Die Herrenwitz-Variationen
Humorzeichnungen

von Nicolas Mahler

€ 18,60
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Verlag: Edition Moderne
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Comic, Cartoon, Humor, Satire/Comic
Umfang: 80 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 5/2009

"Wird schon Kunst sein, irgendwie"

Wie begegnet man einem Menschen, dessen Leben in fast allen seinen Publikationen autobiografisch ausgebreitet wurde? Kann man einem Künstler wie Nicolas Mahler überhaupt vorurteilsfrei gegenübertreten und ein differenziertes Porträt schreiben, wenn man doch eh schon alles aus seinen Comics und Cartoons erfahren hat?

Nicolas Mahler lebt bei seiner Mutter, hat zu Heizdecken einen stärkeren erotischen Bezug als zu Frauen, hängt mit seinen Nerd-Freunden in der Comicszene ab und verweigert sich konsequent jedem Kunstestablishment. Darf man diesem Eindruck trauen, oder gilt hier Friedrich Schillers Aphorismus "Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen"?
Wer also ist dieser Künstler, dessen Werk vielfältiger und erfolgreicher ist, als es seine sehr bescheidene Selbstinszenierung vermuten ließe. Mahler hat mehr als 40 Publikationen und vier Trickfilme veröffentlicht; er macht Skulpturen, Cartoons und Zeitungsstrips, hat Siebdruckeditionen, Kinderbücher, zwei Hörspiele sowie zwei Bühnenadaptionen herausgebracht und ist Gründungsmitglied des Kabinetts für Wort und Bild im Wiener Museumsquartier.
Eine Verabredung mit Nicolas Mahler beginnt mit der grundsätzlichen Frage, warum man denn überhaupt ein Porträt über ihn schreiben wolle, und setzt sich mit selbstironischer Koketterie fort: "Das wird ja wohl nicht lang dauern."
Wir treffen uns im Café Westend, und Mahler ragt selbst im Sitzen aus der Menge heraus: Fast zwei Meter groß, dünn, mit markanter Nase und dominanter Brille, erscheint er wie die lebensgetreue Vorlage seiner Strichzeichnungen.
Wir klären die Basics: Nein, er besitze keine Heizdecke, und nein, er lebe nicht bei seiner Mutter, sondern mit Frau und Kind. Auch sieht er sich nicht als Teil einer Szene, vor dieser grusle es ihn eher. Und seine Vita entspricht nur insofern einem österreichischen Künstlerschicksal, als er zuerst im Ausland erfolgreich sein musste, um in der Heimat anerkannt zu werden.
Mitte der 90er-Jahre gründete er mit Heinz Wolf den Eigenverlag Edition Brunft und veröffentlichte dort seine ersten, dem späteren Stil noch nicht ganz entsprechenden Zeichnungen. Dazu mietete er Am Graben, neben dem Café Europa, einen leerstehenden Automaten, über den die "bunten Bändchen" vertrieben wurden. Mit "Flaschko" schuf er einen Antihelden, der in seiner Heizdecke – einem quasi vaginalen Geburtskanal – feststeckt und sich dabei der Welt in kafkaesk-existenziellen Dialogen mit seiner Mutter verweigert.
Der wirkliche Erfolg stellte sich aber erst ein, als Mahler in Frankreich beim renommierten Comic-Verlag L'association vorstellig wurde und dieser den poetischen Charme seiner Geschichten erkannte. Seitdem sind auf Französisch von ihm über 20 "bandes dessinées" erschienen, auf Deutsch etwas über zehn.

