Immer Ärger mit Harry
Roman

von Jack Trevor Story

€ 17,50
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Übersetzung: Miriam Mandelkow
Verlag: Dörlemann
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.02.2018

Rezension aus FALTER 36/2018

Eine Leiche im Wald? Verbuddelt sie halt!

Berühmt durch seine Verfilmung liegt Jack Trevor Storys Roman „Immer Ärger mit Harry“ erstmals auf Deutsch vor

Der Begriff des „Klassikers“ wird in dieser Serie programmatisch breit und leger ausgelegt. Es dürfen nicht nur unbestrittene Gipfelleistungen der Weltliteratur vorgestellt werden, sondern auch Bücher, die es erst wieder (oder erst noch) zu entdecken gilt. „The Trouble with Harry“ etwa assoziiert man fast ausschließlich mit Alfred Hitchcocks schwarzer Filmkomödie aus dem Jahr 1955, und die Wenigsten wissen, dass diese auf dem gleichnamigen, 1949 erschienenen Roman beruht. Bezeichnenderweise ist dieser nun überhaupt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden, und zwar von Miriam Mandelkow, die sich – gemeinsam mit dem Zürcher Dörlemann Verlag – ja bereits große Verdienste um die Wiederentdeckung von Martha Gellhorn und Patrick Hamilton erworben hat.

Hitchcock, damals für Paramount Pictures tätig, hat den Roman seines Landsmanns Jack Trevor Story über den Atlantik ins herbstlich entflammte Vermont verlegt. Aber auch das fiktive Sparrowswick Heath der Vorlage wird als „ein verstohlener, abgelegener Ort“ beschrieben, wo der vierjährige Abie (im Film: Arnie) mit seinem Spielzeuggewehr „aus dem dunklen Tunnel des Waldwegs in die goldene Landschaft“ tritt und über den Titelhelden stolpert, der schon zu Beginn des Romans ziemlich tot ist und das naturgemäß auch bleibt.

Die ikonische Einstellung des Films zeigt Harry buchstäblich aus der „Froschperspektive“, aus der bloß seine beschuhten, nach dem Auftritt eines Landstreichers nur noch besockten und im Finale schließlich nackten Füße zu sehen sind. Der „Darsteller“ des Harry, der Schauspieler Philip Truex, blieb im Vorspann verständlicherweise ungenannt.

Die Pointe des Romans (und des Films) besteht darin, dass gleich drei der Protagonistinnen und Protagonisten glauben, einen entscheidenden Beitrag zu Harrys Ableben geleistet zu haben; dass sich das Bedauern darob in durchaus überschaubaren Grenzen hält; dass man sich aber nicht ganz darauf einigen kann, ob es zweckdienlicher ist, die Leiche verschwinden oder deren Existenz offiziell beglaubigen zu lassen – weswegen Harry auch dreimal verscharrt und anschließend wieder ausgebuddelt wird.

Von „Klassikern“ wird gerne behauptet, dass sie „zeitlos“ seien. Von „Immer Ärger mit Harry“ lässt sich das nicht behaupten. Die Signatur seiner Entstehungszeit ist ihm gleichsam auf die Stirn geschrieben. Das Genre des schwarzen Humors, das damals in Großbritannien eine Hochblüte erlebte, hat mittlerweile einiges Hüftgold angesetzt, und die Kleinstadt als Biotop von gewiss schrulligen und eigenbrötlerischen, im Grunde genommen aber liebenswerten Charakteren hatte überhaupt schon bald seine Schuldigkeit getan. Suburbia war bereits in Richard Yates’ Debüt „Zeiten des Aufruhrs“ („Revolutionary Road“, 1961) nur noch ein anderes Wort für den Mittelstandshorror aus Angestellten- und Hausfrauenfadesse, der mit Alkohol und Ehebruch betäubt werden musste.

Jack Trevor Storys Sparrowswick Heath ist freilich keine artifizielle Retro-Idylle, und Yates’ Vorstadtvorhölle liegt näher, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Noch werden Pfeifchen gepafft und Einladungen zum Fünfuhrtee ausgesprochen, aber die Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft dämmert schon am Horizont. Neu errichtete Bungalows säumen die Straßen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Einwohner in die Shoppingmalls des Nachbarorts fahren, anstatt in Witwe Wiggs Emporium einzukaufen, einem vollgerammelten Krämerladen, dessen Schaufenster von Zigarettenwerbung und „weiblichen Intimtextilien“ dominiert werden.

Alfred Hitchcock und sein Drehbuchautor John Michael Hayes haben die Dialoge des Romans vielfach wortwörtlich übernommen, den Plot gerafft und ein paar Personen weggelassen. Dass die Ehebruchs- und Eifersuchtsgeschichte, die sich zwischen dem lokalen Schwerenöter, einer Tussi und deren Gatten abspielt, diesen Strichen zum Opfer gefallen ist, hat dem Film nicht geschadet. Die Atmosphäre von dampfendem Begehren und altjüngferlicher Trockenheit ist im Roman doch etwas dick aufgetragen.

„Ein Paar. Sie wirkten nervös, als fürchteten sie, gesehen zu werden. Sie waren offensichtlich verheiratet, nur nicht miteinander. Die Frau war blond. Die Frau war außerdem: eine Blondine. (…) Sie war eine Blondine von der Stange, ein Massenprodukt ihrer Zeit, millionenfach ausgeworfen, vom Fortschritt entworfen, vom Kino geschöpft, Zeitschriften entsprungen.“

Der Wechsel von lakonischem Witz zu einer zwischen putziger Ironie und Zivilisationskritik changierenden Verplauschtheit wirkt heute etwas antiquiert. „Immer Ärger mit Harry“ ist, wie gesagt, ein Kind seiner Zeit – einer Zeit, in der David Riesman & Co in dem Soziologiebestseller „The Lonely Crowd“ (1950) den Konformitätsdruck der postindustriellen Gesellschaft beschrieben haben.

Das Frauen- (und damit auch: das Männerbild) des Romans ist, gelinde gesagt, „überholt“. „Sie ist eine nette, gut erhaltene Frau“, meint der als Seebär posierende und selbst alles andere als taufrische Captain Wiles über Miss Graveley, in die er sich verschaut hat – „aber irgendwann muss man Eingemachtes eben aufmachen“. Was aus Sicht der politisch korrekt empörten Nachgeborenen „pfui“ ist, verleiht dem Zeitkolorit aber auch eine Schärfe und Grellheit, die man dem Autor nicht notwendig als reaktionäre Gesinnung ankreiden muss, sondern auch als realistische Hellsichtigkeit auslegen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2018 vom 07.09.2018 (S. 29)


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