Leben in Städten
Wie man den öffentlichen Raum untersucht

von Jan Gehl, Birgitte Svarre, Anton Falkeis

€ 29,95
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Vorwort: Gerald Bast
Verlag: Birkhäuser Verlag GmbH
Format: Taschenbuch
Genre: Kunst/Architektur
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.10.2016

Jan Gehls fast fünfzig Jahre umspannendes Werk untersucht die Wechselwirkung von öffentlichem Raum und öffentlichem Leben. Die Analyse des Lebens im öffentlichen Raum ist jedoch nicht nur eine Forschungsaufgabe, sondern auch ein politisches Werkzeug: mit seiner Hilfe lassen sich Veränderungen über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentieren und die Bedingungen zur Verbesserung der urbanen Lebensqualität schaffen. Der Bestseller „How to study public life" von Jan Gehl und Birgitte Bundesen-Svarre liegt nun erstmals als deutschsprachige Ausgabe vor. Sie liefert wertvolle Anregungen, wie wir unsere Städte im 21. Jahrhundert attraktiver, nachhaltiger, sicherer und gesünder machen können. Jan Gehl, Birgitte Bundesen-Svarre: Gehl Architects, Kopenhagen, Dänemark Anton Falkeis, Univ. f. angew. Kunst Wien, Österreich.

Rezension aus FALTER 41/2016

Sehen, was Menschen in der Stadt mögen

Architektur: Jan Gehl widmet sich dem Raum zwischen Gebäuden und hat Rezepte für eine lebenswerte Stadt

Was haben die Seestadt Aspern und der Times Square gemeinsam? Bei beiden hatte ein Däne seine Finger im Spiel. Der 1936 geborene Architekt Jan Gehl konzipierte die Verwandlung des motorisierten Verkehrsgewühls in eine Sitzoase mitten in Manhattan, und seine „Partitur des öffentlichen Raumes“, eine Art Handbuch für die Gestaltung des Straßenraums, ist eines der wesentlichen Grund­elemente der neugegründeten Stadt auf dem Asperner Flugfeld.
In seiner Heimatstadt Kopenhagen gilt Gehl als Pionier der lebenswerten Stadt, wohin heute Bürgermeister aus aller Welt pilgern, um sich Radwege, Begegnungs­zonen und Straßencafés anzuschauen.

Seit fast 50 Jahren widmet sich Jan Gehl schon dem öffentlichen Raum. Dabei verdankte er seinen Lebensweg mehreren Zufällen. Zum einen war es die knappe Haushalts­lage Ende der 1960er-Jahre, die dazu führte, dass der sogenannte Soringen, der bereits geplante Autobahnring um Kopenhagen, letztendlich nicht gebaut wurde – das damals zum Abriss freigegebene Viertel Vesterbro ist heute das beliebteste der Stadt.
Zum anderen war es ein Auftrag, der 1962 auf dem Tisch des jungen Architekten landete: Er möge doch bitte einfach ein Haus entwerfen, das gut für die Menschen sei. Was heute simpel und naheliegend klingt, stieß damals, am Höhepunkt der Moderne, auf Ratlosigkeit. Architektur hatte rational begründet zu sein und anerkannten ästhetischen Grundsätzen zu folgen. Aber woher sollte man denn wissen, was gut für die Menschen war?
Andere hätten die Anfrage vom Tisch gewischt, doch Gehl war von der ungewohnten Herangehensweise fasziniert. Das Haus, das er schließlich entwarf, ähnelte mehr einem kleinen Dorf. Es wurde nie gebaut, aber mit großer Resonanz publiziert und bildete den Grundstein für Gehls bis heute andauernde Karriere. Sein gemeinsam mit seiner Büropartnerin Birgitte Svarre herausgegebenes Buch „Leben in Städten“ stellt so etwas wie die Zusammenfassung dieser Karriere dar, ein Fazit aus über 50 Jahren Erfahrung.
Anders als die meisten Architektenkollegen war Gehl von Anfang an mehr vom Raum zwischen den Gebäuden fasziniert als von den Bauten selbst. Schon 1965 fertigte er auf einer ausgedehnten Italien-Reise Skizzen von Straßen und Piazzas an und versuchte herauszufinden, warum diese bis heute so gut funktionieren.
In Zusammenarbeit mit seiner Frau, der Psychologin Ingrid Gehl, wurden die Analysen des Zusammenhangs von Mensch und Raum vertieft. Heute ist Gehl weltweit als Experte für die Reanimation von Städten gefragt, von Moskau über Melbourne bis ins chinesische Chongqing. Bei allem Pionierstolz vergisst er nicht, die internationalen Weggefährten im Kampf um den lebenswerten öffentlichen Raum zu würdigen.
Bevor es Mitte der 1970er-Jahre nach dem Ölschock zu einem Umdenken, weg von der autogerechten Stadt kam, konnte man diese Pioniere mehr oder weniger an einer Hand abzählen: Da gab es Gordon Cullen in England oder Jane Jacobs in New York, die sich erfolgreich für den Erhalt von Greenwich Village einsetzte.

