Leitfaden zum Abfackeln von Schriftstellerresidenzen

von Brock Clarke, Harry Rowohlt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kein & Aber
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 45/2008

Harry drückt dem Peter einen Pümpel in die Hand

Um den Erfolg eines Romans zu garantieren, müsse man diesen einfach nur mit "Übersetzt von Harry Rowohlt" betiteln. Ich glaube, es war Thomas Maurer, der diese sehr plausible Theorie aufgestellt hat. Der Hamburger Übersetzer, Kolumnist und Teilzeitschauspieler ("Lindenstraße") gehört zu den Privilegierten seiner Zunft, die es mit der ansonsten eher als mäßig glamourös geltendenen Translationstätigkeit zu hoher Popularität gebracht haben – unter anderem, indem er Flann O'Brien, Frank McCourt oder David Sedaris ins Deutsche übertragen hat.
"Übersetzt von Harry Rowohlt" steht auch auf dem Cover des Romans "Leitfaden zum Abfackeln von Schriftstellerresidenzen" von Brock Clarke, dessen Bücher bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden waren. Der Originaltitel lautet "An Arsonist's Guide to Writers' Homes in New England", und schon der zarte Zugewinn an umgangssprachlicher Launigkeit, die durch die Verwendung des Verbs "abfackeln" erzielt wird, ist symptomatisch: "Übersetzt von Harry Rowohlt" bedeutet auch – mit einem Löffel Butter mehr.
"Leitfaden zum Abfackeln von Schriftstellerresidenzen" ist aber auch ein entsprechend üppiges Gericht. Sein Protagonist und Ich-Erzähler, Sam Pulsifier, hat eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgesessen, weil er in juvenilem Alter das Emily-Dickinson-Haus in Amherst, Massachusetts, niedergebrannt hat – aus Versehen", wie er immer wieder betont. Der Versuch, mit Frau und Kindern ein neues, beschaulich kleinstädtisches Leben zu führen, geht grausam schief, sobald Sam erkannt wird – ausgerechnet von dem Mann, dessen Eltern seinerzeit bei dem Brand ums Leben gekommen waren. Der rächt sich an Sam, indem er dessen Frau mit der bislang verschwiegenen Vergangenheit des unfreiwilligen Brandstifters konfrontiert. Und dann gibt es noch einen Karton voller Briefe von Leuten, die Sam dazu anstiften wollen, weitere Schriftstellerresidenzen abzufackeln. Als dann tatsächlich jemand versucht, das Edward-Bellamy-Haus und das Mark-Twain-Haus – auf eher dilettantische Weise – in Brand zu setzen, ist Sam für die Polizei, die von den Briefen weiß, natürlich der Hauptverdächtige.

Die Handlung des Romans ist ebenso abstrus wie die Psychologie der Figuren; wegen seines Plots, dem eine mäßig spannende und nicht besonders überzeugend aufgelöste Whodunnit-Konstruktion zugrunde liegt, muss man ihn gewiss nicht lesen. Genau das aber macht ihn für Übersetzer interessant: Denn der Reiz des Buches liegt – sieht man von der schieren, zuweilen auch übertriebenen Skurrilität einiger Szenen ab – allein in der Sprache. In einem zu exzessiven Vergleichen neigenden, hoch­elaborierten Idiom erzählt Sam von seinem traurigen Schicksal, und die widersprüchliche Mischung aus Nai­vität und unterspielter Selbstironie, in der er dies tut, entwickelt einen beträchtlichen Charme: "Wenn Traurigkeit Kampfsport wäre, hätte ich den Kreisligarekord gebrochen."
Im Vergleich zum Englischen, dessen Partizipalkonstruktionen sich meist nicht eins zu eins übertragen lassen, ist das Deutsche von einer gewissen Umständlichkeit, was sich unvermeidlich in einem höheren Seitenumfang manifestiert. Das ist naturgemäß auch hier der Fall: Die amerikanische Ausgabe ist um gut 100 Seiten schlanker. Nun ist Harry Rowohlt gewiss nicht der Übersetzer, der eine hübsche Wendung oder ein pfiffiges Wortspiel der Ökonomie der Wortwörtlichkeit opfern würde. Dennoch ist man dann immer wieder darüber erstaunt, wie straight seine Übersetzung sein kann: Das "Quetschkommodenfestival" ist tatsächlich ein "squeeze-box festival", und "die am wenigsten unauffällige Überwachung in der gesamten Überwachungsgeschichte" ist im Original um nichts weniger umständlich: "probably the least inconspicuous surveillance in the history of surveillance".
Ganz kann der Übersetzer die etwas selbstgefällige Neigung, den Text mit Rowohltismen hochzujazzen, nicht im Zaum halten: Ob das Wort "Klapsrat" (als Übertragung von "shrink" – also in etwa: Kopfdoktor) vor ihm schon mal jemand anderer verwendet hat, sei dahingestellt. An einer Stelle wird gar ein Synonym hinzugefügt, um ein Wort zu erklären, das wohl wirklich nur Harry Rowohlt kennt. So wird das lakonische "it was a plunger" (den ein gewisser Peter in Händen hält) im Deutschen zu: "Es war ein Pümpel, eine Gummisaugglocke am Stiel." Sei's drum, man hat ja auch seinen Spaß an solchen logorrhoischen Manierismen und daran, wenn die "bond analysts" als "die festverzinslichen Wertpapieranalysten" daherkommen.

Nachgerade genial ist ­Rowohl­ts Übersetzung dort, wo sie sehr leger über die Konventionen des Deutschen hinweggeht und den ein oder anderen Anglizismus riskiert – der in diesem Kontext aber überhaupt nicht stört. Schon der Satz "Ich fing wirklich an, den Typ nicht zu mögen" ("to dislike that guy") ist – beckmesserisch betrachtet – nicht ganz astrein, die englische Verwendung von "plus" im Satz "plus, I'd just started growing a beard" einfach beizubehalten zumindest kühn: "plus hatte ich gerade begonnen, mir einen Bart wachsen zu lassen". Das onomatopoetische, im Englischen aber absolut gebräuchliche "to shush" hat im Deutschen keine Entsprechung. Auch wurscht, dann erfindet man eben eine: "Als Kind war ich zu oft von zu vielen ­knochigen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in Strickpullis zu Tode pschtet worden."
Dreistigkeit ist ja oft die einzige Möglichkeit, die einem bleibt. Was soll man mit einem Akademiker, der mit Südappalachenkolloquialismen um sich wirft, im Deutschen auch anstellen? "My mother could make a poultice out of the sap of a piney tree that could take away your toothache before you even knew you had one, buddy-ro." Buddy-ro??! Ganz klarer Fall: "Meine Mutter konnte aus dem Saft der Kiefer einen Wickel machen, der einem den Zahnschmerz kurierte, bevor man wusste, dass man ihn hatte, Sie Geselle, Sie."

Klaus Nüchtern in FALTER 45/2008 vom 07.11.2008 (S. 35)


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