Aby Warburg: Gesammelte Schriften - Studienausgabe / Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek

von Karen Michels, Charlotte Schoell-Glass

€ 119,95
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Verlag: De Gruyter
Format: Hardcover
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Umfang: 722 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.04.2001

Von August 1926 bis Oktober 1929 führten Warburg, Gertrud Bing und Fritz Saxl gemeinsam ein institutionelles Tagebuch. Dieses Journal dokumentiert in 9 Bänden ausführlich die ersten Jahre der Bibliothek Warburg im neuen Gebäude in der Heilwigstraße 116 sowie Warburgs letzte Reise nach Rom. Die Dokumentation hält kleinste Details des Alltagslebens der neuen Institution ebenso fest, wie weit in die Zukunft weisende Forschungspläne. Sie gibt vor allem Einblick in Warburgs Arbeitsweise, die in hohem Maße auf den intellektuellen Austausch mit gleichgesinnten Kollegen ausgerichtet war. Das Tagebuch der K.B.W. stellt eine fundamentale Quelle zur Erforschung der Geistes- und Kulturgeschichte der 20er Jahre dar und gibt einen Einblick in die vielfältigen Bemühungen um die Intitutionalisierung der Kulturwissenschaft. Dabei tritt auch die politische Dimension des Unternehmens Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg erstmals und in überraschender Deutlichkeit zu Tage. Zu den wertvollen Einträgen der Erschließung des Tagebuchs gehört auch das Sichtbarwerden eines dichtgewebten Netzes persönlicher Beziehungen. Namen aus dem Hamburger Umfeld, aus deutschen und internationalen Zusammenhängen belegen nicht nur individuelle Interessenskonvergenzen, sondern spiegeln auch die Dynamik der Prozesse wissenschaftlicher Formierung und Auseinandersetzung in den mittleren Jahren der Weimarer Republik.

Rezension aus FALTER 12/1999

Der Forscher als Stifter

Bücher von und über Aby Warburg geben Einblick in das Leben und Werk einer der wegweisenden Gelehrtenpersönlichkeiten am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Unter den Begründern der kulturwissenschaftlichen Anthropologie ist Aby M. Warburg (1866-1929) zweifellos eine der schillerndsten Figuren. Er war "Hebräer dem Blute, Hamburger dem Herzen, Florentiner der Seele nach", wie er einmal erklärte. Finanzielle Unabhängigkeit war ihm durch das Vermögen seiner Familie gegeben, die ein Bankhaus besaß. Dennoch war er zu einer unbeschwerten Existenz als Privatgelehrter nicht fähig: Heftige innere und äußere Konflikte, der Weltkrieg und die deutsche Niederlage, ließen ihn erkranken. Ein jahrelanger Sanatoriumsaufenthalt in Kreuzlingen folgte.
Nichts weniger als die Erforschung des Fortlebens der Antike hatte sich Warburg als intellektuelle Aufgabe gestellt. In seiner kunsthistorischen Dissertation "Sandro Botticellis ,Geburt der Venus' und ,Frühling'" (1893) wies er nach, daß die zentrale Frauenfigur Simonetta Vespucci darstellte, die Angebetete zweier Medici. Freilich hatte er mehr als bloß diese Entdeckung gemacht. In der Florentiner Bürgerin war ihm die antike Nymphe begegnet, deren "bewegtes Beiwerk in Haar und Gewandung" von den heftigen Affekten zeugte, die sie ebenso auslöste, wie sie von ihnen selbst ergriffen war. Als Judith und Salome, aber auch auf Briefmarken, als Tennis- und Golfspielerin, fand er sie wieder.

Erneuerer der Antike
Warburgs Leistung besteht darin, die klassizistische Auffassung von der "stillen Größe" der Griechen dynamisiert zu haben. Denn antikes Erbe zeige sich gerade dort, wo Unruhe bis hin zu Verfolgung, Kampf und Zerrissenwerden herrsche: Nicht Apollon, sondern Dionysos galt sein Augenmerk. Er nahm die Überlieferungsleistung der Bilder ernst wie kaum einer und erblickte unter der bürgerlichen Etikette primitive Leidenschaften. So erkannte er in den lebensgroßen Effigien aus Wachs, die die Florentiner Patrizier in ihre Kirchen hingen, die Abwehr nackter Todesangst.
Die Kenntnis von Warburgs Schaffen begründete sich bisweilen nur aufs Horensagen oder auf die Lektüre von Ernst Gombrichs so epochaler wie umstrittener Biographie (1970, dt. 1981). Nun liegt aber, als Reprint von 1932, "Die Erneuerung der Antike" vor, im Untertitel "Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der europäischen Renaissance". "Daß im Grunde trotz seiner Art, prinzipielle Dinge nicht auszusprechen, in den veröffentlichten Schriften" - die der vorliegende Band umfaßt - "alles Wesentliche drin steht und herauszulesen sein müßte", war die Überzeugung von Gertrud Bing, der ersten Herausgeberin der Werke Warburgs und seiner engen Mitarbeiterin.
Erforscher von Ritualen
Doch ist die so begonnene Studienausgabe ein Vorhaben, das vor allem den Nachlaß allgemein zugänglich machen will, dessen Umfang bisher nur erahnt werden kann. In ihr soll auch eine Abteilung "Kleine Schriften und Vorträge" erscheinen, darunter auch der zum Schlangenritual der Pueblo-Indianer. Er hat aus verschiedenen Gründen Berühmtheit erlangt.
Warburg hielt ihn 1923 in Kreuzlingen als Probe seiner wiedergewonnenen Gesundheit. Als Thema wählte er eine Episode eines Aufenthalts in Amerika (1895/96), als er mit seiner Bull's-Eye-Boxkamera die Kulttänze der Indianer, aber auch Uncle Sam festhielt, der mit dem Elektrodraht "der Natur den Blitz entwunden" hat. Abzüge davon kann man jetzt im Altonaer Bahnhof in Hamburg oder - bequemer - im vorzüglichen Katalog mit dem Titel "Grenzerweiterungen" sehen, dessen Beiträge das wilde Amerika und den genesenden Warburg zusammenbringen.

