Frankissstein

Eine Liebesgeschichte
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Kurzbeschreibung des Verlags:

1816 schreibt Mary Shelley Frankenstein in den Schweizer Bergen. Zweihundert Jahre später, im heutigen Großbritannien, begegnen wir dem transgender Arzt Ry Shelley, der sich in Victor Stein, einen renommierten wie unergründlichen Experten für künstliche Intelligenz verliebt.
Klug und mit unvergleichlichem Witz verbindet Winterson diese beiden Erzählstränge zu einer höchst originellen Geschichte, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz und zwischen biologischer und sexueller Identität verschwinden – eine Geschichte über die Liebe und das Menschsein selbst.

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FALTER-Rezension

Frankenstein wird in die Gegenwart gebeamt

Jeanette Winterson verdrahtet Mary Shelleys „Frankenstein“ mit künstlicher Intelligenz, Sexbots und einem Transmann

Memphis, Tennessee, im Jahr 2018: Auf der „Robo-Tech-Expo“, einer Fachmesse für Künstliche Intelligenz, interviewt der Transmann Ry Shelley einen Sexbot-Produzenten namens Ron Lord. Kurz darauf lernt man Ry Shelleys Liebhaber Victor Stein kennen, einen KI-Fachmann, der menschliche Gehirne uploaden und vom Körper befreien will. Claire, eine evangelikale Christin, und die Journalistin Polly D., die Victors dubiosen Experimenten auf der Spur ist, kommen noch dazu, und damit wäre das gegenwärtige Personal aus Jeanette Wintersons Roman „Frankissstein“ komplett. Die Vergangenheit wird vertreten durch Mary Shelley, Verfasserin des weltberühmten Schauerromans, ihren Ehemann Percy B. Shelley, dessen Dichter-Freund Lord Byron, den Arzt Polidori und Claire, die Stiefschwester Mary Shelleys.

Die Geschichte dieses intellektuellen Zirkels erzählt Jeanette Winterson parallel zur Transhumanismus- und Transgender-Story, die mindestens so schauerromantisch wirkt wie die Romanvorlage von 1818. Welche Fäden von der Vergangenheit in die Gegenwart führen, machen die Namen unmissverständlich klar: aus Mary Shelley wird Ry Shelley, aus Viktor Frankenstein wird Victor Stein, aus Lord Byron wird Ron Lord, Claire bleibt Claire und aus Polidori wird Polly D. Nur das Monster, das als namenlose Missgeburt durch Mary Shelleys Roman marodiert, hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch keine klare Form. Oder vielmehr: Was eigentlich monströs ist – die Realität, die Fiktion, das künstlich verlängerte Leben oder das veränderte Geschlecht –, muss in der Gegenwart erst noch verhandelt werden.

Genau das hat Winterson auch vor, und wer jetzt einen literaturkritischen Standardvorwurf – reißbretthafte Figuren, Schematismus, Hirnlastigkeit! – erheben wollte, würde sich wahrscheinlich auch darüber beschweren, dass bei kubistischen Gruppenporträts keine Gesichter erkennbar sind. Ja, dieser Roman ist ziemlich artifiziell, seine Ideen sind vielleicht ein bisschen nachlässig ins Fleisch gewickelt, und gelegentlich ploppt ein schlampig verlötetes Gelenk aus der Geschichte. Aber damit denkt „Frankissstein“ nur das weiter, was „Frankenstein“ vorgibt: Mit Mary Shelleys Monstergeschichte taucht die Frage auf, was „Leben“ eigentlich sei. Der Gegensatz von Natürlichkeit und Künstlichkeit versteht sich nicht mehr von selbst.

Jeanette Winterson, seit ihrem Debütroman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ eine Ikone der britischen Queerkultur, schafft es tatsächlich, die Debatten des Shelley-Kreises mit neuer Sprengkraft aufzuladen. Ihre Mary denkt über Galvanis zuckende Froschschenkel nach, man spricht über den Homunkulus – und über die Ludditen, die Maschinenzerstörer. Sie sind der Fleisch gewordene Beweis dafür, dass Menschen zu Maschinen degradiert werden können: „Mit meinem Vater hatte ich eine Manufaktur in Manchester besucht“, erzählt Mary Shelley. „Dort sah ich, dass die Bewegungen dieser elenden Kreaturen, die praktisch Sklaven der Maschinen sind, ebenso repetitiv waren wie die der Maschinen. Sie unterschieden sich nur dadurch, dass sie unglücklich waren.“

Dass auch die Gegenwart wieder nach Manchester führt, ist nur eine der bizarren Pointen dieses Romans: Victor Stein hat dort ein unterirdisches Geheimlabor im alten Weltkriegs-Computerzentrum der Stadt. Zu Forschungszwecken konstruiert der „mad scientist“ menschliche Hände, die wie Vogelspinnen vor sich hin krabbeln. Vor allem aber will er das Gehirn von I. J. Good wiederbeleben, KI-Visionär und Kollege Alan Turings. Das Hirn soll als reiner Geistesinhalt auferstehen: „Frei vom Körper zu sein wäre die Vervollständigung des menschlichen Traums“, glaubt Victor. Mit seiner Geistfixierung stellt der Forscher vor allem eins unter Beweis: einen tief sitzenden Materieekel.

Aber nicht nur in der Transhumanismus-, sondern auch in der Transgender-Frage erweist sich Victor als fataler Falschversteher menschlicher Emanzipationsversuche. An seinem Geliebten Ry Shelley ist er nur interessiert, weil er im Transmenschen einen Helden der Zukunft sieht, einen autonomen Ich-Designer. Ry ist aber weder selbstherrlich noch materiefeindlich – und ähnelt damit seiner Vorläuferin Mary Shelley. Auch wenn „Frankissstein“ manchmal in den Klamauk abdriftet (der Sexbot-Hersteller entwickelt eine Gummipuppe für Christen), besteht Wintersons Verdienst genau darin: die Leib-Seele-Verdrahtungen unserer vermeintlich superpostmodernen Gegenwart offengelegt zu haben.

Jutta Person in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783036958101
Ausgabe 1. Auflage, neue Ausgabe
Erscheinungsdatum 08.10.2019
Umfang 400 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Kein & Aber
Übersetzung Michaela Grabinger, Brigitte Walitzek
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