Thomas Hobbes' visuelle Strategien
Der Leviathan: Urbild des modernen Staates; zahlr. Abb.

von Horst Bredekamp

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Verlag: Akademie Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Der berühmte britische Mathematiker Allan M. Turing hat in seiner Schrift "Computable Numbers" (1936) das Bild einer leeren Fläche verwendet, die von einem Programmierer mit immer wieder neuen Eintragungen gefüllt wird. Auf der Oberfläche werden Denkvorgänge in der Sphäre der Bilder und Symbole durchgespielt. Einen merkwürdig stimmigen Vorgänger hat Turings Tafel in der Illustration zu einem 1640 erschienenen Text, in dem das Gehirn als weiße Leinwand dargestellt wird: Alle Kenntnisse und Ideen, die die Menschen beim Sündenfall verloren haben, tragen sie nach und nach wieder auf die weiße Leinwand ein.
Der Einfluss visueller Eindrücke auf die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt der Untersuchungen von Horst Bredekamp. Anhand dreier Schlüsselfiguren - Galileo Galilei, Francis Bacon und Thomas Hobbes - erzählt er die frühe Wissenschaftsgeschichte aus einem neuen Blickwinkel: In seinem Band "Antikensehnsucht und Maschinenglauben" gelingt ihm der Nachweis einer evolutionistischen Sicht der Naturgeschichte - gut zweihundert Jahre vor Kants Trennung der naturalis historia in einen beschreibenden und einen historischen Zweig.In seiner Monografie "Thomas Hobbes' visuelle Strategien" hingegen erhellt der deutsche Kunsthistoriker die Gründe für Hobbes' bisher undurchschaubare Entscheidung, das mythische alttestamentarische Monster Leviathan zum semantischen Träger seiner Staatstheorie zu machen. Vom Sehen, das ihn zeitlebens als physiologischer und psychologischer Vorgang beschäftigt hat, schrieb Thomas Hobbes als von einem körperlichen Reagieren: Es geschehe als erzwungene Reaktion des Auges auf die Objekte der Welt, anders als die Sprache, die Handlungen nur hervorrufe, nicht aber ersetze. Die visible power des Bildes füllt für Hobbes den Graben zwischen den Worten und den Menschen. Hier setzt Bredekamp an, denn die Chance der Kunstgeschichte besteht in ihrer Gewöhnung an den Umgang mit den Bildern, die so vielen Geisteswissenschaften suspekt sind; ihre Relevanz bleibt so auch im Zeitalter der Bilderflut gesichert.In seinem neuesten Werk, "Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung", hat sich Bredekamp der katastrophalsten Baustelle der Christenheit angenommen, die angesichts von ehrgeizigen Bauherren und Bauleitern, einer intriganten Bürokratie und einer unglaublichen Ressourcenverschwendung kaum sinnstiftende Interpretationen zuließ. Der Bezugsrahmen von alt und neu verschob sich in einem so wahnwitzigen Tempo, dass unter Carlo Maderno schließlich abgerissen wurde, was man erst im Jahr zuvor gebaut hatte.
Mit der Neuinterpretation zweier berühmter Quellen, der Gründungsmedaille für den Bau Bramantes und dem angeblich "halben" Grundrissplan, wirft Bredekamp die bisher übliche Chronologie der Planungen zugunsten einer neu gedachten, retroaktiv organisierten Bewegung um. Das Neue ist ein Rückgriff auf etwas, das ohne hierarchische Strukturierung in einem großen Reservoir bereitliegt. Evolutionistisch gedachte Ansätze wie die zwanghafte Interpretation der älteren Kunstgeschichte, dass die Geschichte von Neu Sankt Peter mit einem klassischen Zentralbauprojekt beginnen musste, haben hier längst keine Bedeutung mehr.

Inge Podbrecky in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Antikensehnsucht und Maschinenglauben
Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung (Horst Bredekamp)

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