Dabei geht es Gehl weniger um das Abfeiern von Erfolgen als um das Erklären von Methoden und das Formulieren von Fragen. Kann man überhaupt eine lebendige Stadt planen? Wie schafft man es, Möglichkeitsräume offenzuhalten? Sowie um die Kernfrage: Wie hängen öffentlicher Raum und öffentliches Leben zusammen?
Die Antworten sind überraschend pragmatisch und fern jedes urbanistischen Theoretisierens. Man muss einfach nur genau hinschauen: Wie wird eine Sitzbank benutzt, wo und wie schnell gehen Leute über einen Platz, wo bleiben sie stehen? Das, was Jane Jacobs das „Gehsteigballett“ nannte, das Wahrnehmen mit den eigenen Sinnen, wurde in den 1960er-Jahren auch als bewusster Gegensatz zur technokratischen Analyse begriffen.
Gehl veröffentlichte diese Studien erstmals 1968 unter dem Titel „People on Foot“. Die Erkenntnisse daraus ließen sich zusammenfassen mit „sehen, was Menschen mögen“. Ein Wohlfühlurbanismus im besten Sinne, der heute längst etabliert ist, damals jedoch für viele naiv anmuten musste.
Wie und warum sich das änderte, verdeutlicht ein anschaulicher und leserfreundlicher Abriss der Stadtbaugeschichte der letzten Jahrzehnte, angefangen mit den gegensätzlichen Städtebauprinzipien von Camillo Sitte und Le Corbusier Anfang des 20. Jahrhunderts über die autogerechte und funktionsgetrennte Stadt bis zur Wiederentdeckung der Lebensqualität und dem bis heute andauernden Städtewettbewerb.

Als Wendepunkt identifizieren Gehl und Svarre den Wandel der Stadt Barcelona, die mit ihrer Platz- und Straßengestaltung in den 1990er-Jahren weltweit zum Vorbild wurde. In der Tat nahm vieles, was heute auf der Mariahilfer Straße oder am Times Square umgesetzt wurde, dort seinen Anfang.
Natürlich darf sich Gehl auch hier selbst ein Denkmal setzen, und der Vergleich von Straßenaufnahmen Kopenhagens in den 1950er-Jahren und heute spricht Bände. Wie ihm das gelang, wird in „Feldnotizen“ dokumentiert, die seine empirisch-emotionalen Stadtuntersuchungen in Bild, Text und Zeichnungen illustrieren.
Das hat durchaus den Charme eines etwas unaufgeräumten Skizzenbuches, und man hätte sich auch in den teils etwas simpel und redundant geratenen Erläuterungstexten mehr Details gewünscht. Letztendlich ist „Leben in Städten“ aber ein nützliches Handbuch für Stadtbewohner, Planer und Politiker geworden – und ein verdientes Geschenk eines Pioniers an sich selbst, pünktlich zum 80. Geburtstag. Den Auftrag, etwas Gutes für die Menschen zu schaffen, hat Gehl in großem Stil erfüllt.

Maik Novotny in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 47)


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