Sachbuch-BESTENLISTE Dezember 2021

Verteidigung des Geheimnisses

€ 20.6
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Muss man alles zeigen, alles sehen, sagen und kennen? Angesichts eines immer blinderen ­Vertrauens in den Nutzen von Wissen und Information und entgegen der scheinbar unabweisbaren Forderung nach Trans­parenz auf allen Gebieten, verteidigt Anne Dufourmantelle das Geheime, das Verborgene, das Ungewusste und Rätselhafte als unverzichtbare Ressource menschlicher Existenz. Ebenso behutsam wie eindringlich entwirft sie Elemente einer Ethik des Geheimnisses im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Kontrolle und privater Sphäre jedes Einzelnen.
 
Anne Dufourmantelles Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Geheimnis als Schutzmauer des Eigenen und lebenswichtige Quelle innerer Freiheit sowie ein Manifest für ein noch nicht entzaubertes Wissen als notwendiger Horizont einer umfassenderen Wahrheit.

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FALTER-Rezension

Ich und die anderen

Zwei neue Bücher erkunden das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Die Pandemie spielt dabei keine Rolle

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie bedeuteten den seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs radikalsten Bruch im Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Freiheit und Selbstbestimmung wurden mit den Menschen in den Lockdown geschickt. Selbstisolierung und Solidarität lauteten die Wörter der Stunde. Die Verbindung mit anderen erhielt eine unheilvolle Konnotation – Stichwort: Ansteckung –, und die derzeitige Impfkampagne stellt die Bedürfnisse des Kollektivs ein weiteres Mal über die Entscheidung des Einzelnen. Auch in Hinblick auf die Klimakrise scheint es notwendig, die Handlungsoptionen des Einzelnen im Namen des Überlebens der Menschheit zu beschränken. Neigt sich das Zeitalter des Individualismus seinem Ende zu? Diese Frage mag verfrüht sein. Aber sie kann als Anlass dazu dienen, die komplexe Beziehung des Ichs zur den anderen einer Überprüfung zu unterziehen.

Zwei neue Bücher tun das aus unterschiedlichen Blickwinkeln, ohne dabei auf Lösungen à la „Wie wir das Virus unter Kontrolle bringen“ oder „Wie wir den Planeten retten“ abzuzielen. Im Gegenteil, sie streifen – was der Lektüre zum Vorteil gereicht – diese alles dominierenden Themen nicht einmal.

Hier geht es zur Abwechslung einmal nicht um moralische Vorwürfe oder Maßnahmenvorschläge im Großen oder Kleinen, sondern schlicht um die Reflexion eines Themas, das die Kulturgeschichte von Anfang an begleitet. Der Autor hochgelobter Biografien Rüdiger Safranski tritt in „Einzeln sein“ eine Erkundungsreise durch die Geschichte der Philosophie an. Die Psychoanalytikerin und Philosophin Anne Dufourmantelle untersucht in „Verteidigung des Geheimnisses“ das Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und öffentlicher Kontrolle. „Einzeln sein bedeutet, dass man zwar immer irgendwo dazugehört, doch auch imstande ist, für sich allein stehen zu können, ohne seine Identität nur in einer Gruppe zu suchen oder seine Probleme nur auf die Gesellschaft abzuwälzen“, definiert Safranski seinen Untersuchungsgegenstand. In der Moderne begnüge sich der Einzelne, der auf seiner Eigenheit bestehe, aber nicht mit dem bloßen Dazugehören, er wolle auch in dem anerkannt werden, was ihn von den anderen unterscheide. Ein Dilemma.

Der Autor von Monografien über große Einzelne von E.T.A. Hoffmann über Schopenhauer, Goethe und Schiller bis zu Nietzsche, Heidegger und zuletzt Hölderlin wagt sich in seinem neuen Buch an Grundsatzfragen. Dabei will er aber weder eine durchgehende Geschichte erzählen noch eine Theorie aufstellen. „Das wäre wohl auch paradox, denn wenn man den Einzelnen wirklich ernst nimmt, dann gibt es eben nur Einzelfälle, die jeweils zu denken geben.“

Sein Denkfutter bezieht Safranski im Folgenden von den großen Denkern der Individualität. Der Paradigmenwechsel, sich als unverwechselbarer Einzelner zu fühlen, wurde für ihn in der Renaissance mit Künstlern wie Da Vinci und Michelangelo vollzogen. Begonnen hatte diese Entwicklung aber schon mit dem spätmittelalterlichen Nominalismus und dessen Motto: „Was existiert, ist individuell.“ Martin Luther revolutionierte nicht nur die Beziehung des Einzelnen zu Gott, sondern stellte sich mit den Worten „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ auch im Alleingang gegen die geballte Macht der katholischen Kirche und bewies damit, dass es nicht notwendigerweise die Mehrheit sein muss, die Recht hat. Mit dieser Selbstbehauptung erwarb er sich aber auch selbst Macht.

