Wellness rettet den Bindestrich

von Max Goldt, Stefan Katz

€ 24,70
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Verlag: Edition Moderne
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Comic, Cartoon, Humor, Satire/Comic
Umfang: 64 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 19/2009

Wie auch in seinen anderen Hervorbringungen (jetzt oder später bitte nach rechts blicken!) neigt Max Goldt in seiner Kooperation mit Zeichner Stephan Katz ("The duo who does what duos should do" besteht seit 1996) zu fröhlicher Verausgabung, ornamentaler Selbstreflexion und assoziativem Überschwang. "Der Titel der Bildfolge steht im Denkbläschen des Piloten", lautet die Cartoonersatzüberschrift. Das Textbanner am Flugzeug ist bündig mit "Themenwechsel" beschriftet. Denken aber tut der Pilot: "Wie gerne würde die arme Mütterberaterin das Thema so brüsk wechseln wie die Herren Comicautoren!"

Klaus Nüchtern in FALTER 19/2009 vom 08.05.2009 (S. 19)


Rezension aus FALTER 42/2008

… und hör'n die herrlichste Musik

Das wird eine langweilige Rede. Nein, keine Koketterie, ich bitte Sie, diese Ankündigung ernst zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig! Soll ich versuchen, witzig zu sein in Anwesenheit von Max Goldt? Bieten könnte ich natürlich eine Ansprache voller Zitate: die klügsten und komischsten Stellen aus dem Goldt'schen Werk, locker verbunden durch einigermaßen elegante Überleitungen. Das würde ich schon hinkriegen. Aber Goldt zu loben, nicht ihn zu bestehlen bin ich hier, und darum sehen Sie mich wild entschlossen zu Ernst und Analyse.

Auch vom Lachen werde ich sprechen müssen. Ich weiß, das ist heikel. Goldt hört dieses Wort gar nicht gerne, es macht ihn ärgerlich, wenn man ihn einen Humoristen nennt, und er hat ja auch Recht: Zu oft gilt, in Deutschland, aber auch anderswo, der Umstand, dass etwas lachen macht, als Indiz für eine gewisse Mittellage des ästhetischen Wertes.
Große Kunst, so nehmen nicht ganz urteilsfeste Menschen an, solle trist sein, bedächtig, schwerfällig, und man müsse ihr noch Mühe, Last und Qual der Produktion anmerken; am besten solle sie noch wortreich beklagen, dass sie gar nicht imstande sei, die Wirklichkeit in Worte zu fassen. Max Goldt aber ist dazu imstande; muss man ihm das zum Vorwurf machen? Gelächter, hat er einmal gesagt, sei das am leichtesten zu erzeugende Geräusch, und das stimmt natürlich – aber nur für ihn.
Zu erwähnen, dass man bei der Lektüre seiner Bücher so lange und laut lachen kann, dass ausdrücklich davon abzuraten ist, diese im öffentlichen Raum zu unternehmen, kann im Land der traurigen Dichter schon als Abwertung verstanden werden, und nichts wäre gegenüber diesen Wunderwerken an Subtilität, diesen Spiegelkabinetten von Eleganz, Klugheit und feindosiertem Wahnsinn verfehlter. Inzwischen hat sich immerhin herumgesprochen, dass es sich bei Goldt um einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart handelt, doch ganz dreist möchte ich hinzufügen, dass er darüber hinaus der vielleicht witzigste ist, der je in dieser Sprache geschrieben hat.

Ich weiß, Superlative fordern Widerspruch heraus, aber versuchen Sie es nur, viele andere Namen werden Sie mir nicht nennen können! Und auch im großen Zusammenhang fällt mir außer dem exzentrischen Genie P.G. Wodehouse keiner ein, der sich an komischer Kraft mit ihm vergleichen lässt. Goldt und Wodehouse haben gemeinsam, dass es bei ihnen keine oberflächlichen Scherze gibt, dass es die Sprache selbst ist, aus deren Tiefen die Komik aufsteigt und dass sie aus diesem Grund auch beide kaum übersetzbar sind. Aber während Wode­houses inhaltlich doch streng konventionelle Romane keine Rätsel aufgeben, stellt einen der Versuch, das Werk Max Goldts zu analysieren, vor echte Probleme.
Will man sich seinen Texten wirklich stellen, will man erklären, was sie ausmacht und wie sie funktionieren, so kommt man rasch ins Stottern. Denn Goldts Literatur ist emphatisch nichtnarrativ. Da bewegen sich keine Charaktere, sondern Gedanken, es gibt keine Handlung, und meist sind da keine anderen Hauptdarsteller als die deutsche Sprache und die frei flottierende Aufmerksamkeit des Autors. Es liegt nahe, dies ein Prinzip der Abschweifungen im Sterne'schen Sinn zu nennen, aber das stimmt nicht ganz: Abschweifen kann man nur von einem Hauptthema, zu dem man zurückzukehren plant, und bei Goldt liegt von vornherein weder dieses Thema noch auch nur ein solcher Plan vor.
Journalisten nennen ihn gerne einen "Alltagsbeobachter", und diese Formulierung verrät in ihrer Hilflosigkeit doch viel über das literarische Projekt Goldts: Beobachter, das soll heißen, dass er genau hinsieht auf Dinge, die wir auch sehen könnten, wenn wir nur ein wenig aufmerksamer wären.
Aber wie er eben kein Abschweifer ist, sondern ein Vertreter denkender Offenheit, so ist er auch kein Beobachter, denn er späht Dingen und Leuten nicht nach, er bemächtigt sich ihrer nicht, er ist bloß wie zufällig in der Nähe und nimmt wahr, er geht, wie sein eigener Buchtitel es formuliert, seitlich vorbei. Und Alltag – das bedeutet nur, dass sein Thema alles, dass bei ihm nichts von vornherein ausgeschlossen ist.