Errichter einer Bibliothek
Als großte Tat muß aber die Stiftung seiner Bibliothek gelten. Seit 1905 war sie, die "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg (KBW)", für jeden, der am Gedächtnis der Gattung arbeitete, Instrument und Laboratorium. Vor den Nazis konnte sie nach London gerettet werden, wo sie den Kern des dortigen Warburg Institute bildet - einer einzigartigen Stätte des Geistes.
Zu ihrer Etablierung hat auch ein Wiener Wesentliches beigetragen: Fritz Saxl (1890-1948). Seit 1913 war er Bibliothekar in Hamburg und wichtiger Mitarbeiter. Er, der "Büchermann", sehnte sich während der Zeit an der italienischen Front nach "diesem wunderbaren Milieu, gemischt aus Leben und Wissenschaft". Bücher von und über Aby Warburg geben Einblick in das Leben und Werk einer der wegweisenden Gelehrtenpersonlichkeiten am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Erforscher von Ritualen
Doch ist die so begonnene Studienausgabe ein Vorhaben, das vor allem den Nachlaß allgemein zugänglich machen will, dessen Umfang bisher nur erahnt werden kann. In ihr soll auch eine Abteilung "Kleine Schriften und Vorträge" erscheinen, darunter auch der zum Schlangenritual der Pueblo-Indianer. Er hat aus verschiedenen Gründen Berühmtheit erlangt.
Warburg hielt ihn 1923 in Kreuzlingen als Probe seiner wiedergewonnenen Gesundheit. Als Thema wählte er eine Episode eines Aufenthalts in Amerika (1895/96), als er mit seiner Bull's-Eye-Boxkamera die Kulttänze der Indianer, aber auch Uncle Sam festhielt, der mit dem Elektrodraht "der Natur den Blitz entwunden" hat. Abzüge davon kann man jetzt im Altonaer Bahnhof in Hamburg oder - bequemer - im vorzüglichen Katalog mit dem Titel "Grenzerweiterungen" sehen, dessen Beiträge das wilde Amerika und den genesenden Warburg zusammenbringen. Bücher von und über Aby Warburg geben Einblick in das Leben und Werk einer der wegweisenden Gelehrtenpersonlichkeiten am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Teile seiner Korrespondenz mit Warburg hat Dorothea McEwan, die am Warburg Institute das Archiv leitet, editiert und kommentiert. Sie ist ebenfalls eine Wienerin in London und rekonstruiert das erste Jahrzehnt der KBW mit viel Umsicht.
Am Ende dieses ersten Jahrzehnts stand Warburgs bereits erwähnter Zusammenbruch. Bücher von und über Aby Warburg geben Einblick in das Leben und Werk einer der wegweisenden Gelehrtenpersonlichkeiten am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Daß er auch Resultat antisemitischer Erfahrungen war, macht die Untersuchung von Charlotte Schoell-Glass deutlich. Sie meint, daß sich in der dionysischen Raserei gleichsam der Blutrausch des Pogroms verpuppt habe. Angesichts einer Hochzeitstruhe, die Botticelli mit dem Thema Liebesrache bemalt hatte, bemerkte Warburg: "Die wilde Jagd mit orgiastischem Kannibalismus brauste hier in die wohlgeordnete Familienfeier hinein: dämonischer Unterstrom durchbricht die dünne christlich-katholische Oberschicht und hofische Gesittung".
Denkt man an die Ereignisse nach 1933, so war es auch eine Prognose für die Zukunft."

Martin Treml in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 25)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Aby Warburg und der Antisemitismus (Charlotte Schoell-Glass)
Ausreiten der Ecken (Nicholas Mann (Hg.), Dorothea McEwan)
Grenzerweiterungen (Benedetta Cestelli Guidi, Nicholas Mann)

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