Das Buch der seltsamen neuen Dinge

von Michel Faber

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Übersetzung: Malte Krutzsch
Übersetzung: Malte Krutzsch
Verlag: Kein & Aber
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 688 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2018


Rezension aus FALTER 14/2018

Zwei  Menschen,  zwei  Planeten

In „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ schickt Michel Faber einen Pfarrer ins Weltall, um von Liebe und Schmerz zu erzählen

Michel Faber ist ein Autor, auf den das Klischee, dass er in seiner eigenen Welt lebt, zutrifft. In seinem Fall meint es neben einer gewissen Zurückgezogenheit vor allem, dass er sich die Zeit, die es braucht, um mit seinen Büchern fertig zu werden, nimmt, ohne Zugeständnisse an den Literaturbetrieb zu machen. An „Das karmesinrote Blütenblatt“ (2002), einem tausendseitigen Roman über eine Pros­tituierte im viktorianischen London, arbeitete er 20 Jahre. Er verkaufte sich 1,4 Millionen Mal, machte ihn weltberühmt.
Dann wurde es ruhig. In „The Fire Gospel“ (2008) erzählte Faber den Prome­theus-Mythos neu, was in der Buchbranche nicht weiter beachtet wurde. Bis heute liegt keine deutsche Übersetzung vor. Als 2013 der auf seinem Debütroman „Die Weltenwandlerin“ (2000) basierende Film „Under the Skin“ mit Scarlett Johansson ins Kino kam, war der Ruhm des 1960 in den Niederlanden geborenen, in Australien aufgewachsenen und auf Englisch schreibenden Autors schon verblasst.
Er publiziert wenig und jedes Buch ist anders, wie „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ nun unterstreicht. Vier Jahre nach dem Original ist es endlich auf Deutsch erschienen. Mit diesem Roman, der zum Großteil im Weltall spielt und gleichzeitig eine der bewegendsten Liebesgeschichten der letzten Jahre ist, beweist Faber noch einmal seine Meisterschaft. Es soll sein letzter Roman sein, wie er erklärt hat.

Er handelt auch von einer Trennung. Und die komplizierte Entstehungsgeschichte wurde von einem Abschied überschattet: Faber begann den Roman als Reaktion auf 9/11, und was darauf folgte. Aus Zorn über die Dummheit der Menschen siedelte er ihn auf einem fremden Planeten namens Oasis an. Ursprünglich sollten alle handelnden Figuren Außerirdische sein. Dann erkrankte seine Frau Eva an Krebs. Er pflegte sie bis zu ihrem Tod, die Arbeit am Buch kam zwischenzeitlich zum Erliegen. Bevor sie starb, brachte sie ihren Mann noch dazu weiterzuschreiben, anfangs nur zehn Zeilen pro Tag.
Schließlich wurde aus dem Alien-Buch ein Roman darüber, was das Menschsein ausmacht – also über Liebe und Schmerz. Die Beziehung von Pastor Peter Leigh zu seiner Frau Bea ist eine große Love Story und beginnt ein bisschen kitschig. Bea hat den obdachlosen Kleinkriminellen und Drogensüchtigen aus der Gosse geholt. Auch den Weg zum Glauben hat die Krankenschwester ihm gewiesen. Jetzt, mit Mitte 30, steht Peter einer kleinen katholischen Gemeinde im Raum London vor, Bea unterstützt ihn, wo sie kann. Er ist ein guter, beliebter Gottesmann, weil er die Menschen mag und ihre Schwächen aus eigener Erfahrung kennt.
Es könnte kaum besser sein. Dann begeht Peter, wohl aus Eitelkeit, einen Fehler. Er lässt sich von einem Konzern, der auf Oasis eine Forschungsstation betreibt, als eine Art Weltraummissionar engagieren. Die Oasier, menschenähnliche, fürchterlich höfliche Geschöpfe schwer bestimmbaren Geschlechts und ohne Augen, empfangen ihn mit offenen Armen. Sie wollen mehr über die Bibel erfahren, die sie „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ nennen.
Peter wird von ihnen wie ein Gott verehrt und geht in dieser Rolle voll auf. Bea sieht derweil in England alles vor die Hunde gehen. In den Supermärkten gibt es kaum noch was zu kaufen, das Wetter wird immer extremer, marodierende Banden treiben ihr Unwesen. Über Briefe – bzw. intergalaktische E-Mails namens „Shoots“ – halten die beiden Kontakt. Zum ersten Mal sind sie länger voneinander getrennt. Es zeigt sich, dass Liebe eben doch nicht jede Distanz überwinden kann. Beas Ton wird bald verzweifelter, Peter antwortet ihr irgendwann nur noch aus schlechtem Gewissen.

Einer seiner Vorgänger auf Oasis ist ein Linguist, den der fade Alltag auf dem ziemlich langweiligen Planeten gaga gemacht hat. Oder vielleicht sieht er die Dinge auch klarer als alle anderen Konzernangestellten, die mit emotionslosem Pragmatismus daran arbeiten, Oasis für die Menschheit bewohnbar zu machen. „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ berührt viele Gebiete und erlaubt mannigfaltige Lesarten. In einem federleichten, völlig unangestrengten Ton ist es auch eine Meditation über Sprache.
Diese entpuppt sich wieder einmal als verräterisch. Um den Oasiern, die ihn durchaus verstehen und ein drolliges Pidgin-Englisch kultiviert haben, noch näher zu kommen, beschließt der Prediger, ihre Sprache zu erlernen. Die Briefe an seine Frau fallen ihm gleichzeitig immer schwerer, er verfällt in Floskeln. Die Kluft zwischen den Liebenden, die so lange alles im Leben miteinander geteilt haben, wächst.
„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist ein angenehm altmodisches Buch – nicht nur, was den Science-Fiction-Gehalt betrifft, der sich an Weltraumfilme aus den 70ern anlehnt. Das Erzähltempo ist eigentlich zu langsam für die heutige Zeit, aber man drosselt sich gern darauf runter. Nach der Lektüre hallen viele Fragen nach. Auch große: Wer sind wir? Wie lieben wir? Und wie soll es auf dem Planeten – wir sind wieder auf unserem – weitergehen? Für Michel Faber lässt sich die Frage beantworten: Gott sei Lob und Dank ist er nicht ganz verstummt. Mit „Undying“ schickte er dem Roman einen Band mit Gedichten über seine Frau hinterher.

Sebastian Fasthuber in FALTER 14/2018 vom 06.04.2018 (S. 35)


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