Zu Safranskis Lieblingsdenkern gehört Michel de Montaigne, der sich mit der Crux beschäftigte, dass es einfacher ist, mit anderen übereinzustimmen, als sich vom „Herdentrieb in unserem Inneren“ abzukehren und selbst zu denken. Tugend, meinte Montaigne, sei oft nur verkleidete Eitelkeit. Als Mittel zur Distanz von kollektiven Fanatismen propagierte Montaigne die Skepsis – und natürlich die Vernunft. Rousseau, Diderot, Stendhal und Kierkegaard bieten Safranski beileibe nicht so viel Stoff. Interessant wird es wieder bei Stirner, der einen radikalen Individualismus verfocht. „Man sollte, so Stirner, keinem dienstbar sein, noch nicht einmal den eigenen Gedanken, die man gestern gedacht hat.“ Diesen radikalen Selbstbesitz nannte Stirner Egoismus: „die eigene Existenz zu ergreifen und sie sich nicht rauben zu lassen von überindividuellen Instanzen“.

Denker wie Thoreau oder Emerson hingegen propagierten (zeitweiligen) Rückzug in die Natur als Ausdruck der Autonomie. In einer Demokratie, meint Thoreau, müsse sich der Einzelne zwar der Mehrheit beugen, aber er dürfe sein Gewissen nicht an der Wahlurne abgeben. Der Einzelne als Korrektiv: Die Menge, warnte Gustave le Bon in seinem Buch „Psychologie der Massen“, tendiere zu Sündenbockjagden und Verschwörungstheorien. „Nachahmung als Schwarmverhalten, Selbstbestimmung als Selbsttäuschung“, nennt Gabriel de Tarde diese Formen der kollektiven Verblendung.

In Safranskis erhellendem, gut lesbarem Buch fehlen abgesehen von einem Kapitel zu Ricarda Huch und Hannah Arendt die Beträge von Frauen – ein schweres Versäumnis. Auch Ahrendts Verteidigung der öffentlichen Debatte, der Ned O’Gorman in „Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten“ (2021) jüngst ein Denkmal gesetzt hat, kommt dabei zu kurz. Als lohnend erweisen sich hingegen Safranskis Reflexionen über Arendts Interpretation von Adolf Eichmann als dem Einzelnen, der sich weigerte, ein solcher zu sein, indem er sich zum „Rädchen und Schräubchen einer gigantischen Mordmaschine“ machte.

Dass Safranski ein Werk mit einer dermaßen aktuellen Thematik mit der „Seinsverdichtung“ eines Ernst Jünger enden lässt, befremdet zum Schluss vollends, und zwar so stark, dass man sich gerne zu Montaigne zurückwendet. „Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten“, zitiert Safranski diesen an einer Stelle, „ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen“ – und liefert damit eine formidable Überleitung zu Anne Dufourmantelles „Verteidigung des Geheimnisses“.

Von der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin, Jahrgang 1964, war zuletzt „Lob des Risikos. Ein Plädoyer für das Ungewisse“ (2018) erschienen. Sie starb 2017 bei dem Versuch, zwei Kinder vor dem Ertrinken zu retten – und stand so mit ihrem Leben für ihre Philosophie ein.

Dass Dufourmantelle sich nach ihrer Promotion im Fach Philosophie der Psychoanalyse zuwandte, hieß für sie, „sich auf die Seite des Geheimnisses zu begeben. Sich für das Halbdunkel zu entscheiden, für eine heimliche Reise in die Stille, für immer Migrant zu bleiben.“ In der Kindheit bedeute das Geheimnis eine Quelle des Schöpferischen, von Freiheit und Freude, meint Dufourmantelle, und genau deswegen hege unsere Zeit eine „regelrechte Aversion“ gegen diese Reserve. Dufourmantelle liegt es fern, das Geheimnis zu verklären oder sein toxisches Potenzial zu verschleiern. Lebenslügen und verschwiegene Familiengeschichten behindern, das belegt die Psychoanalytikerin auch anhand von Fallbeispielen aus der eigenen Praxis, die persönliche Entwicklung und gehören damit zu den Hauptthemen einer Therapie.

Wer ein Geheimnis hat, behält etwas für sich, aber ist nicht allein. „In gewissem Sinn ist man bei einem Geheimnis immer zu dritt: der Hüter, der Zeuge, der Ausgeschlossene. Diese wesensmäßige Dreiheit kann sich jederzeit entzünden, in Eifersucht, in Machtkämpfen.“ Die ersten Gedanken und Handlungen, die ein Kind nicht mit seinen Bezugspersonen teile, seien aber „entscheidende Wegmarken zu seiner Individuation“. Das Verhältnis zum Geheimnis definiert somit die Beziehung zu anderen Menschen, besonders Liebespartnern. „Wer die Lüste eines Menschen kennt, kommt seinem Geheimnis sehr nahe, der verfügt über die Macht, ihn zu beglücken und zu verwunden.“ Auf der anderen Seite gelte: „Alles über den anderen wissen zu wollen ist eine Krankheit, die zum langsamen Tod dessen führt, was man am meisten beschützen will. Ohne Phantasma ist keine Liebe von Dauer.“

Die Konsumgesellschaft verlange maximale Transparenz, um aus dem Menschen einen perfekt funktionierenden, das heißt steuerbaren Organismus zu machen. „Warum soll man keine Geheimnisse haben wollen? Um vor sich selbst zu verbergen, dass man kein Leben zu führen vermag, das welche hervorbringt – ein freies Leben?“, fragt Dufourmantelle. Transparenz, betont sie, sei nicht gleichbedeutend mit Wahrheit, denn es komme darauf an, wer die Daten interpretiere. In einer Demokratie führe die Forderung nach totaler Offenlegung des Geschäfts der Macht zu einem Dilemma. Um die an die Politiker delegierte Macht „unvoreingenommen ausüben zu können, dürfen die Gewählten nichts zu verbergen haben. Dabei weiß jeder, dass eine transparente Politik unmöglich ist, weil Macht zu ihrer Ausübung das Geheimnis pflegt.“ Sonst – könnte man hinzufügen – würden Demokratien auch nicht des Korrektivs des (Aufdeckungs-)Journalismus bedürfen.

Die Wissenschaft, stellt Dufourmantelle fest, ohne diesen Umstand bewerten zu wollen, mache aus dem Mysterium des Lebens und des Menschen ein zu lösendes Rätsel, und heute komme ihr eine Autorität zu wie einst nur der Philosophie und der Religion. Dufourmantelle ist nicht darauf aus, solche Widersprüche aufzulösen. Dem Geheimnis auf der Spur zu sein bedeutet für sie auch, es stehen zu lassen.

Das Geheimnis gehört für sie ins Reich der Ästhetik, dem auch nach dem Ende der Kindheit die Macht des Kreativen innewohnt. Dufourmantelle befürchtet, dass wir am „Beginn einer kleinen Eiszeit“ stünden, „einer Zeit steter und unmerklicher Anästhetisierung. Die Freizeit ist durchorganisiert und die Meinungen sind gesteuert, denn es soll bloß keine Überraschungen, Fehltritte oder größere Veränderungen geben.“ Die andere Seite der Medaille bildet ein „grassierender Verschwörungswahn“, eine paranoide Gesellschaft, die überall Geheimnisse sieht, auch dort, wo keine sind. Dufourmantelles kluge und nachdenklich machende „Verteidigung des Geheimnisses“ als Antiaufklärung lesen zu wollen, wäre verfehlt. „Nicht alles wissen zu wollen heißt nicht, nicht wissen zu wollen“, betont sie, sondern nur, nicht alles wissen zu müssen.

Kirstin Breitenfellner in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783035802184
Erscheinungsdatum 27.08.2021
Umfang 168 Seiten
Genre Sachbücher/Philosophie, Religion
Format Taschenbuch
Verlag Diaphanes
Übersetzung Luzia Gast
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