Rasse und Klasse
Nachforschungen zum deutschen Wesen

von Götz Aly

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Der deutsche Zeithistoriker Götz Aly stellt höchst provokante "Nachforschungen zum deutschen Wesen" an. Seine Kernthese: Der Nationalsozialismus brachte dem kleinen Mann viele Vorteile.

Das Gelände, auf dem sich die Geschichtswissenschaft bewegt, ist der Steinbruch der historischen Quellen. Aus ihm werden Fakten und nichts als Fakten geschlagen, dank derer sich historische Entwicklungen objektiv rekonstruieren lassen. Was logisch klingt, ist in Wahrheit Schönfärberei. Schon deshalb, weil Historiker den politischen Einflüssen ihrer Zeit unterworfen sind, liefern sie nie mehr als ihre Interpretation der Vergangenheit.

Götz Aly, Journalist und Zeithistoriker, hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, im Besonderen die Ära des Nationalsozialismus einer immer währenden Revision zu unterwerfen. Dank seiner Biografie vom 68er-Maoisten zum Mitarbeiter der Berliner tageszeitung und weiter zum freischaffenden antiideologischen Intellektuellen sowie zum Gastprofessor am Wiener Institut für Zeitgeschichte bringt er dafür besondere Voraussetzungen mit.

"Rasse und Klasse", Alys jüngste "Nachforschungen zum deutschen Wesen", versammelt 27 auf den ersten Blick unscheinbare Aufsätze: Berichte über Ärzte und Journalisten, die Hitlers Wahn mit vorauseilendem Gehorsam unterstützten und später dennoch als moralische Vorbilder gehandelt wurden; Essays über Rückkopplungen zwischen der Rhetorik von Ernst Jünger und Osama bin Laden; Artikel zu ethnischen Vertreibungen, die mit dem NS-Regime direkt oder indirekt in Verbindung standen.

25 diese gut geschriebenen Einblicke in das weite Feld der NS-Herrschaft dienen Aly dazu, eine höchst provokante Frage zu beantworten: Wie gelang es Hitler, die Mehrheit der Deutschen so stark an sich zu binden, dass sie Euthanasie und Judenvernichtung akzeptierten? Alys Antwort: Die Ideologen der NSDAP machten sich eine Vision zu Eigen, die in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges geboren wurde: die Idee einer kleinbürgerlichen Gesellschaft ohne Klassenschranken. Nicht die Geburt, sondern die persönliche Leistung sollte in der NS-Zeit über den sozialen Status entscheiden. Mit der Konsequenz eines Revolutionärs trieb Hitler die Politik der sozialen "Aufwärtsmobilisierung" voran.

Der kleine "arische" Mann konnte den Abschnitt bis zum "Endkampf" folglich nur als Zeit der Befreiung und des Aufstiegs empfinden. Denn die Rücksichtslosigkeit, mit der Hitler ans Werk ging, diente immer seinen Belangen. Mit der Vernichtung der deutschen Juden schuf Hitler Platz für berufliche Laufbahnen. Mit dem Blitzkrieg beziehungsweise den eingetriebenen "Besatzungskosten" - 50 Prozent des letzten Friedenshaushaltes eines Landes - sicherte er die Finanzierung. Die besetzten Länder wurden gezwungen, die Rechnung über die Vernichtung ihrer Juden und das dabei konfiszierte Kapital zu begleichen.

Provokant an Alys gleich zweimal durchargumentiertem Erklärungsmodell ist nicht nur die Korrektur der aus der Linken gewachsenen These, das internationale Großkapital hätte Hitler finanziert. Diese "Zielrichtung bleibt", so Aly, "selbst dann falsch, wenn sie von den betroffenen Unternehmen zur Vermeidung größerer Imageschäden schnell akzeptiert wurde." Provokant ist vor allem sein Postulat, "die Ermordung der europäischen Juden als Teil einer Politik zu begreifen, die ihre Kraft aus der Gleichheitsidee bezog". Dieselbe Gleichheitsideologie, die für Millionen Tod im KZ oder Gaskammern hieß, bedeutete also letztlich "für Millionen Europäer einen entscheidenden lebensgeschichtlichen Fortschritt".

Konsequent lautet denn auch Alys pathetisches Schlusswort in kritischer Abwandlung eines Zitats von Max Horkheimer: "Wer von den vielen Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen."

Martin Droschke in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 33)


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