Bankrott

von Pierre Bost

€ 20,60
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Nachwort von: Rainer Moritz
Übersetzung: Rainer Moritz
Verlag: Dörlemann
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 260 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Die Geburt des Burn-out aus dem Zuckerhandel

In seinem Roman „Bankrott“ treibt Pierre Bost einen Geschäftsmann in den seelischen und finanziellen Ruin



Wenn ein Roman „Bankrott“ heißt und seinen Protagonisten als einen ehrgeizigen jungen Geschäftsmann vorstellt, der für die bedächtige Firmenpolitik seines im Zuckerhandel tätigen Vaters nie viel übrig hatte und sich nach dessen Tod auf riskante Geschäfte einlässt, kann man davon ausgehen, dass die Geschichte nicht gut endet.

Der französische Literat, Essayist und Drehbuchautor Pierre Bost, um dessen Wiederentdeckung sich der Zürcher Dörlemann-Verlag bemüht, hat diese Strategie des vorsätzlichen Self-Spoilering zum Ausgangspunkt seines 1928 im französischen Original („Faillite“) erschienenen Romans gemacht und sich dann doch einiges einfallen lassen, um seine Leserinnen und Leser zu überraschen.

Das Tempo, in dem das Leben von Brugnon, so nennen wir den jungen Mann, referiert wird – der erste Satz verzeichnet dessen unbeschwerte Jugend, zwei Seiten später ist er 23 und 16 Zeilen weiter auch schon 35 Jahre alt –, eröffnet die Aussicht auf einen rasanten Niedergang. Die 250 verbleibenden Seiten und der Umstand, dass sich das Alter des Protagonisten bei 40 einzupendeln scheint, verraten freilich, dass Brugnons Bankrott dann doch nicht so zügig vonstatten gehen wird.



Darin liegt eine ganz eigene Raffinesse des Erzählens, denn retrospektiv liegt es nahe, die im Finale exzessiv zum Einsatz gebrachte Gewässer- und Schifffahrtsmetaphorik – das Leben ist ein Fluss und so – auf den Roman selbst anzuwenden: Dieser sprudelt als munteres Bächlein los, um schließlich als träg dahinziehender Fluss ins Meer zu strömen, welches „das Ziel und zugleich der Tod aller Flüsse“ ist.

„Bankrott“ ist ein ziemlich eigenartiges Buch, und eine seiner Idiosynkrasien besteht darin, dass es sich nicht festlegen will: nicht auf einen Plot, nicht auf eine Perspektive, nicht auf eine Tonlage. Und so kommt es, dass Bost am Ende ein poetisches Pathos riskiert, mit dem man nicht gerechnet hat.

Auch in diesem Falle bietet es sich an, die Bildlichkeit, die der Roman offeriert, für dessen Beschreibung zu borgen. Es ist, als würde auf der Seine auf einmal eine tote Giraffe vorbeitreiben, wenn man einen derartig wuchtigen und paradoxen Vergleich wie diesen liest: „Und der Fluss trieb wie ein Ertrunkener langsam auf ein grauenerregendes Meer zu.“

Das ist aber, wie gesagt, keineswegs der vorherrschende Sound dieser Erzählung vom Niedergang eines Mannes. „Bankrott“, das mitunter auch als ein früher Vorbote des erst ein halbes Jahrhundert später zur wahren Blüte gelangenden Genres Büroroman gelesen werden kann, schlägt nämlich auch komische und satirische Töne an: So trägt ein Angesteller von Brugnons Firma den sprechenden Namen Quellemaleur.

Allerdings weigert sich der allen Eindeutigkeiten abholde Autor, seinen Protagonisten auf die Rolle des jämmerlichen, selbstmitleidigen, liebeskranken und wohl auch ein bisschen verrückten Mannes festzulegen, obgleich Brugnon das alles auch ist. „Ein Stück weiter entsprach die Börse keiner anderen Notwendigkeit als jener, die sie selbst geschaffen hatte“, heißt es einmal. Das lässt sich zwar als kapitalismuskritische Spitze lesen, eine mehr als skizzenhafte Einbettung in größere ökonomische Zusammenhänge aber – der Roman erschien im Jahr vor der Wirtschaftskrise von 1929 – bleibt aus.

Auch um die Extrapolation einer standes- oder klassenspezifischen Unternehmermentalität scheint es dem Autor nicht vorrangig zu tun zu sein. Breiten Raum hingegen widmet er dem Liebesleben seines Protagonisten zwischen der sich sexuell verweigernden, aber aufopferungsvoll loyalen Simone und der die Amour fou ihres Chefs nicht erwidernden Stenotypistin Florence.

Bei genauerer Lektüre indes erweist sich, wie detailiert und subtil Bost die Verknüpfung von öffentlicher und vermeintlich privater Sphäre erfasst. So wie Brugnon sich bei Prostituierten holt, was ihm Simone verweigert, sucht er den Arbeitsstress mit nächtelangen Ausflügen in Amüsierlokale auszugleichen, bei denen ihn zuweilen sein Sekretär Poussain begleitet, dessen manischer Zigaretten- und Schokoladekonsum ebenfalls auf kompensatorische Süchte schließen lässt.

Als man dem gesundheitlich und psychisch angeschlagenen Brugnon rät, weniger zu arbeiten und sich gegen die Zumutungen des „Zeitalters der Motoren“ zu wappnen, weist er die als zivilisationskritische Suada daherkommende Unterstellung, auch bloß ein Kind seiner Zeit zu sein, entrüstet zurück: „Sammeln Sie Ihren Haufen lächerlicher Worte wieder ein. Mein Jahrhundert! Ich kenne es nicht. Sei es das Jahrhundert, das will, das muss. Ich bin ich.“



Ein halbes Jahrhundert bevor der deutsch-amerikanische Psychologe Herbert Freudenberger den Begriff des „­Burn-out-Syndroms“ etablierte, verhandelt „Bankrott“ dieses Phänomen mit großer Hellsichtigkeit.

Brugnon ist ein Mann, der komplett überfordert ist: Das ständige Taktieren, das notwendig wäre, um auf den Märkten – sowohl den finanziellen als auch amourösen – zu bestehen, beherrscht er nur unzureichend. Die Folgen sind bekannt: Depression und eine Form des abrupten Ausstiegs, die einen Wiedereinstieg unmöglich macht und in Autodestruktion mündet.

So gesehen ist diese Tragödie eines lächerlichen Mannes in mittleren Jahren visionär: Pierre Bosts Landsmann, der Soziologe Alain Ehrenberg, wird sie 1998 in einem berühmten Buch beschreiben. Dessen Titel: „Das erschöpfte Selbst“.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 37)


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