Heroic Failure
Brexit and the Politics of Pain

von Fintan O'Toole

€ 15,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Head of Zeus Ltd.
Genre: Politik
Umfang: 240
Erscheinungsdatum: 22.11.2018


Rezension aus FALTER 7/2019

Britische Brexit- Unterwerfungsfantasien

Fintan O’Toole entdeckt in „Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain“ die lustvollen nationalen Obsessionen der Briten

Schon der Titel deutet an, dass der irische Literaturprofessor und politische Kommentator Fintan O’Toole den britischen Brexit tiefenpsychologisch erklären wird: „Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain“ („Heldenhafte Niederlage. Brexit und die Politik des Schmerzes“) heißt das Buch, das bisher leider nur auf Englisch vorliegt. O’Toole erklärt die Psyche der Briten anhand historischer Begebenheiten, aber auch im Hinblick auf den Erfolg massentauglicher Filme und Bücher.

Er macht dabei vor gar nichts halt, auch nicht vor dem literarisch fragwürdigen Bestsellerhit „Fifty Shades of Grey“ der englischen Autorin E.L. James. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Christian Grey und Anastasia Steele erinnert O’Toole an jene zwischen Großbritannien und der EU: „Es geht nicht um Sex, es geht um Regeln.“ Herr und Sklavin besiegeln ihr Verhältnis mit einem Vertragswerk, in dessen Details die Autorin James mindestens so lustvoll schwelgt wie in jenen der erotischen Abenteuer.

Die Briten hätten sich zwar freiwillig ins Fesselwerk der EU-Regulierungen begeben, meint O’Toole, kämpften nun aber stets mit dem Impuls, sich daraus befreien zu müssen: „Die Unterwerfung ist wie die EU-Mitgliedschaft: nervtötend legalistisch.“

Der Exkurs ins seichte literarische Gewässer ist nur halb ernst gemeint. Tiefer geht O’Tooles Analyse des britischen Weltkriegstraumas und wie es literarisch umgesetzt wurde. Len Deightons Thriller „SS-GB“ aus dem Jahr 1978, der 2017 erfolgreich als BBC-Fernsehserie verfilmt wurde, spielt in einem Britannien, das vor den Nazis kapituliert hat.

Aus diesem Stoff hat auch Robert Harris seinen Bestseller „Vaterland“ gezimmert. Harris zeigt Britannien, ja ganz Europa unter prolongierter Naziherrschaft, auch die EU existiert unter dieser Voraussetzung. Über allem flattert die Hakenkreuz-Fahne.

Der immense Erfolg dieser Unterwerfungsfantasien ist für O’Toole ein Hinweis darauf, dass die Briten ihren Sieg über die Deutschen bis heute nicht verkraftet haben. Im Brexit erreiche die Umdeutung der Geschichte ihren Höhepunkt, meint O’Toole und zitiert die Drohung des britischen EU-Parlamentariers Daniel Hannan: „Sollte Brüssel weiter Konditionen diktieren wollen wie einem besiegten Feind, dann brechen die Verhandlungen zusammen.“ Sechs Wochen vor dem offiziellen Austrittsdatum, dem 29. März 2019, steuern die Briten genau auf dieses No-Deal-Untergangsszenario zu.

Der Brexit musste zur „heroischen Niederlage“ werden, denn die Briten empfinden laut O’Toole eine fatale Attraktion, wenn es darum geht, sich mit voller Wucht in sinnlose Unterfangen zu werfen. Schon die Expedition des Polarforschers Sir John Franklin 1847 zeigte dies drastisch. Nicht nur scheiterte Franklin, den Seeweg von Europa nach Asien zu finden, er opferte dabei Besatzung und Schiff. Und sein eigenes Leben.

Im britischen Gedächtnis ist ihm dennoch der Platz eines Helden und nicht der eines Versagers zugeschrieben worden, obwohl ihm noch 38 Rettungsexpeditionen hinterhergeschickt werden mussten. Diese gerieten teils ebenfalls in Gefahr und mussten dann wieder gerettet werden: „Das heroische Versagen wurde zum Magneten, es zog immer mehr Menschen in seinen Bann“, schreibt Fintan O’Toole über diese Serienniederlage, die ihn daran erinnert, wie Oberbrexiteer und UKIP-Chef Nigel Farage bei der Verkündung des Brexit-Votums am 24. Juni 2016 rief: „Das ist unser Unabhängigkeitstag!“

Von da an konnte es nur noch bergab gehen.

