Interessengebiet

von Martin Amis

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Werner Schmitz
Verlag: Kein & Aber
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.08.2015


Rezension aus FALTER 36/2015

She has a glorious Hinterteil, but this novel ain’t really geil

Martin Amis’ Nazi-Roman „Interessengebiet“ mixt Fakten und Fiktion, erscheint aber nicht im angestammten Verlag. Skandal? Ach, wo!

Fickende Nazis gehen immer. Noch besser sind Arsch- und Schwesternficker. Die hat Jonathan Littell mit seiner 2006 im französischen Original erschienenen Schwarte „Die Wohlgesinnten“ allerdings schon „weggeschrieben“, sodass der Brite Martin Amis die Tabuüberschreitungsschraube nicht wirklich noch weiter drehen konnte. „Littell kann man nicht überlittelln“, mag er sich gedacht haben und hat bei „Interessengebiet“ die Kombination historischer mit erfundenen Persönlichkeiten sowie die Täterperspektive übernommen, es aber bei 400 Seiten bewenden lassen. Und beim Sex scheint ihn der Ehrgeiz überhaupt sehr schnell verlassen zu haben.
Dabei beginnt es eigentlich recht vielversprechend. Ein gewisser Golo Thomsen, ein Neffe von Reichsminister Martin Bormann – 1,90 groß, frostig weißes Haar, aggressives Kinn und „Schenkel massiv wie Schiffsmasten“ – hat ein Auge auf Hannah geworfen. Die ist die Frau von Paul Doll, dem KZ-Kommandanten und entspricht „dem völkischen Ideal junger Weiblichkeit.“
„Dank meiner physischen Erscheinung“, so das süffige Bekenntnis Thomsens, der eventuell auch ein inzestuöses Verhältnis mit seiner etwas dümmlichen, aber äußerst fruchtbaren Tante Gerda (Bormann) unterhielt, „hatte ich umfassende geschlechtliche Erfahrung mit diesem Typus. Ich hatte gar manches dreilagige Dirndl hochgerissen und entfaltet, gar manchen molligen Wollschlüpfer abgestreift, gar manchen genagelten Holzschuh über meine Schulter geworfen.“

Was so klingt, als hätte Quentin Tarantino beschlossen, Wirtinnenfilme zu drehen, entwickelt sich zu einer schwachbrüstigen Reflexion über die tausendfach gestellte Frage, warum der Nationalsozialismus so grausam, irrsinnig und rational war, wie er bekanntermaßen gewesen ist. Amis’ französischer und deutscher Verlag, Gallimard und Hanser – allemal erste Häuser also – haben sich geweigert, „Zone of Interest“ (2014) herauszubringen. Das klingt irgendwie nach Skandal, aber das Einzige, worüber man sich ernsthaft ereifern kann, ist die bescheidene literarische Qualität des Romans.
Kaum eine der Rezensionen des englischen Originals kommt ohne den Verweis auf Hannah Arendts Schlagwort von der „Banalität des Bösen“ aus. Das lässt befürchten, Amis habe lediglich bekannte Einsichten mit neuen Figuren und Fiktionen behängt, und genauso ist es. Der coole Ladykiller Thomsen, der in Hannah zunächst nur „einen großen Fick“ erblickt, entpuppt sich mäßig glaubwürdig als kultivierter Widerständler light, der Auden rezitiert und Arbeiten von Kandinsky und Klee besitzt. Außerdem liebt er es, blumig-maniriert daherzureden.
Überhaupt manifestiert sich der literarische Ehrgeiz des Autors primär darin, seine einander nach Dienstvorschrift abwechselnden Erzähler mit ein paar stilistischen Marotten auszustatten. Der zugleich verklemmte und verhuscht-promiskuitive Doll etwa, der bei seiner ungeniert Feindsender hörenden Frau schon längst keinen Stich mehr macht, wird mit der Schrulle ausgestattet, sämtliche Zahlen in Ziffern anzuschreiben.
Doll ist zwangsneurotischer, hundertprozentiger Nazi, der die Vernichtung sturheil exekutiert und die Zweifel, die ihn anfechten – „Ach, warum all der Dreck, der Sumpf, der Schleim? Warum machen wir den Schnee braun? Warum tun wir das?“ –, in Alkohol ertränkt. Dass der reale Kommandant von Treblinka, Kurt Franz, bei den jüdischen Häftlingen den Spitznamen „Lalka“ (polnisch für „Puppe“) trug, ist einer der anspielungsreichen Witzchen, für die Amis ein Faible hat. Er kann es sich auch nicht verkneifen, Doll ein paar verhunzte Celan-Paraphrasen in den Mund zu legen: „Er spielt mit seiner Viper, er spielt und spielt. Dunkelheit ist ein Meister aus Deutschland.“

Frivol ist dergleichen nicht nur aus offenkundigen Gründen, sondern auch, weil es völlig funktionslos ist. Das Buch hat eine schlichte – und, nebstbei, fragwürdige – These, nämlich dass das KZ ein Spiegel sei, der das wahre Wesen der Menschen enthülle. Als Erstes formuliert dies der – neben Thomsen und Doll – dritte Erzähler, ein Gefangener, der als „Sonder“ an der Rampe für die möglichst reibungslose „Selektierung“ der angelieferten Gefangenen zu sorgen hat. Außerdem hat er darauf zu achten, dass die zynische, von der KZ-Leitung aufrechterhaltene Fiktion – „Wir entschuldigen uns für das Fehlen sanitärer Einrichtungen in den Güterwagen. Umso mehr Grund für eine warme Dusche und leichte Desinfektionsmaßnahmen“ – nicht auffliegt.
Dieser Szmul, ein polnischer Jude, der seine Auslöschung nicht verhindern, bloß aufschieben kann – „Wir sind nicht nur die traurigsten Männer, die jemals gelebt haben, sondern auch die widerwärtigsten“ –, wird von Doll zugleich verachtet und erpresst. Szmuls Perspektive sind etwas mehr als 30 von über 400 Seiten gewidmet.
Im ausführlichen „Dank und Nachwort“ ist Amis sichtlich bemüht, seine Lauterkeit und Seriosität zu beteuern: Offenbar hat er Festmeter an Fachliteratur gelesen. Die entsprechende Info wird dann recht ungelenk und -motiviert in die Figurenrede montiert. Apropos Montage: Im Original wird der Fun-Factor durch umlautlose Germanismen erhöht: „She’s short in the Unterschenkel, Alisz, but she has a glorious Hinterteil.“ Bruhaha. Auch als Humorist ist Amis ein Inglorious Basterd.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2015 vom 04.09.2015 (S. 29)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen