Bodies
Big Ideas

von Susie Orbach

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Profile Books
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 26/2009

Ich wünschte, ich wäre überrascht

Susie Orbach ist eine der berühmtesten Psychoanalytikerinnen Großbritanniens: Sie behandelte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie. Darüber hinaus betätigt sie sich als Feministin und Buchautorin. In ihrem neuen Buch "Bodies" untersucht Orbach den Körperfetischismus der industrialisierten Welt und zeigt, wie stark unser Selbstwertgefühl durch unser Körpergefühl geprägt – und häufig – destabilisiert wird.

Falter: Frau Orbach, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie, dass Phänomene wie Körperhass, Essstörungen, Diät- und Schlankheitswahn explosionsartig angestiegen sind. Wie kommt das?
Susie Orbach: Diese Phänomene sind allgegenwärtig und wir nehmen sie nicht einmal als Probleme zur Kenntnis, weil unsere gesamte Kultur sich dieser Obsession vollends verschrieben hat. Das beginnt mit Menschen, die völlig selbstverständlich die meisten Lebensmittel nicht anrühren oder nur einmal am Tag oder nur an Wochenenden essen, und geht bis zu Kindern, die Angst haben vorm Essen oder vollkommen darauf fixiert sind. Es gibt eine Massenobsession im Bereich der Ernährung. Auf der anderen Seite stehen ganze Industriezweige, die mit den Körperunsicherheiten der Menschen immer mehr Geld machen: die kosmetische Chirurgie, die Schönheitsindustrie, die Diätindustrie.
Gleichzeitig sind aber immer mehr Menschen fettleibig. Soll man das ignorieren?
Orbach: Nein, die Sorge über die steigende Fettleibigkeit ist berechtigt, aber wir müssen sie in einen größeren Zusammenhang stellen. Wenn es so etwas wie "normales" Essen nicht mehr gibt, wenn man vor lauter Sorge um Gewicht und Kleidergrößen kein Gefühl mehr dafür besitzt, wann man Appetit hat und wann man satt ist, dann kann das zu extremer Dünnheit führen. Gleichzeitig kann es genauso leicht ins Gegenteil, also in unkontrolliertes Essen und Fettleibigkeit umschlagen. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Anorexie oder Bulimie sind nur weniger sichtbar als Fettleibigkeit, aber sie sind genauso verbreitet.
Die berühmteste Patientin Ihrer Analysepraxis war Prinzessin Diana, die Sie wegen ihrer Bulimie behandelt haben. Sind Prominente gefährdeter als andere Menschen, Essstörungen zu bekommen?
Orbach: Der Druck mag größer sein, aber ich glaube nicht, dass er der entscheidende Faktor ist. Ein öffentliches Leben zu führen und die ganze Zeit fotografiert zu werden, ist die eine Sache. Das kann es schwieriger machen, ist aber kein wesentliches Kriterium für die Entwicklung von Bulimie.
Überrascht Sie der aktuelle Körper-, Schönheits- und Schlankheitskult? Drei Jahrzehnte nach Ihrem berühmten Buch "Fat Is a Feminist Issue" hat er auch Männer erfasst.
Orbach: Ich wünschte, ich wäre überrascht, aber schon damals hätte man diese Entwicklung vorhersagen können. In den 80er-Jahren geschah Folgendes: Die Frauen kauften sozusagen ihre Körper zurück. Man hatte ihnen gesagt: Okay, ihr bekommt mehr Rechte und mehr Platz im öffentlichen Raum, aber dafür müsst ihr besonders dünn sein oder einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Gleichzeitig gab es Änderungen auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigte sich auch daran, dass Männermagazine anfingen wie Frauenmagazine auszusehen. Die neue Art der Problemlösung für Männer bestand darin, sich zu stählen, um sich in ihren trainierten Körpern besser zu fühlen. Der Körper als Selbstzweck rückte immer mehr in den Vordergrund.
