauft werden. Daß die Frage nach dem Content ohne diejenige nach der Community, die ihn konsumiert, schwer zu stellen ist, diesen Beweis tritt "Nettime" an.
Die neue Mediengeneration generiert Bedeutung nicht ausschließlich über den klar kommunizierten Inhalt, sondern auch über den diffusen Kontext. Wenn Netzkultur mehr bedeutet als die technologische Infrastruktur und das ewige Hickhack um Software und Hardware, Betriebssysteme und Programme, was liegt dann näher, als diese erweiterte Medienumgebung auf "properties and potentials" abzuklopfen. Im Zeitalter der allgemeinen Diskursbeschleunigung wirkt das manchmal freilich wie Sand im Getriebe. Genau das macht den Reiz und den Erfolg von "Nettime" aus, im Gegensatz zu einer Vielzahl von anderen Listen, die von thematischer Eingrenzung leben und von einer Hybris des Neuen.
Nettime-Website: http://www.nettime.org
Archiv: http://www.factory.org/nettime
Newsfeed: http://news.thing.at/alt.nettime
ZKP4-Webversion: http://www.ljudmila.org/nettime/zkp4

Frank Hartmann in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 29)


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