Nichts ist zu nebensächlich und klein, aber auch nichts zu groß, um Inhalt seiner milden Aufmerksamkeit, Gegenstand seiner scharfen Intelligenz zu werden. Apropos Intelligenz: Max Goldts Texte haben die fürs literarische Gelingen keinesfalls notwendige, aber für das Dasein des Lesers sehr hilfreiche Eigenschaft, dass seine Urteile in praktisch allen Fällen stimmen. Seinetwegen achte ich streng darauf, niemals zu früh am Ort der Einladung zu erscheinen, und seinetwegen würde ich Mitarbeitern der Bild-Zeitung nur die Hand geben, wenn ich es gar nicht vermeiden kann. Wie sein Satirikervorfahr Petronius ist Goldt ein Arbiter elegantiarum des zeitgenössischen Lebens, scheinbar Ästhet, letztlich aber der unaufdringlichste Moralist, der sich und uns die zahlreichen ethischen Minimalentscheidungen bewusst macht, an denen entlang wir uns zwar nicht durch unseren Alltag, aber durch alle unsere Tage hanteln.
Das soll aber nun alles nicht zu seriös klingen. Man verkleinert Goldts Leistung, wenn man übergeht, welcher Mut zum Irrsinn und zur Absurdität sich hinter der Ruhe seiner Prosa verbirgt. Wer die perfekte Syntax seiner Sätze liest, wird nicht durch Zufall oft an Thomas Mann erinnert – und tatsächlich ist das einer der wenigen Autoren, zu deren Einfluss sich Goldt bekennt. Bei Goldt wie bei Mann entsteht der Witz aus selbstbewusstem Manierismus, aus einer ironischen Überinstrumentierung des sprachlichen Materials; aber bei Goldt wird dieses Material konfrontiert mit seinem ganz Anderen: dem Sprachmüll der Medien, allen Registern von Umgangssprache und Slang, der starren Knappheit der Bildergeschichte.
Die Comics: Ausdrücklich soll hervorgehoben sein, dass er den Preis auch für sie bekommt und dass ein Teil der Würdigung seinem Comicduopartner Stephan Katz gebührt. Sie sind ein zentraler Teil seines Werkes, und hätte er nichts geschaffen als sie, der Kleist-Preis stände ihm immer noch zu. Goldts Zugriff adelt auch hier das scheinbar Unseriöse, und aus der Energie populärer Formen gewinnt seine Kunst eine Kraft und Originalität, wie sie aus den Seminarräumen der Universitäten nie hätte kommen können. Jetzt doch, ausnahmsweise, ein Zitat:

"Schneid mich aus dem Leib der Erde
Schneid mich raus und wirf mich weit
Wirf auf dass ich ewig falle
Fallende, so heißt es doch,
haben alle Zeit auf Erden
und hör'n die herrlichste Musik."

Ein Songtext aus Goldts Musikerzeit, aber wer könnte leugnen, dass es sich um große Lyrik handelt? Dass er nicht in einem Gedichtband veröffentlicht wurde, sondern auf einer Langspielplatte, ist nur eine weitere Stärke dieses Autors, dem so einschüchternd wenig von der wohlfeilen Verquältheit deutscher Gegenwartsliteratur anhaftet, dass es viel zu lange gedauert hat, bis offensichtlich wurde, dass er nicht nur zu ihr gehört, sondern geradewegs an ihre Spitze.
Humor, wenn sein Resultat Kunst sein soll, lebt von plötzlicher Erhellung, von einer blitzartig sichtbar werdenden Inkongruenz zwischen der chaotischen Welt und jenem Begriff, auf den die Vernunft sie zu bringen unternimmt: Der ordnende Verstand funktioniert und versagt im selben Moment, nichts ist lustig ohne ein noch so kurzes Aufflackern echter Erkenntnis.
Der Humorist braucht einen klaren Blick, noch mehr aber Gelassenheit. Friedrich Schiller unterscheidet zwei Arten von Satire: die strafende und die lachende, also jene, die die Unvollkommenheit des Wirklichen mit Zorn, und jene, die sie mit Lächeln wahrnimmt: "Die strafende Satire erlangt poetische Freiheit, indem sie ins Erhabene übergeht; die lachende Satire erhält poetischen Gehalt, indem sie ihren Gegenstand mit Schönheit behandelt."
Man muss nicht lange überlegen, zu welcher Kategorie Goldt gehört, und in diesem Sinn darf man ihn einen Satiriker nennen. Auch bei ihm geht es um die Kluft zwischen der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie sein sollte, aber Goldt selbst steht vor dem Abgrund in gelassener Ruhe. Das Wesen der lachenden Satire und damit ihres Schöpfers ist es laut Schiller, "frei von Leidenschaft zu sein, immer klar, immer ruhig um sich und in sich zu schauen, überall mehr Zufall als Schicksal zu finden und mehr über Ungereimtheit zu lachen, als über Bosheit zu zürnen oder zu weinen".

Über Ungereimtheiten lachen – das ist nicht nur ein literarisches, es ist ein Lebensziel. Klug und klar durch die Welt gehen, aufmerksam und ohne Groll, begleitet von hellem Witz und einer Intelligenz, die kein Vorurteil duldet und keine Phrase – wer es so weit gebracht hat, der hat es sehr weit gebracht, und wer es noch nicht so weit gebracht hat, muss sich weiter strebend bemühen und tut nicht schlecht daran, währenddessen Max Goldt zu lesen.

Daniel Kehlmann in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 34)


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