Der leuchtend blaue Faden

von Anne Tyler

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Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Verlag: Kein & Aber
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Oh Familie, oh Schutz vor ihr!

Dialogmeisterin Anne Tyler seziert in "Der leuchtend blaue Faden" fesselnd ein Großfamilienleben

Anne Tyler ist die große Unbekannte unter den US-amerikanischen Literaturstars. Die 74-Jährige gilt als "legendär scheu". Sie hat so gut wie alle wichtigen anglo-amerikanischen Literaturpreise bekommen, ihre Bücher verkaufen sich millionenfach, sie wurde verfilmt, Leser und Kritik lieben sie gleichermaßen.
Sie selbst aber entzieht sich bis fast zur völligen Unsichtbarkeit: nichts als ein in Eleganz gealtertes Fotogesicht auf Buchumschlägen und kaum ein halbes Dutzend Interviews in fünf Jahrzehnten. Selbst als sie 1989 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, kam sie nicht selbst, sondern schickte ihre Lektorin. Wenn sie über ihr Schreiben Auskunft geben solle, so Tyler, falle ihr das Schreiben danach gleich eine Zeitlang schwerer.

Anne Tyler bleibt lieber privat – persönlich und in der Themenwahl. Rituale und Gleichmaß prägen Tylers Alltag in Baltimore, Maryland, wo sie seit langem lebt und wo auch alle ihre Romane spielen. Ihr Baltimore ist nicht das kriminalitätsversehrte, heruntergewirtschaftete Baltimore der US-TV-Serie "The Wire" und auch nicht das der intellektuellen Elite der Johns Hopkins University.
Es ist das Baltimore der kleinen Dinge und kleinen Leben, in denen Familie und Beziehungsbande im Mittelpunkt stehen. Tylers Mittelstandshelden sind bis zum Hals im verworrenen, Generationen umspannenden Geflecht von Familienbanden verheddert, ihre Identität bezieht sich im Guten wie im Schlechten aus diesen Banden und sie fragen sich – so es ihnen überhaupt gelingt oder erstrebenswert scheint loszukommen – verwirrt, wie zum Teufel sie zu einer eigenen Identität finden sollen, wenn sie diese nicht mehr täglich neu aus der Quelle ihrer Herkunftsgeschichte speisen können.
Nicht anders geht es den Mitgliedern der Familie Whitshank, deren Geschichte Anne Tyler in "Der leuchtend blaue Faden" erzählt. Da ist das Großelternpaar Red und Abby, deren erwachsene Töchter Amanda und Jeannie und deren Söhne Stem und Denny, wobei Letzterer schon seit Teenagertagen mit Bravour die Doppelrolle des schwarzen Schafes und verlorenen Sohnes spielt. "Sie besaßen", schreibt Anne Tyler, "das Talent so zu tun, als ob alles bestens wäre", was sie durchaus nicht zur Ausnahme macht.
Insgesamt passiert in diesem grandiosen Roman nicht viel, schon gar nichts, was über das Maß dessen hinausginge, das jeder von uns im Lauf seines Leben erleben wird oder könnte: Streit auf Familienfeiern, gemeinsamer Strandurlaub im Sommer, größer werdende Kinder und Enkel, Ehe-Auf und Ehe-Ab, beunruhigend alternde Eltern, Erinnerungen und Wiederholungen, Dutzende Male erzählte Familienanekdoten – im Fall der Whitshanks beziehen sich diese vor allem auf Reds Vater Junior.
Bühne dieses Roman-Kammerspiels ist das Familienhaus der Whitshanks, das nicht weniger Persönlichkeit besitzt als die handelnden Personen. Wie so oft bei Tyler ist es weniger die Geschichte selbst, die so fesselt, als die Art, wie sie erzählt ist. Die komplexe Romanstruktur mit ihren souveränen Zeitsprüngen ist allein schon ­aufregend. Dazu kommen Tylers Dialoge, von deren Kunst schon oft geschwärmt worden ist.

Einmal mehr bleibt einem der Mund offen vor Bewunderung, mit welcher unaufgesetzten Präzision ihre Dialoge winzige Stimmungsnuancen wiedergeben oder auslösen können und wie stark sich das beim Lesen vermittelt. Allein die zehn Seiten Dialog, mit denen der Roman beginnt, qualifizieren ihn für den besten Buchanfang des Jahres.
Tyler ist eine Virtuosin, die aus der Jahrzehnte umspannenden Oberflächenbeschreibung banalen Großfamilienalltags die Tiefenstruktur herausarbeitet, die aus etwas ganz anderem, nämlich den Gefühlen ihrer Figuren besteht: aus Schmerz und Kränkung, einseitiger Liebe und Missverständnissen, Kompromissen und Erinnerungen, Fehlentscheidungen und kleinen Lügen, Zorn, Heiterkeit, Langeweile und – wie immer in Familien – sehr viel Eifersucht.
Nichts wird behauptet, alles tritt einfach zutage. Das ist das Großartige an Anne Tyler. Es wirkt, als wäre es nichts, dabei ist es höchste Kunst und will einen nicht loslassen.

Julia Kospach in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 15)


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