Christian Salentinig in FALTER 7/2019 vom 15.02.2019 (S. 18)



Rezension aus FALTER 7/2019

Britische Brexit- Unterwerfungsfantasien

Fintan O’Toole entdeckt in „Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain“ die lustvollen nationalen Obsessionen der Briten

Schon der Titel deutet an, dass der irische Literaturprofessor und politische Kommentator Fintan O’Toole den britischen Brexit tiefenpsychologisch erklären wird: „Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain“ („Heldenhafte Niederlage. Brexit und die Politik des Schmerzes“) heißt das Buch, das bisher leider nur auf Englisch vorliegt. O’Toole erklärt die Psyche der Briten anhand historischer Begebenheiten, aber auch im Hinblick auf den Erfolg massentauglicher Filme und Bücher.

Er macht dabei vor gar nichts halt, auch nicht vor dem literarisch fragwürdigen Bestsellerhit „Fifty Shades of Grey“ der englischen Autorin E.L. James. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Christian Grey und Anastasia Steele erinnert O’Toole an jene zwischen Großbritannien und der EU: „Es geht nicht um Sex, es geht um Regeln.“ Herr und Sklavin besiegeln ihr Verhältnis mit einem Vertragswerk, in dessen Details die Autorin James mindestens so lustvoll schwelgt wie in jenen der erotischen Abenteuer.

Die Briten hätten sich zwar freiwillig ins Fesselwerk der EU-Regulierungen begeben, meint O’Toole, kämpften nun aber stets mit dem Impuls, sich daraus befreien zu müssen: „Die Unterwerfung ist wie die EU-Mitgliedschaft: nervtötend legalistisch.“

Der Exkurs ins seichte literarische Gewässer ist nur halb ernst gemeint. Tiefer geht O’Tooles Analyse des britischen Weltkriegstraumas und wie es literarisch umgesetzt wurde. Len Deightons Thriller „SS-GB“ aus dem Jahr 1978, der 2017 erfolgreich als BBC-Fernsehserie verfilmt wurde, spielt in einem Britannien, das vor den Nazis kapituliert hat.

Aus diesem Stoff hat auch Robert Harris seinen Bestseller „Vaterland“ gezimmert. Harris zeigt Britannien, ja ganz Europa unter prolongierter Naziherrschaft, auch die EU existiert unter dieser Voraussetzung. Über allem flattert die Hakenkreuz-Fahne.

Der immense Erfolg dieser Unterwerfungsfantasien ist für O’Toole ein Hinweis darauf, dass die Briten ihren Sieg über die Deutschen bis heute nicht verkraftet haben. Im Brexit erreiche die Umdeutung der Geschichte ihren Höhepunkt, meint O’Toole und zitiert die Drohung des britischen EU-Parlamentariers Daniel Hannan: „Sollte Brüssel weiter Konditionen diktieren wollen wie einem besiegten Feind, dann brechen die Verhandlungen zusammen.“ Sechs Wochen vor dem offiziellen Austrittsdatum, dem 29. März 2019, steuern die Briten genau auf dieses No-Deal-Untergangsszenario zu.

Der Brexit musste zur „heroischen Niederlage“ werden, denn die Briten empfinden laut O’Toole eine fatale Attraktion, wenn es darum geht, sich mit voller Wucht in sinnlose Unterfangen zu werfen. Schon die Expedition des Polarforschers Sir John Franklin 1847 zeigte dies drastisch. Nicht nur scheiterte Franklin, den Seeweg von Europa nach Asien zu finden, er opferte dabei Besatzung und Schiff. Und sein eigenes Leben.

Im britischen Gedächtnis ist ihm dennoch der Platz eines Helden und nicht der eines Versagers zugeschrieben worden, obwohl ihm noch 38 Rettungsexpeditionen hinterhergeschickt werden mussten. Diese gerieten teils ebenfalls in Gefahr und mussten dann wieder gerettet werden: „Das heroische Versagen wurde zum Magneten, es zog immer mehr Menschen in seinen Bann“, schreibt Fintan O’Toole über diese Serienniederlage, die ihn daran erinnert, wie Oberbrexiteer und UKIP-Chef Nigel Farage bei der Verkündung des Brexit-Votums am 24. Juni 2016 rief: „Das ist unser Unabhängigkeitstag!“

Von da an konnte es nur noch bergab gehen.

Christian Salentinig in FALTER 7/2019 vom 15.02.2019 (S. 18)


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