Mahler versprüht den diskreten Charme einer Kunstbohème, die ein Leben mit finanziellen Sorgen, Selbstzweifeln und dem Kampf gegen die Absurditäten des Alltags führt. 2003 erschien "Kunsttheorie versus Frau Goldgruber" als Katalog zu einer Ausstellung in der Galerie der Stadt Wels. Mit seinem zu diesem Zeitpunkt bereits zu maximaler Reduktion entwickelten "minimahlistischen" Zeichenstil erzählt Mahler Episoden aus seinem ebenso leidvollen wie absurden Leben als Künstler. Frau Goldgruber, eine tatsächlich real existierende Finanzbeamtin, zwingt ihn dabei in eine peinliche Erörterung über das Wesen von Kunst ("mit so was kann man eh nix verdienen …") und kommt zum Schluss, dass das Mahler'sche Schaffen auch aus steuertechnischer Sicht "wohl irgendwie Kunst sein wird".
"Alles wahr", sagt Mahler, der der Beamtin nach Veröffentlichung die Publikation zusenden wollte. Doch diese – von einem Kollegen über ihre buchtitelgebende Rolle informiert – hätte "mit Grabesstimme" abgelehnt.
So wirklich, wie sich alle seine Geschichten zugetragen haben sollen, zweifelt man anfangs doch stark, ob sie nicht vielleicht mehr Pointen als Tatsachen enthalten. Etwa wenn Mahler erzählt, dass er seine erste Auszeichnung in der Cartoonisten-Subkategorie für den "Besten Autowitz des Jahres" erhalten habe. Nach drei Jahren wurde der Preis mangels neuer Autowitzzeichner eingestellt.
Den ihm 2006 für "Das Unbehagen" verliehenen, höchst renommierten Max-und-Moritz-Preis für die beste deutschsprachige Comicpublikation, kommentiert er lakonisch: "Naja, der war ja undotiert." Anders als Künstler, die ihr bemühtes Schaffen mit dem Luther'schen Spruch "Ich stehe hier und kann nicht anders" rechtfertigen, konterkariert Mahler diese Attitüde durch schlichte Erweiterung von "nicht" auf "nichts" und rät für eine Künstlerlaufbahn: "Am besten ist natürlich, wenn man sonst nichts anderes kann."

Eine Ausbildung als Zeichner hat er nicht. Abgebrochene Studien an der Filmakademie und an der Akademie für angewandte Kunst werden in seinen selbstreferenziellen Publikationen weidlich ausgeschlachtet, doch hinter dem vordergründig bildungskritischen Kommentar blitzt die Erkenntnis hervor, dass man seinen Weg als Künstler nur dann macht, wenn man durch die Verlockungen einer gutbezahlten Existenz als Werbegrafiker oder durch andere Nebeneinkommen gar nicht erst von seinem Ziel abgelenkt wird.
Mahler verweigert sich scheinbar jedem Erfolg, kritisiert den Kunstbetrieb und hadert vor Publikum mit einer grundsätzlich absurden Welt. In einem Umfeld, wo jeder Debütant bereits lauthals seinen Anspruch auf den Titel "Superstar" erhebt, wirkt Zurückhaltung doppelt.
Doch ganz so nebenbei und zufällig ist Mahler nicht zu die Landesgrenzen überschreitender Bekanntheit gekommen. "Er tut zwar so, als ob er nicht ehrgeizig wäre, ist es aber", meint ein Zeichnerkollege. Mahlers Netzwerk reicht mittlerweile bis Nordamerika und besteht nicht in erster Linie aus typischen Comicfans, sondern verästelt sich zunehmend auch durch Wahrnehmung seitens der Kunstkritik.

Seine Obsession sei das Buchmachen, erzählt Mahler. Sein Erfolg würde ihm mittlerweile ermöglichen, jedes Buchprojekt auch mit Unterstützung durch große Verlagshäuser zu realisieren. Im Herbst soll eine neue Publikation beim Branchenriesen Carlsen erscheinen, der ihm erlaube, alle seine Vorstellungen über die Gestaltung vom Buchdeckel bis zur handschriftlichen Typografie eins zu eins umzusetzen.
Ob sich jetzt bei ihm auch der wirtschaftliche Erfolg einstelle? Darüber möge er nicht so viel und schon gar nicht öffentlich sprechen, antwortet Mahler und gleicht seine Mimik dem unergründlichen Ausdruck seiner Figuren an. Und fügt dann nach angemessener Pause hinzu: "Auch wenn Frau Goldgruber inzwischen meinen Steuerakt an einen Kollegen abgetreten hat."

Peter Iwaniewicz in FALTER 5/2009 vom 30.01.2009 (S. 31)


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