Sie schreiben, dass jeder von uns wöchentlich zwischen 2000 und 5000 Bildern von Körpern ausgesetzt ist, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden. Wie soll der Einzelne angesichts dieser Bilderflut individuellen Selbstwert entwickeln?
Orbach: Wir schreiben Gesundheitswarnungen auf jedes Päckchen Zigaretten, aber wir warnen nicht vor diesen bearbeiteten Bildern. Gegen diese Monokultur der Körperdarstellungen hilft nur eine Gegenbewegung: Eltern müssen versuchen, ihren Kindern gegenüber den Körper nicht als das Feld darzustellen, über das Probleme gelöst werden können. Und sie müssen versuchen, nicht zu sehr von ihren eigenen Körpern besessen zu sein.
An welchem Punkt in der Entwicklung eines Kindes entstehen falsche Körperbilder?
Orbach: Das wissen wir noch nicht. Es liegt nahe, dass es wie für die Sprachentwicklung auch eine kritische Phase für die Entwicklung des Körpergefühls gibt. Jedenfalls geht es um die ersten Lebensjahre. Wenn sich ein Kind in dieser Zeit in seinem Körper stabil und wohl fühlt, dann ist das eine gute Grundlage. Diese Sicherheit fungiert als Schutz gegenüber einer übermächtigen Bildkultur. Dass Probleme wie Körperhass, Körperkult, Essstörungen und
Diätwahn so explodiert sind, lässt mich aber glauben, dass wir derzeit keine Körper heranziehen, die sich sicher fühlen. Die Instabilität setzt sich über die Jahre fort.
Dann treten Schönheits-, Kosmetik- und
Diätindustrie auf den Plan …
Orbach: … die sich das zunutze machen und den Menschen mit ihren Problemen helfen. Die Leute denken ja nicht "Das ist eine schreckliche Industrie!", sondern "Eine Nasenoperation wird mir sicher helfen!".
Geht es Ihnen da anders?
Orbach: Nein, durchaus nicht. Ich sehe eine Werbung für eine neue batteriebetriebene Wimperntusche und denke mir: "Oh, das ist ja super!" Aber dann lache ich über mich und sage mir: "Moment einmal! Das brauchst du nicht!"
Wo genau liegt denn die Grenze zwischen harmloser Beschäftigung mit der eigenen Schönheit und ungesundem Körperfetischismus?
Orbach: Gerade wurde Barbies 50. Geburtstag gefeiert. Als meine Tochter, die jetzt 20 ist, klein war, dachte ich, es sei kein Problem, wenn sie mit Barbie spielt. Ein Spielzeug wie jedes andere: ein Ort der Imagination, kein wirkliches Vorbild, einfach ein Gegenstand, der Fantasie und Vorstellungskraft anregt. In der Zwischenzeit sieht man viele Frauen, die wie lebende Barbies aussehen. Das ist ein Problem. Damit kommen wir zur Frage nach der Grenze zurück: Sie ist fließend, aber allgemein würde ich sagen, dass sie dort liegt, wo die Beschäftigung mit dem Körper aufhört, eine Quelle der Freude zu sein, und anfängt, einen zu quälen. Ich meine ein Gefühl, wo man sich absolut nicht mehr wohlfühlen kann, wenn man nicht zuerst das, das und das an seinem Körper getan hat.
Zum Beispiel?
Orbach: Für viele Menschen ist ihr Körper ein riesiges Projekt. Manche haben zum Beispiel Angst, sie könnten ihren Job verlieren, weil sie die ganze Zeit essen. Wenn Essen jedes Mal aufs Neue eine Quelle der Sorge, Scham oder des schlechtes Gewissen ist, dann haben Sie ein Problem.
Paris Hilton ist die global präsente Personifikation von Barbie. So exportiert der Westen eine bestimmte Form von Ideal in die entlegensten Ecken der Welt ...
Orbach: 50 Prozent aller koreanischen Mädchen lassen sich operieren, um "westliche" Augenlider zu haben. Singapur arbeitet daran, die Welthauptstadt der kosmetischen Chirurgie zu werden. Da geht es nicht nur um die Einwohner der Stadt, die sich einen westlichen Look verpassen, sondern Menschen aus dem Westen fahren hin, um sich operieren zu lassen. Es ist beängstigend.
In Ihrem Buch beschreiben Sie einen Psychoanalytikerkongress in Brasilien, wo sie eine der wenigen Frauen waren, die nicht schönheitsoperiert waren.
Orbach: Etwas anderes hat mich dort noch viel mehr erschüttert: Die vollkommen unhinterfragte Art, mit der meine Kollegen über eine Vortragende sprachen. Der Tenor lautete: Was denkt die sich dabei, öffentlich aufzutreten, so wie sie ausschaut? Das war die Antwort auf meine Frage, was die Kollegen von ihrem Vortrag gehalten hatten.
Ein solcher Analytiker ist vermutlich nicht imstande, in seinen Klienten individuelles Selbstwertgefühl zu fördern, das von Schönheitsnormvorstellungen unabhängig ist. Vor allem in Ländern wie Brasilien, den USA oder Argentinien, wo schönheitschi­rurgische Eingriffe die Regel sind.
Orbach: Völlig richtig. Es gibt sogar unter Therapeuten viele, die der Meinung sind, dass an Schönheitschirurgie nichts Problematisches ist.
Würden Sie Schönheitschirurgiepläne bei einem Ihrer Klienten auf jeden Fall als Problem sehen?
Orbach: Nicht automatisch. Ich bin keine Malen-nach-Zahlen-Therapeutin. Ich würde mich aufs Zuhören verlegen und wissen wollen, welche Gedanken sich die betreffende Person zu diesem Plan gemacht hat. Ich hatte Leute in meiner Praxis, die schönheitsoperiert waren. Es ist verzwickt.
Aber nicht unbedingt beunruhigend?
Orbach: Ich hoffe nicht. Denn auf gewisse Weise hat sich Schönheitschirurgie tatsächlich zu etwas ziemlich Alltäglichem entwickelt. Vor 20 Jahren hätte ich ganz anders darüber gedacht.
Es gibt auch sehr drastische chirurgische Eingriffe in den Körper. Im Buch erzählen Sie den äußerst seltsamen Fall von Andrew.
Orbach: Andrew ist ein Amerikaner in mittleren Jahren, der Zeit seines Lebens seine Beine als so überflüssig empfand, dass er sie chirurgisch entfernen lassen wollte, um sich ganz fühlen zu können. Als das nicht möglich war, packte er seine Beine so lange in einen Sack mit Trockeneis, bis eine Amputation medizinisch unvermeidlich wurde. Ich wollte die Vorstellung von unserem Körper als etwas Natürlichem ins Wanken bringen. Indem ich jemanden zeige, für den sich seine Beine überflüssig anfühlen, stelle ich dieses Bild infrage.
So etwas wie einen "natürlichen" Körper gibt es nicht?
Orbach: Es gibt nur Körper, die im Kontext eines kulturellen Umfelds unter bestimmten Bedingungen geschaffen werden: in dieser Familie, zu diesem Zeitpunkt, in dieser Weise. Ich wollte einen dramatischen Weg finden, darauf hinzuweisen.
Wenn es keinen "normalen" Körper gibt, bleibt als einziges Kriterium für ein gutes Körperverhältnis, ob man sich in seinem Körper wohlfühlt?
Orbach: Richtig. Anders gefragt: Was wäre eine nicht psychotische Position gegenüber dem eigenen Körper? Das hieße, sich des Drucks von außen bewusst zu sein, darüber zu schmunzeln, sich Gedanken zu machen, sich aber trotzdem auf einer fundamentalen Ebene in seinem Körper stabil zu fühlen.
Sie haben 2004 für die Kosmetikmarke Dove eine Kampagne mitkonzipiert. Ganz normale Frauen verschiedener Altersgruppen und mit Nicht-Model-Körpern werben da für Dove-Produkte. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg?
Orbach: Die Menschen sehnen sich nach etwas anderem. Ich glaube, am Anfang schauten sie auf die Dove-Plakate und dachten: "Was ist denn das? Da stimmt was nicht." Aber dann sehen sie es wieder und denken sich: "Oh, das ist aber wirklich einmal interessant." Es funktioniert wie eine Art Erleichterung.
Welche Vision steht dahinter?
Orbach: Meine Vision war: Ist es möglich, die Sehgewohnheiten zu verändern? Ich glaube allerdings, dass wir noch nicht sehr weit damit gekommen sind.

Julia Kospach in FALTER 26/2009 vom 26.06.2009 (S. 36)


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